FC Bayern wollte ihn: Bonmanns verrückter Weg

FC Bayern wollte ihn: Bonmanns verrückter Weg

Hendrik Bonmann verdient derzeit sein Geld in Bulgarien. Der Torhüter erzählt seinen ungewöhnlichen Karriereweg und verrät, dass er 2025 um ein Haar beim FC Bayern gelandet wäre

Der FC Bayern war zum Greifen nah – doch dann platzte der Traum von der ganz großen Bühne. Hendrik Bonmann stand im Sommer 2025 kurz vor einem Wechsel zum deutschen Rekordmeister. „Sehr konkret“ sei das Interesse gewesen, sagt der Torhüter von Ludogorez Rasgrad im Interview mit SPORT1. „Eigentlich war schon alles zwischen uns geklärt.“ Doch am Ende blieb Bonmanns größte Chance seiner Karriere ungenutzt.

Dabei war der Weg des 32-Jährigen ohnehin alles andere als gewöhnlich. Als Jugendlicher wurde er beim FC Schalke aussortiert, weil er zu klein war. Später arbeitete er bei Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, ehe ihn sein Weg über 1860 München nach Bulgarien führte. Dort spielt Bonmann inzwischen regelmäßig auf europäischer Bühne. Im Interview spricht er über prägende Trainer, den enormen Erfolgsdruck bei einem Serienmeister und die verpasste Chance beim FC Bayern.

Bonmann bei Schalke aussortiert

SPORT1: Herr Bonmann, Sie haben Ihre Karriere in der Jugend des FC Schalke 04 begonnen und wurden dann wegen Ihrer Körpergröße als nicht torwarttauglich eingestuft. Wie haben Sie das damals erlebt?

Hendrik Bonmann: Ich war fünf Jahre bei Schalke im Nachwuchsleistungszentrum. Natürlich hatte man dort die besten Bedingungen, war ordentlich verwöhnt und hat das genossen. Als in der U17 zwei Jahrgänge zusammenkamen, gab es aber bessere Torhüter und ich war in dem Moment mit 1,71 Meter noch zu klein. Dann wurde ich aussortiert. Mit 15 denkt man natürlich erst einmal: ‚Okay, dann spiele ich jetzt nur noch mit meinen Freunden Fußball‘. Aber relativ schnell hat sich die Möglichkeit bei Rot-Weiss Essen ergeben. Heute bin ich 1,94 Meter groß.

SPORT1: Später standen Sie bei Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp und Thomas Tuchel unter Vertrag. Was ist Ihnen von den beiden Trainern besonders in Erinnerung geblieben?

Bonmann: Jürgen Klopp war eigentlich genau so, wie man ihn sich vorstellt und wie man ihn kennt. Er war eine väterliche Figur, hatte immer ein offenes Wort und ein unglaubliches Gespür für Menschen und Situationen. Er schafft es wirklich, dass man für ihn durchs Feuer gehen würde. Gerade als junger Spieler hätte ich für ihn alles gemacht. Wenn er gesagt hätte: ‚Wir rauben jetzt eine Bank aus‘, hätte ich mit ihm eine Bank ausgeraubt. Das ist einfach seine Art. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass er auch taktisch hervorragend ist. Er ist ein unfassbar guter Trainer, aber diese menschliche Komponente, die Spieler mitzunehmen, ist bei ihm unglaublich.

DEINE MEINUNG

SPORT1: Und Tuchel?

Bonmann: Thomas Tuchel ist dagegen ganz anders. Ich glaube, die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein. Tuchel ist taktisch ein absoluter Fachmann, ein Detailfanatiker. Jeder Pass muss sitzen, im Training muss jedes Mal der richtige Fuß angespielt werden. Er ist geradezu besessen von Perfektion. Dadurch eckt er vielleicht auch mal an, und wenn man das als Spieler sechsmal pro Woche hört, kann es einem auch auf die Nerven gehen. Aber jeder Spieler, mit dem ich später noch Kontakt hatte, hat im Nachhinein gesagt: Mensch, der hat mich wirklich zu einem besseren Spieler gemacht.

Bonmann: Über 1860 München nach Bulgarien

SPORT1: Sie sind später zu 1860 München gewechselt. Was hat diesen Verein für Sie so besonders gemacht?

