Mehr Diversität im Fußball

Mehr Diversität im Fußball

Stephanie Gonçalves Norberto ist Pädagogische Leiterin im NLZ des FC St. Pauli und Gründerin von "The League". Ihr Anliegen: Mehr Diversität im Fußball.
Stephanie Gonçalves Norberto ist bei "Flutlicht an!" zu Gast
Stephanie Gonçalves Norberto ist bei "Flutlicht an!" zu Gast
© Marc Tirl/Privat/SPORT1
Mara Pfeiffer
von Mara Pfeiffer
am 2. Juni

Stephanie Gonçalves Norberto ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie gut es den verstaubten Systemen innerhalb des Profifußballs tut, von außen mit frischem Wind versorgt zu werden.

Über ihren Wechsel in den Sport sagt Gonçalves Norberto, die als Pädagogische Leitung im Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli arbeitet: "Es war definitiv ein Kulturschock."

Gonçalves Norberto kickte selbst

Dabei war die Pädagogin, die in den Niederlanden kulturelle und gesellschaftliche Bildung studiert hat, dem Fußball vorher durchaus schon in Begeisterung verbunden. Als kleines Mädchen kickte sie selbst gegen den Ball und geboren und aufgewachsen in Dortmund kennt sie das Westfalenstadion von vielen Spielen.

Beruflich jedoch war sie vor der Tätigkeit beim FC St. Pauli als Sozialpädagogin im öffentlichen Dienst, wo sie mit jungen Menschen arbeitete, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihrer Heimat flüchten mussten.

Durch ihre ehrenamtliche Arbeit für "Viva con Agua" beim Kulturfestival "Millerntor Gallery" kannte sie auch das Stadion ihres heutigen Arbeitgebers gut, ebenso wie die Werte des Vereins. Von beidem wusste sie: Das passt zu ihr. Also bewarb sich Gonçalves Norberto auf die ausgeschriebene Stelle und ist seit 2018 im Verein.

Fußball hat Nachholbedarf bei Diversität und Werten

Dessen Haltung überzeugt sie auch aus der Binnensicht, generell sieht die Feministin im Fußball aber großen Nachholbedarf, wenn es um gesellschaftliche Positionierungen, Diversität und Werte geht.

Neben Gonçalves Norberto arbeitet beim FC St. Pauli mit Anna Kunze eine weitere Frau hauptamtlich auf Leitungsebene, dazu kommen Vizepräsidentin Christiane Hollander und Sandra Schwedler als Vorsitzende des Aufsichtsrates. Für den Profifußball der Männer ist das schon außergewöhnlich, ändert aber nichts daran, dass die Pädagogin anfangs in vielen Runden die einzige Frau ist. "Das hat schon etwas mit mir gemacht."

Den Mangel an Diversität bewertet sie im Fußball deutlich höher als in anderen gesellschaftlichen Bereichen und möchte etwas daran ändern. Aus Liebe zu dem Sport und "weil ich dem Fußball mehr zutraue".

Plattform "The League" zum Austausch

Im Frühjahr 2020 gründet Gonçalves Norberto "The League", eine Plattform für Frauen und nicht binäre Personen, die in der Sportbranche tätig sind. Sie möchte vernetzen und Räume zum Austausch anbieten.

"Ich finde, es ist wichtig, wenn eine betroffene Person – und ich gehöre ja zur Gruppe von Menschen, die weniger vertreten ist im Fußball –, sich äußert, muss man ihr zuhören und sie ernst nehmen", betont die Wahlhamburgerin. Die Rede davon, Geschlecht spiele keine Rolle, könnten sich nur jene leisten, deren Privilegien dafür sorgen, dass sie immer einen Platz am Tisch haben – und meist unter ihresgleichen bleiben.

Vernetzung von Personen, die nicht zum Kreise der Cis-Männer gehören, hat für Gonçalves Norberto vor allem den Hintergrund, dass aus Gemeinschaft Stärke und Selbstverständnis entstehen. "Ich muss mich nicht dafür bedanken, dass ich einen Platz bekomme. Er steht uns Frauen zu", macht sie unmissverständlich klar. Und weitet zugleich den Blick über das Thema Gender hinaus, indem sie betont, wie viele Ebenen Diversität hat, und dass sie alle aktiv mit angegangen werden müssen. "Da dürfen wir uns nicht denselben Fehler erlauben."

Fußball kann von Vielfalt nur profitieren

Will heißen, so, wie Frauen es nicht mehr hinnehmen, immer nur "mitgedacht" zu sein, dürfen diese nun nicht alle anderen nur mitdenken. "Es ist wichtig, dass wir uns bewusstwerden, welche Privilegien wir genießen und zu reflektieren: Welche Stellschrauben kann ich drehen, um Zugänge zu schaffen."

Diversität als eine Art Modethema abzutun, findet Gonçalves Norberto nicht nur gesellschaftspolitisch falsch, sondern auch unternehmerisch unklug, weil der Fußball von dieser Vielfalt nur profitieren könne. Letztlich gehe es um Repräsentation, um Vorbilder. "Menschen, die mir zeigen, dass im Fußball alles für mich möglich ist."