So bringt Deutschland wieder Weltklasse hervor
Deutschland verliert bei Olympia seit Jahren den Anschluss. Was muss sich ändern, damit wieder mehr Athleten den Weg an die Weltspitze schaffen? Ein Blick hinter die Kulissen.
Deutschlands Spitzensport hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch an Boden verloren. Der Blick auf die Olympischen Sommerspiele macht das deutlich: 1992 holte Deutschland noch 82 Medaillen, danach ging die Ausbeute kontinuierlich zurück. In Paris 2024 waren es nur noch 33.
Die Frage ist deshalb längst nicht mehr nur, warum Deutschland den Anschluss verloren hat, sondern welche Veränderung vonnöten sind, damit wieder mehr Athleten den Weg an die Weltspitze schaffen? Geld spielt dabei eine wichtige Rolle – aber es geht um mehr als die Höhe der monatlichen Förderung. Es geht um Strukturen, individuelles Training, Spezialmaterial und die Möglichkeit, auch dann weiterzumachen, wenn der große Erfolg noch nicht da ist.
Individuelle Hilfe für den Weg nach oben
Ein Beispiel dafür ist der neue Tipico Champion Fonds der Sporthilfe. Im ersten Förderjahr profitieren 62 Athleten aus mehr als 30 Sportarten davon. Rund 100 Bewerbungen waren eingegangen. Zu den Geförderten gehören unter anderem Ruder-Olympiasieger Oliver Zeidler, Kunstturnerin Helen Kevric und Para-Biathlon-Weltmeisterin Johanna Recktenwald.
Franz Werner kennt die Bedeutung dieser individuellen Unterstützung aus eigener Erfahrung. Der Küstenruderer ist einer der Profiteure des Fonds und kann damit unter anderem einen Sportpsychologen finanzieren. Für Werner ist das keine Luxusleistung. Gerade der K.-o.-Modus seiner Sportart sei mental enorm anspruchsvoll, erklärt er im Gespräch mit SPORT1. „Man muss mental und körperlich voll da sein und darf keinen Zweifel haben“, sagt er. Ein Sportpsychologe, der die Bedingungen und Situationen kenne und regelmäßig mit ihm arbeite, sei etwas völlig anderes als „ein oder zwei Sitzungen im Jahr“.
Werner will 2028 in Los Angeles um olympische Medaillen kämpfen. Dass Küstenrudern dann erstmals olympisch ist, hat die Sportart in Deutschland bereits verändert. Nationaltrainer, Budget und Strukturen sind entstanden. „Früher musste man vieles selbst organisieren“, sagt Werner. Der nächste Schritt besteht nun darin, aus den verbesserten Rahmenbedingungen auch dauerhaft Weltklasse zu entwickeln.
Das Problem beginnt schon an der Basis
Genau dort sieht Miriam Vogt, Mitglied des Gutachterausschusses der Sporthilfe, eine zentrale Herausforderung. Durch die Professionalisierung des Sports seien neue Märkte entstanden – bei Trainern, im medizinischen Bereich und beim Athletiktraining, erklärt sie im Interview mit SPORT1. Wer zusätzliche Leistungen einkaufen wolle, brauche dafür „Investitionskapital“.
Johanna Recktenwald zeigt, wie grundlegend das Problem im Parasport ist. Die sehbehinderte Langläuferin und Biathletin betreibt inzwischen in den Sommermonaten zusätzlich Radsport. Für ihr Zeitfahr-Tandem erhielt sie Unterstützung aus dem Champion Fonds. Ein solches Fahrrad ist allerdings kein gewöhnliches Sportgerät. „Das kann man nicht einfach im Radladen kaufen“, sagt Recktenwald im Gespräch mit SPORT1. Das gelte auch für Prothesen, Handbikes oder Sitzschlitten.
Damit beginnt das Problem schon an der Basis. Wer das notwendige Spezialmaterial nicht finanzieren kann, kann bestimmte Sportarten überhaupt nicht betreiben. „Diese speziellen Materialien können enorme Kosten verursachen und den Einstieg in den Sport erschweren“, sagt Recktenwald. Gerade darin sieht sie eine strukturelle Schwäche: Um konkurrenzfähig zu werden, braucht es zunächst die Voraussetzungen dafür – Förderungen greifen aber häufig erst dann stärker, wenn bereits sportliche Erfolge vorhanden sind.
