Plötzlich hat Robert Andrich wieder gut lachen
Zoff mit dem Trainer? Das sagt Andrich
Zu Saisonbeginn hat Robert Andrich bei Bayer Leverkusen sportlich und emotional schwere Zeiten erlebt. Neben der Kapitänsbinde verlor er auch seinen Stammplatz. Abschreiben, das zeigt er jetzt, sollte man ihn aber wohl noch längst nicht.
Robert Andrich war natürlich bestens gelaunt. Warum hätte es auch anders sein sollen. Ein verschmitztes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er die obligatorische Gesprächsrunde in der Mixed Zone nach dem wilden 4:3 von Bayer Leverkusen beim 1. FSV Mainz 05 kurzerhand selbst eröffnete. „Die erste Frage geht heute an euch“, sagte er: „Wie viele Bundesliga-Tore habe ich?“ Unter den anwesenden Journalisten fand sich spontan niemand, der die richtige Antwort wusste.
Nachdem jemand „vier“ getippt hatte, reagierte Andrich, der an diesem Tag sein 200. Bundesligaspiel absolviert hatte, mit einem typisch trockenen „Wahnsinn“ und löste auf. 21 sind es inzwischen. Darunter auffallend viele von der Sorte, die man sich gern noch einmal anschaut. Sein jüngster Treffer gehört zweifellos dazu. Keine fünf Minuten waren am Samstagnachmittag gespielt, als der Ball an der Strafraumkante vor seinen Füßen landete. Andrich nahm ihn volley und jagte ihn mit voller Wucht ins Netz.
„Immer wenn ich treffe, ist es ein Traumtor“, schmunzelte Andrich, ehe er einige seiner schönsten Treffer aufzählte und sein neuestes Kunststück sezierte: „Ich war erstmal froh, dass Ibo (Ibrahim Maza; Anm. d. Red.) mich gehört hat, nicht auch hingegangen ist und gemerkt hat, dass ich in der besseren Position bin, um von hinten den Ball zu schießen. Ich treffe den natürlich sehr, sehr gut. Meine Körperhaltung war nicht ganz perfekt, aber ich glaube, so viel gibt es da nicht zu meckern.“ Jedenfalls nicht an diesem Tag. Dem wohl besten seiner bisherigen Saison.
Leverkusen: Andrich musste die Kapitänsbinde abgeben
Es ist noch gar nicht so lange her, da gehörte Andrich zu jener Leverkusener Mannschaft, die ungeschlagen die Meisterschaft gewann. Später fungierte er bei der EM 2024 quasi als persönlicher Bodyguard von Toni Kroos, war als Nationalspieler plötzlich in aller Munde. Doch nach einer durchwachsenen Vorsaison hat sich die Lage grundlegend verändert. Aus dem Stammspieler ist einer geworden, der um seinen Platz kämpfen muss. Einer, der sein Kapitänsamt an Edmond Tapsoba abgeben musste. Im Sommer wurde ihm gar ein Wechsel nahegelegt. Die Schlagzeilen entwickelten sich mehr und mehr in eine Richtung, die ihm keine Freude bereitete.
Besonders deutlich wurde das vor dem Saisonstart in Elversberg. Carles MartÃnez hatte zuvor erklärt, mit Andrich über dessen überschaubare Aussichten auf regelmäßige Spielzeit gesprochen zu haben. Dann wurde der Coach auf einer Pressekonferenz gefragt, ob der Abgang von Positionskonkurrent Exequiel Palacios die Situation des Mittelfeldspielers verbessert habe. Seine Antwort auf Spanisch, er habe seitdem noch nicht wieder mit Andrich gesprochen, wurde in einigen Medien missverständlich wiedergegeben und hatte hohe Wellen geschlagen. Teils entstand der Satz: „Ehrlich gesagt rede ich nicht mit ihm.“ Die Zukunft des Routiniers in Leverkusen schien ungewiss.
Mit seiner ungewohnten Rolle musste sich Andrich zunächst arrangieren. Eine sportlich wie emotional schwierige Phase, wie er mittlerweile einräumte. „Für den Kopf war das gerade nicht immer einfach. Vor allem, wenn man letztes Jahr Kapitän war und im vergangenen Jahr fast jedes Spiel gemacht hat“, betonte er kürzlich in einem Interview mit Sky. Auch die mitunter öffentlich ausgetragenen Debatten setzten ihm im Laufe der Zeit ebenso zu: „Am Anfang der Saison wurde sehr, sehr viel über meine Person berichtet, mehr als sonst – mehr auch in die Richtung Abschied oder nicht.“
Bayer-Coach MartÃnez sieht Garcia und Fernandez vor Andrich
Zu einem Transfer kam es nicht. Andrich entschied sich für den Verbleib in Leverkusen und ließ nicht locker. Dass sich die Dinge im Fußball mitunter rascher ändern, als einem lieb sein kann, hatte er schließlich am eigenen Leib erfahren. Kein Wunder, dass die Schnelllebigkeit des Geschäfts für den ehemaligen Nationalspieler ein Thema bleibt: „Die Meistersaison ist jetzt zwei Spielzeiten her – eigentlich noch gar nicht lange. Aber im Fußball geht es einfach immer weiter, und für das, was vor zwei Jahren war, dankt dir heute keiner mehr.“ Erst recht kein neuer Trainer, der seine Vorstellungen umsetzen und festigen will.
Unter MartÃnez, der im Sommer auf den wenig erfolgreichen Kasper Hjulmand folgte, musste sich Andrich bislang hinter den stets im defensiven Mittelfeld gesetzten Aleix GarcÃa und Ezequiel Fernández einreihen. In der laufenden Saison kam er zuvor lediglich in drei Spielen zum Einsatz, nur einmal davon stand er in der Europa League in der Startelf. Gegen Mainz ergab sich nun eine Gelegenheit. Weil Fernández nach seiner Länderspielreise mit Argentinien erst spät zurückgekehrt war, rückte Andrich in die Anfangsformation und erhielt seine Chance. Und er nutzte sie.
Andrich gibt die passende Antwort
„Ich würde mal sagen, es war nicht verkehrt“, antwortete er ein weiteres Mal grinsend. „Ein Tor ist auch nicht so schlecht. Der Sieg ist natürlich das Wichtigste. Wenn du ein Tor schießt und du verlierst 1:4, bringt es dir auch nichts.“ Augenblicke später wurde Andrich grundsätzlicher. „Aber wie ich schon gesagt habe, wir haben so viele Spiele und wir haben so viele Spieler. Und wenn jeder, der anscheinend hinten dran ist, versucht reinzukommen, dann werden wir besser. Das hat uns vor Jahren mal ausgezeichnet.“ Bei der Meistersaison unter Xabi Alonso, als die Werkself nahezu beliebig rotieren konnte und dennoch ihr Niveau hielt.Â
Genau dorthin will Andrich zurück. Wieder einer sein, auf den sich die eigene Mannschaft verlassen kann. Sich festbeißen, einfach Spielminuten sammeln, den eigenen Wert beweisen. Sein sehenswerter Volley in Mainz war noch kein endgültiger Beleg dafür, dass ihm das gelingt. Aber vielleicht ein guter Anfang. Und womöglich die beste Antwort auf all das, was in den vergangenen Wochen und Monaten geschrieben und gesprochen wurde.