Der schwerste Kampf seines Lebens
Caner Demir gewinnt mit 17 den Junioren-Weltmeistertitel im Kickboxen. Seine Zukunft scheint vielversprechend. Ein schwerer Autounfall kostet ihm fast das Leben. Im Podcast "Flutlicht an!" erzählt er seine Geschichte.
September 2012. Bratislava. Caner Demir gewinnt das Halbfinale der Junioren-WM im Vollkontakt-Kickboxen. Der 17-Jährige ruft seinen Vater an, um die Freude darüber mit ihm zu teilen. Tags darauf wird er gegen Deniz Isik aus der Türkei antreten.
„Dann hat mein Vater ein Auto vollgemacht.“ Demir lacht, als er von dem Wochenende erzählt, an das er sich noch mit jedem Detail erinnert. Die Halle. Die Gegner. Das Adrenalin.
Nachdem er aufgelegt hat, fährt Papa Demir spontan mit einer Truppe, zu der unter anderem Trainer Dirk Pekrul gehört, knapp 1.000 Kilometer in die Slowakei. Am nächsten Tag sieht er den Kampf seines Sohnes. Der gewinnt – und ist tatsächlich Junioren-Weltmeister.
„Kickboxen war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Demir, der sich als Kind in vielen anderen Sportarten ausprobiert hatte, ohne länger irgendwo zu bleiben. „Ich hatte ganz große Pläne.“
Junioren-Weltmeister erzählt vom schwersten Kampf seines Lebens
Doch im darauffolgenden Frühjahr ändert sich das Leben des Teenagers von einer Sekunde auf die andere vollständig. Mit seinem besten Freund am Steuer hat er einen Autounfall. Der Freund stirbt, Demir selbst liegt monatelang im Koma. Nichts ist mehr, wie es war.
„Ich erinnere mich nur teilweise an die Zeit, weil ich so eine schlimme Kopfverletzung hatte“, erzählt der heute 31-Jährige. Anfangs hat er permanent Aussetzer des Kurzzeitgedächtnisses. Und alles, was einmal selbstverständlich war, muss er neu lernen: Reden, Laufen.
Neben seiner Familie ist es die Vereinsfamilie, die in dieser Zeit für Demir da ist. „Dirk ist ein ganz toller Mensch, der immer an meiner Seite war“, sagt er über seinen Trainer. Was ihm in der schlimmen ersten Zeit außerdem hilft: sein Humor.
Caners Trauerprozess und eine neue Perspektive auf den Sport
Den Teenie zieht es auch zurück in den Sport, aber seine Verletzungen sind zu schwer, als dass er je wieder kämpfen dürfte. Gegen diese Realität wehrt er sich lange, weil er die große Liebe zu seinem Sport, die Hoffnungen und Pläne, nicht loslassen will.
Als er die Erkenntnis schließlich zulässt, wird sie Teil seines Trauerprozesses. In dem wiegt freilich der Verlust des besten Freundes am schwersten, der so wichtig für ihn war. In der Therapie lernt der Jugendliche, mit dieser Trauer umzugehen, sie „entspannt“ zuzulassen, statt davor wegzulaufen. „Trauern ist etwas ganz Natürliches“, sagt er heute.
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Demir kommt sprichwörtlich wieder auf die Füße – und mit der Energie, die ihn in seinem Heilungsprozess getragen hat, erfüllt er sich einen neuen Traum: Er gibt als Trainer die Liebe zum Kickboxen weiter und wird später auch Kampfrichter. So kehrt er doch zurück in seinen Sport, fährt wieder zu Wettkämpfen. Anders als er sich das mal ausgemalt hatte, aber eben auch: anders erfüllend.