Bleibt Bayer-Rekordmann Tillman nur die Flucht?
Bundesliga-Star gelingt Zauber-Freistoß
Malik Tillman ist im vergangenen Jahr für eine Rekordsumme zu Bayer Leverkusen gewechselt, findet aber einfach nicht in die Spur. Ob sich das noch ändert? Mittlerweile deutet nicht mehr viel darauf hin.
Es gibt Bilder, die kaum mehr Symbolkraft entfalten könnten – im Guten wie im Schlechten. Ein Handtuch über dem Kopf, den Blick gesenkt, die Schultern nach vorne gezogen: So schlich Malik Tillman nach Leverkusens 2:4 gegen den VfB Stuttgart durch die Katakomben der BayArena.
Gemeinsam mit Teamkollege Ibrahim Maza traf er dort nach einer Weile auf Bilal El Khannouss. Der wiederum wunderte sich offenbar sehr über das, was zuvor auf den Zuschauerrängen geschehen war. „Haben sie dich ausgebuht? Warum?“, fragte der Marokkaner recht ungläubig auf Englisch.
Bayer Leverkusen: Tillmann von den eigenen Fans ausgebuht
Tillmans Antwort war in diesem Moment wenig bis gar nicht zu verstehen. Viel erklären musste er allerdings auch nicht mehr. Denn tatsächlich: Als er in der Schlussphase für Afonso Moreira eingewechselt wurde, begleiteten vereinzelte Pfiffe seine ersten Sekunden auf dem Rasen. Ein zweifellos bitterer Moment für den 24-Jährigen.
Von den eigenen Anhängern ausgebuht zu werden, ist eine Höchststrafe, ein Tiefschlag für jeden Spieler. Dass das Verhältnis zwischen Tillman und einem Teil der Leverkusener Fans inzwischen erheblich belastet ist, ist unübersehbar.
„Ich finde es schade“, sagte Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes. Er habe die Situation „nicht so extrem“ wahrgenommen, die Pfiffe seien nicht besonders laut gewesen. Dennoch ist ihm bewusst, dass sich Tillman in einer überaus komplizierten Lage befindet.
„Als Spieler musst du nach vorne gucken, auch in schwierigen Zeiten. Wenn du gerade nicht die beste Situation hast, hilft nur die Flucht nach vorn“, sagte Rolfes einige Minuten später und betonte, dass es in jeder Karriere verzwickte Phasen gebe: „Da musst du auf jeden Fall an dich selbst glauben.“ Eine öffentliche Rückendeckung? Klingt anders.
Tillman ist der Rekordeinkauf von Bayer Leverkusen
Fest steht: Als Leverkusen Tillman im Sommer 2025 von der PSV Eindhoven verpflichtete, waren die Erwartungen gewaltig. Rund 35 Millionen Euro soll der Transfer gekostet haben – eine Summe, die ihn zum Rekordeinkauf des Klubs machte.
In Eindhoven hatte Tillman zuvor als einer der herausragenden Spieler der Eredivisie gegolten. Auch seine ersten Erfahrungen beim FC Bayern hatten früh erkennen lassen, welch enormes Potenzial in ihm steckt. In seiner ersten Bundesliga-Saison blieb der Ertrag jedoch überschaubar: sechs Treffer, eine Vorlage und immer wieder Diskussionen um seine Person.
Bei Bayer hatten sie schließlich Großes mit ihm vor. Nach dem Abschied von Florian Wirtz bekam Tillman dessen prestigeträchtige Rückennummer zehn und sollte zu einem Gesicht einer neuen Werkself-Generation werden. Doch dann wechselte der Coach, mit Kasper Hjulmand konnte sich Tillman nie anfreunden.
Neue Chance unter Trainer Carles Martínez nicht genutzt
Im August räumte er in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger selbst ein: „Ich bin wohl nicht richtig angekommen.“ Ohne den erneuten Wechsel auf dem Trainerstuhl, so ließ Tillman selbst durchblicken, hätte er die Rheinländer womöglich längst verlassen.