Bonmann: Ich bin ein Fußballtraditionalist. Mit vier Jahren bin ich zum ersten Mal zu Borussia Dortmund gegangen und hatte seitdem mit meinem Großvater eine Dauerkarte, bis ich zum BVB gewechselt bin. Ich bin mit großen Traditionsvereinen und ihren treuen Fans aufgewachsen. Das hat mich auch zu 1860 München gezogen. Meine Zeit in Dortmund war vorbei, und ich hatte super Gespräche mit Daniel Bierofka. Die menschliche Komponente hat gepasst, und ich hatte Lust, diesen großen Traditionsverein wieder nach oben zu bringen. Da hat fast mehr der Fan als der Fußballer gesprochen. Sportlich war es vielleicht nicht meine beste Entscheidung. Es war meine schwierigste Zeit, auch wegen Verletzungen. Trotzdem war der Schritt richtig, weil ich viel gelernt und Menschen kennengelernt habe, die Freunde fürs Leben geworden sind. Es gibt schließlich auch ein Leben nach dem Fußball.

Hendrik Bonmann in seiner Zeit bei 1860 München (2019)
Hendrik Bonmann in seiner Zeit bei 1860 München (2019)Hendrik Bonmann in seiner Zeit bei 1860 München (2019)© IMAGO/Nordphoto

SPORT1: 2024 sind Sie zu Ludogorez Rasgrad nach Bulgarien gewechselt. Was hat Sie an diesem Schritt gereizt?

Bonmann: Zwei Dinge. Erstens die Aussicht, in einem europäischen Wettbewerb zu spielen. Meistens ist es die Europa League, der Verein war aber auch schon in der Champions League. Dazu kam die Chance, bei einem Serienmeister zu spielen und selbst Meister zu werden. Auf der europäischen Bühne zu spielen, ist wirklich das Größte, was es gibt. Der zweite Aspekt war ganz klar finanzieller Natur. Das war für mich persönlich ein utopisches Angebot. Wenn die Chance, bei einem Serienmeister zu spielen und sich international zu zeigen, mit einer solchen Bezahlung zusammenkommt, ist das für meine Verhältnisse wie ein Sechser im Lotto. Ich war schließlich kein Bundesligaspieler.

SPORT1: Sie haben mit dem Klub Meisterschaft und Pokal gewonnen. Welchen Stellenwert haben diese Titel für Sie?

Bonmann: Die Freude im Verein war nicht besonders groß, weil es selbstverständlich ist. Das lernt man relativ schnell. Jeder Sieg wird erwartet, selbst nach einem Spiel wird nicht groß gefeiert. Man kann das ein bisschen mit Bayern München vergleichen, aber hier ist es noch selbstverständlicher. Es gibt auch mehr Ärger, wenn man nicht gewinnt, und die Stimmung ist dann entsprechend schlechter. In Deutschland versteht man eher, dass es menschlich ist und man auch mal ein Spiel verlieren kann. In Bulgarien ist dieses Verständnis nicht so groß. Natürlich ist es schön, Titel zu gewinnen. Eine große Meisterfeier gab es bei uns aber nicht. Es war eher eine Pflichterfüllung, mit ein bisschen Freude und vor allem Erleichterung.

Europa League statt 200 Zuschauer in Bulgarien

SPORT1: Sie haben inzwischen zwei Jahre in der Europa League gespielt. Wie groß ist der Unterschied zwischen dem bulgarischen Ligafußball und den Spielen auf europäischer Bühne?

Bonmann: Der Unterschied ist so groß, dass ich ihn kaum beschreiben kann. In der Europa League spielt man in wundervollen Stadien, etwa in Anderlecht oder bei Lazio Rom. In Bulgarien sind die meisten Stadien dagegen wirklich in die Jahre gekommen. Manche wurden seit 60 Jahren nicht mehr saniert oder renoviert. Bei Auswärtsspielen stehen mitunter nur 200 Zuschauer auf den Rängen. Auch die Plätze sind manchmal katastrophal. Ob Atmosphäre, Stimmung oder das Gefühl innerhalb der Mannschaft: Der Kontrast könnte kaum größer sein.

SPORT1: Wie lebt es sich abseits des Platzes in Bulgarien? Haben Sie Kontakt zu anderen deutschen Spielern?

Bonmann: Leider nicht besonders viel, teilweise nur über Instagram oder WhatsApp. André Hoffmann spielt beispielsweise in Sofia, aber Sofia ist viereinhalb Stunden von uns entfernt. Deshalb sehen wir uns eigentlich nur bei den Spielen. Unsere Mannschaft ist mit etwa 17 Nationalitäten sehr international. Ich habe gute Freunde in der Mannschaft. Wir haben alle ein ähnliches Schicksal, und das macht Spaß. Rasgrad selbst ist allerdings eine sehr kleine Stadt und hat nicht besonders viel zu bieten. Ein Privatleben gibt es deshalb nicht wirklich. Der Alltag besteht hauptsächlich aus Training, vielen Spielen und Reisen. Wir kommen normalerweise auf mehr als 60 Spiele im Jahr. Zu Hause sitze ich dann auf der Couch und schaue Fußball, vor allem deutschen Fußball. Und einmal im Monat kommt meine Freundin zu Besuch.

