Leichtathletik-Star Hodgkinson verblüfft mit Rennoutfit

Leichtathletik-Star Hodgkinson verblüfft mit Rennoutfit

Alle Blicke richten sich auf Keely Hodgkinson. Das ist nichts Neues, schließlich ist die Olympiasiegerin ein Star ihrer Disziplin. Doch als sie in London die Tartanbahn betritt, sorgt diesmal nicht nur ihre sportliche Performance für Aufsehen.

Der letzte Saisonauftritt sollte ihr spektakulärster werden. Das StoneX Stadium im Norden Londons staunte nicht schlecht, als 800-Meter-Star Keely Hodgkinson die Tartanbahn betrat. „Sie sieht aus wie eine Superheldin!“, rief Kommentator Paul Swangard. Ihr Auftritt beim Athlos-Meeting ließ Erinnerungen an den legendären Olympia-Auftritt von Cathy Freeman im Jahr 2000 aufleben.

Ein komplett schwarzer Ganzkörperanzug, ein freier Rücken und eine futuristische Brille. Nur ihr hellblonder Zopf durchbricht das Schwarz ziemlich auffällig. Der medienwirksame Auftritt des britischen Leichtathletik-Stars begeisterte das Heimpublikum in London.

Und auch sportlich wusste Hodgkinson zu performen: In ihrem maßgeschneiderten Nike-Anzug stürmte sie in 1:56,40 Minuten zum Sieg und ließ ihren Konkurrentinnen dabei nicht den Hauch einer Chance. 15 Meter trennten Hodgkinson und die zweitplatzierte Valentina Rosamilia, die zwei Sekunden später ins Ziel kam. Eine Machtdemonstration. Rund 50.000 Pfund kassierte Hodgkinson für ihren Sieg bei der zweiten Ausgabe des „female-only“-Meetings.

Der sportliche Auftritt passte damit zum spektakulären Look. Ob der Anzug tatsächlich schneller macht, ist damit allerdings nicht gesagt. Dennoch prophezeien Hodgkinson und Co. ihm eine große Zukunft.

Die große Wissenschaft dahinter

Rund ein Jahr lang arbeiteten Hodgkinson und ihr Ausstatter Nike an dem hautengen Ganzkörperanzug – überwiegend im LeBron James Innovation Center auf dem Philip-H.-Knight-Campus in Oregon. Die große Idee hinter dem Einteiler? Sport, Mode und Persönlichkeit vereinen – und das im besten wissenschaftlichen Sinne.

„Es ist eine Mischung aus Mode, Geschwindigkeit und Wissenschaft, die vielleicht die Zukunft des Sports prägen könnte“, sagte Hodgkinson nach ihrem Rennen. Bei der Konzeption des Anzugs hat Nike jede Faser bedacht. Sämtliche Details seien darauf ausgelegt worden, Hodgkinson bestmöglich in ihrer Leistung zu unterstützen. So wenige Nähte wie möglich, keine Verschlüsse und eingedruckte 3D-Elemente, die den Luftwiderstand verringern sollen.

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Selbst die Kniepartie ist auf Hodgkinsons Laufstil zugeschnitten: Die Konstruktion soll den Stoff auch bei maximaler Beugung glatt halten und volle Bewegungsfreiheit ermöglichen. An anderen Stellen setzt Nike dagegen bewusst auf weniger Material. Während der Anzug Arme und Beine vollständig umschließt, bleibt der Rücken fast komplett frei. Das ist nicht nur eine Designentscheidung: Überschüssige Körperwärme soll so schneller entweichen.

Wie groß der tatsächliche Leistungsvorteil des Anzugs ist, lässt sich allerdings kaum beziffern. Nike nennt bislang keine konkreten Werte, um wie viel schneller die Konstruktion Hodgkinson machen soll.

Keely Hodgkinson präsentierte in London einen spektakulären Rennanzug
Keely Hodgkinson präsentierte in London einen spektakulären RennanzugKeely Hodgkinson präsentierte in London einen spektakulären Rennanzug© IMAGO/Avalon.red

„Ein bisschen sexy fühlen“

Die modische Parallele zum legendären Olympia-Auftritt der 400-Meter-Läuferin Cathy Freeman ist nicht zu übersehen. Bei den Spielen in Sydney sprintete die Australierin in einem grün-gelben Ganzkörperanzug sensationell zu Gold. Der Einteiler umschloss sie von den Füßen bis zum Kopf. Selbst ihre Haare verschwanden unter einer Kapuze – ein Detail, bei dem Hodgkinson heute allerdings eine klare Grenze zieht.