Nachfolger Carles Martínez eröffnete ihm zwar die erhoffte zweite Chance. Nutzen konnte Tillman sie bislang allerdings kaum. In den ersten beiden Ligaspielen unter dem neuen Coach stand er noch in der Startelf. Einen nachhaltigen Aufschwung leitete das aber nicht ein. Vielmehr ging es wieder bergab.
In der Bundesliga ist er inzwischen auf die Rolle des Ergänzungsspielers reduziert. Nur im DFB-Pokal und in der Europa League durfte er seither noch von Beginn an ran. Die sportliche Lage jetzt ist das eine. Das andere ist die Wahrnehmung auf den Zuschauerrängen.
Körpersprache von Malik Tillman wird zum Thema
Manche Leverkusener Anhänger stören sich nicht nur daran, dass Tillman bislang hinter den Erwartungen zurückbleibt. Es ist auch seine Körpersprache, die immer wieder für großen Unmut sorgt.
Auf dem Platz wirkt er bisweilen teilnahmslos, in seinen Sequenzen fehlt mitunter die letzte Entschlossenheit. Gute Aktionen wechseln sich mit Phasen ab, in denen er kaum Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft nimmt.
Mal blitzt seine technische Klasse auf, dann verschwindet er wieder über weite Strecken. Ein Auf und Ab, das sich seit seiner Ankunft durchzieht – zuletzt mit großer Tendenz nach unten.
Sowohl bei seinem Startelfeinsatz gegen Nürnberg (5:2) als auch nun als Joker gegen Stuttgart blieb Tillman weitgehend wirkungslos. Erneut stellte sich die Frage, wann es zwischen ihm und der Werkself endlich Klick machen soll.
Bei der WM noch aufgetrumpft, jetzt der Buhmann
Denn an den grundsätzlichen Fähigkeiten mangelt es nicht. Tillman besitzt die Technik, die Übersicht und die offensive Kreativität, um auf höchstem Niveau eine Rolle zu spielen. Bei der PSV hat er das ebenso gezeigt wie im Trikot der US-Nationalmannschaft. Während der Weltmeisterschaft erzielte er in fünf Partien zwei Tore und bereitete einen weiteren Treffer vor.
Dass die Situation nicht spurlos an Tillman vorbeigeht, ist auch Martínez nicht entgangen. „Wir arbeiten mit ihm, seine mentale Verfassung leidet manchmal. Wenn man mental nicht so gut drauf ist, wird es noch schwieriger“, erklärte der Spanier.
Auffällig aber, dass weder er noch Rolfes Kritik an den Zuschauern übten, die Tillman ausgepfiffen hatten. „Ich kann ihnen nicht sagen, was sie tun sollen“, sagte der Trainer weiter. Insgesamt habe er den Eindruck gehabt, dass die Fans hinter der Mannschaft stünden und sie unterstützten.
Hat Tillman in Leverkusen noch eine Zukunft?
Leverkusen werde Tillman helfen, „sich zu verbessern. Es liegt an uns allen, Malik besser zu machen und diese Wahrnehmung zu verändern“, schilderte Martínez. Nur: Gelingt das wirklich? Die Zeit dafür läuft nicht unbegrenzt. Vor der nächsten Länderspielpause warten noch wichtige Spiele, für Bayer ebenso wie für Tillman persönlich.
Für die Mannschaft geht es darum, die Stabilität zu finden. Für den Spielmacher darum, sich selbst wiederzufinden. Wie lange der Bundesligist und Tillman selbst noch Geduld aufbringen, wie lange beide Seiten noch aneinander festhalten, ist eine andere Frage.
Tillmans Vertrag läuft noch bis 2030. Im Sommer soll Bayer ein Angebot von Brighton & Hove Albion über 45 Millionen Euro ausgeschlagen haben. Das unterstreicht, welchen Wert der Klub seinem Rekordeinkauf weiterhin beimisst. Doch was passiert, wenn sich seine Situation nicht verbessert? Bleibt ihm am Ende nur der Abschied?
Die kommenden Wochen dürften richtungsweisend werden. Denn so, wie es derzeit läuft, ist eine weitere gemeinsame Zukunft ziemlich schwer vorstellbar.