SPORT1: Ihr Vertrag läuft bis 2027. Wie sehen Ihre sportlichen Ziele aus? Ist Ludogorez für Sie eine langfristige Heimat oder reizt Sie noch einmal eine andere Liga?

Bonmann: Ich habe für drei Jahre unterschrieben und möchte diese drei Jahre auf jeden Fall erfüllen. Ich hatte und habe hier eine sehr gute Zeit und merke, dass ich sportlich inzwischen einen anderen Stellenwert habe. Wenn man mit anderen Vereinen in Kontakt ist oder ein Berater mit Klubs über einen spricht, merkt man, dass sich etwas verändert hat. Durch die europäischen Spiele habe ich einen anderen Stellenwert als zuvor. Ich habe in der Europa League durchweg gute oder ordentliche Spiele gemacht und gezeigt, dass ich dort mithalten kann. Dadurch wird man auch für größere Klubs interessant, vielleicht als Backup. Das war für mich eine sehr gute Entwicklung. Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, wieder Meister zu werden, nachdem wir im vergangenen Jahr erstmals nicht Meister geworden sind.

Bonmann enthüllt konkretes Bayern-Interesse

SPORT1: Im Sommer 2025 wurde Ihr Name mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Wissen Sie, wie diese Geschichte entstanden ist?

Bonmann: Ich weiß nicht, wie die Geschichte an die Öffentlichkeit gekommen ist. Es war auf jeden Fall etwas dran, so viel kann ich sagen.

SPORT1: Wie konkret war das Interesse tatsächlich?

Bonmann: Sehr konkret.

SPORT1: Woran ist der Wechsel letztlich gescheitert?

Bonmann: Am Ende des Tages wurde ich doch nicht gebraucht. Sven Ulreich hat dann weitergemacht und seinen Vertrag verlängert. Eigentlich war schon alles zwischen uns geklärt.

SPORT1: Was hätte diese Möglichkeit für Sie bedeutet, gerade angesichts Ihres ungewöhnlichen Karrierewegs?

Bonmann: Irgendwann kam dieses Gerücht in die Medien, und dann hat man gemerkt, welche Auswirkungen das hat und wie viele Nachrichten man auf einmal bekommt – nur wegen eines Gerüchts. Da merkt man schon, dass der FC Bayern kein gewöhnlicher Verein ist, sondern zu den fünf größten Klubs der Welt gehört. Mit solchen Stars wie Harry Kane oder Manuel Neuer täglich zu trainieren, wäre nicht nur für mich, sondern wahrscheinlich für jeden Fußballer ein echtes Karrierehighlight gewesen.

Doch noch einmal Bayern? „Das habe ich abgehakt“

SPORT1: Haben Sie die Möglichkeit abgehakt, oder könnte da noch einmal etwas kommen?

Bonmann: Nein, das habe ich abgehakt. Ich sage immer: Eine Chance kommt im Leben nur einmal. Dafür kommt vielleicht etwas anderes. Alles hat seinen Sinn im Leben.

SPORT1: Was fehlt Ihnen persönlich noch, damit Sie am Ende Ihrer Karriere sagen können: Jetzt habe ich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe?

Bonmann: Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Gerade mit der Europa League habe ich das Gefühl, dass ich das Maximum aus meinen Möglichkeiten herausgeholt habe. Aber ein einziges Spiel in der Bundesliga wäre schon etwas Besonderes. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal nach Deutschland zurückkehren werde. Ich muss nicht unbedingt zurück, nur weil ich hier aufhören würde. Aber ich bin ein riesiger Fan des deutschen Fußballs, der ersten und auch der zweiten Bundesliga. Ein Spiel in der ersten Bundesliga wäre für mich die Krönung.

SPORT1: Wie viele Jahre möchten Sie noch spielen?

Bonmann: So lange wie möglich. Ich bin wirklich gut in Schuss, ernähre mich sehr gesund und bin sehr fleißig, auch was Physiotherapie und Fitnesstraining neben dem Platz angeht. Solange ich gefragt und gebraucht werde und es Sinn ergibt, möchte ich mindestens noch sechs bis sieben Jahre aktiv sein. Als Torwart kann man auch mit 40 noch spielen. Und wenn man eher als Nummer zwei oder drei gefragt ist, ist das vielleicht noch einmal etwas anderes, als wenn man die Nummer eins ist.