„Wenn die Haare draußen sind, dann ist man laut der Wissenschaft durch den Luftwiderstand technisch langsamer“, erklärte Hodgkinson. „Aber das steht nicht zur Diskussion. Meine Haare bleiben draußen“, scherzte sie. Wo Wissenschaft auf Mode trifft, braucht es manchmal einen Kompromiss. Nike integrierte deshalb am Hinterkopf eine kleine Aussparung für Hodgkinsons hellblonden Zopf.

In ihrem innovativen Dress habe sie sich „schnell, geschmeidig, wohl und voller Energie“ gefühlt. Die Vision von Hodgkinson und Nike: Wettkampfkleidung, die über reinen Pragmatismus hinausgeht. „Ich lebe nach dem Motto: Wenn man gut aussieht, fühlt man sich auch gut“, sagte sie. „Ich wollte mich wohlfühlen, aber auch ein bisschen sexy. Ehrlich gesagt fühlt es sich an, als würde ich nichts tragen.“

Cathy Freeman über 400 Meter bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney
Cathy Freeman über 400 Meter bei den Olympischen Spielen 2000 in SydneyCathy Freeman über 400 Meter bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney© IMAGO/Allstar

Kaum spürbar am Körper, aber mit einer klaren Handschrift. „Keely ist eine Athletin, die keine Angst davor hat, Risiken einzugehen“, so ihr Ausstatter Nike. „Dieser Rennanzug spiegelt ihre Persönlichkeit wider. Er kombiniert Sport und Stil perfekt.“ Da passte es nur zu gut, dass Hodgkinson ihn zeitgleich zur Londoner Fashion Week präsentierte.

Ein Testlauf für die Zukunft

Für seinen ersten großen Auftritt bekam der Anzug eine Bühne, die kaum besser hätte passen können. Das Athlos-Meeting im StoneX Stadium in London ist bereits die zweite Ausgabe des Events, bei dem nur weibliche Athletinnen starten. 2024 fand es erstmals in New York statt. Gegründet wurde es von Alexis Ohanian, dem Ehemann der 23-fachen Grand-Slam-Siegerin Serena Williams. Sein Ziel: den Frauen der Leichtathletik eine größere, alleinige Bühne bereitstellen.

Athlos verfolgt noch eine weitere Mission: Mit Entertainment, hohen Preisgeldern und moderner Inszenierung will das Event zeigen, wie Leichtathletik für ein neues Publikum aussehen kann. In diese Vision passt auch Hodgkinsons Textilprojekt. „Es ist eine Ehre für mich, dass sie mich dazu ausgewählt haben, den Anzug als erstes zu tragen. Es ist ein All-Women’s-Event: Es dreht sich alles um Glitzer und Glamour, darum, die Aufmerksamkeit auf die Frauen zu lenken“, erklärte sie.

Nike spricht bei dem Anzug zwar von einer Einzelanfertigung, die speziell für Hodgkinson und die Anforderungen der 800 Meter entwickelt wurde. Die Erkenntnisse aus dem Projekt sollen jedoch in künftige Entwicklungen einfließen. „Vielleicht ist das die Zukunft der Leichtathletik“, sagte Hodgkinson. Auf die Frage, ob solche Anzüge bis zu den Olympischen Spielen 2028 zum gewohnten Bild gehören könnten, antwortete sie vielsagend: „Wir wissen vielleicht Dinge, die andere nicht wissen.“

Ausgerechnet Olympia wird zum Problem

Nur ausgerechnet auf der größten sportlichen Bühne könnte Hodgkinsons eigener Anzug fehlen. Bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles startet sie für das Team Großbritannien – und das wird von Adidas ausgestattet. Spikes anderer Hersteller sind möglich, einen kompletten Nike-Rennanzug dürfte Hodgkinson nach derzeitigem Stand jedoch nicht tragen. Auch bei der WM 2027 könnte ihr das Ausrüsterproblem einen Strich durch die Rechnung machen.

Ganz verschwinden dürfte die Idee jedoch nicht. Teamkollegin Georgia Hunter Bell deutete bereits an, dass ähnliche Rennanzüge künftig auch in der offiziellen Team-GB-Ausrüstung auftauchen könnten – dann allerdings von Adidas. „Das wird in ein paar Jahren die Norm sein. Was jetzt verrückt aussieht, wird eine Option für die Olympischen Spiele 2028 sein, wenn wir unsere Ausrüstung von Team GB bekommen“, prophezeite sie.

Gut möglich also, dass der maßgeschneiderte Hodgkinsons-Anzug von Nike es nie zu Olympia schaffen wird. Der Trend, den er anstoßen könnte, aber vielleicht schon.