Auch die Politik steht unter Zugzwang
Das Problem ist längst auch in der Politik angekommen. Ronald Rauhe, seit Anfang September Staatsminister für Sport und Ehrenamt, kennt den Weg zur Weltspitze aus eigener Erfahrung. Der Kanu-Olympiasieger wurde 16 Mal Weltmeister und gewann zweimal Olympia-Gold. Nun soll er dabei helfen, Deutschland wieder zu mehr Medaillen zu führen.
„Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass eine Medaille nicht erst im Finale entsteht, sie entsteht Jahre vorher – in Trainingshallen, auf Sportplätzen und auf dem Wasser“, sagte Rauhe in seiner ersten Bundestagsrede. Genau darum geht es: Die Voraussetzungen für Erfolg müssen lange geschaffen werden, bevor ein Athlet überhaupt auf einer olympischen Bühne steht.
Auch später bleibt der finanzielle Druck. Recktenwald trainiert für zwei Weltmeisterschaften im Winter und fährt im Sommer Rad. Fahrräder, Verschleißteile und Reparaturen kosten Geld, dazu kommen im Skilanglauf Ski, Stöcke und Schuhe. Je nach Kaderstatus und Team wird einiges übernommen. Trotzdem bleibt die Belastung bestehen.
Weltklasse braucht mehr als Grundversorgung
„Über die Runden kommen“ bedeute im Spitzensport deshalb mehr als satt zu werden und eine kleine Wohnung bezahlen zu können, sagt Vogt. Es müsse auch möglich sein, sich voll auf den Sport zu konzentrieren und das notwendige Kapital aufzubringen, um die eigene Leistung weiterzuentwickeln. Die Grundversorgung sei inzwischen solide, „aber große Sprünge können sie damit sicher nicht machen“.
Und diese Sprünge entscheiden darüber, ob aus einem guten Athleten ein Weltklasseathlet wird. Zumal Sportkarrieren nicht linear verlaufen. Sie seien eher wie eine Sinuskurve, sagt Vogt. Verliert ein Athlet seinen Kaderstatus, kann auch die Förderung deutlich zurückgehen. Eine Verletzung kann über die #comebackstronger-Förderung abgefedert werden. Schwieriger wird es, wenn die Leistung einfach über längere Zeit stagniert. Vogt: „Diese Zwischenjahre können sowohl mental als auch finanziell sehr schwierig sein.“
Recktenwald fordert deshalb gerade im Parasport mehr Förderplätze und einen Ausbau spezieller Sportförderstellen. Gleichzeitig brauche es mehr Aufmerksamkeit. Mehr mediale Präsenz würde es leichter machen, private Sponsoren zu gewinnen. Sie selbst nutzt Social Media, hat darüber Partner gefunden und für ihr Tandem zusätzlich ein Crowdfunding organisiert.
Geld allein reicht nicht
Doch auch daraus wird deutlich: Deutschland kann den Weg zurück zur Weltklasse nicht allein über mehr Geld finden. „Nein. Finanzielle Förderung ist nur ein Teil“, sagt Vogt. Deutschland müsse sich anschauen, was erfolgreiche Sportnationen anders machen – bei ihren Strukturen, bei der Steuerung des Sports und beim Stellenwert von Bewegung in der Gesellschaft.
Die Konsequenz daraus ist naheliegend: Wer Weltklasseathleten hervorbringen will, muss früher anfangen. Talente brauchen Zugang zum Sport, geeignetes Material, gute Trainer und medizinische Unterstützung. Sie brauchen Möglichkeiten, individuelle Wege zu gehen. Und sie brauchen ein System, das nicht erst dann investiert, wenn der Erfolg bereits bewiesen ist.
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Werner und Recktenwald stehen dabei für zwei sehr unterschiedliche Sportarten – und doch für dasselbe Prinzip. Der Weg an die Weltspitze besteht aus vielen kleinen Bausteinen. Deutschland muss dafür sorgen, dass nicht fehlendes Geld, fehlendes Material oder fehlende Strukturen darüber entscheiden, ob ein Talent den nächsten Schritt überhaupt machen kann.