„Habe richtig Angst“: Einer Wintersportart droht das Aus
"Ich habe Angst um die Zukunft unserer Sportart"
Die Nordische Kombination steht am sportlichen Abgrund. Am Rande der Einkleidung des Deutschen Ski-Verbands äußern sich die Beteiligten zur ungewissen Zukunft. Gleichzeitig macht eine Initiative aus Frankreich Hoffnung.
„In spätestens zwei Jahren gibt es die Kombination nicht mehr“. Diese Aussage von Bundestrainer Eric Frenzel im Gespräch mit der Zeit sorgte für großes Aufsehen.
Seine Worte bringen die Unsicherheit auf den Punkt, die derzeit über der Nordischen Kombination liegt. Nach mehr als 100 Jahren olympischer Geschichte hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) entschieden, die traditionsreiche Disziplin für die Olympischen Spiele 2030 nicht ins Programm aufzunehmen.
Ob die Kombination vier Jahre später wieder auf die olympische Bühne zurückkehren darf, ist offen. Für die Nordische Kombination geht es damit längst um mehr als eine Olympia-Entscheidung – es geht um die Zukunft einer ganzen Disziplin.
Wie groß die Verzweiflung derzeit unter den Beteiligten ist, wurde zuletzt bei der Einkleidung des Deutschen Ski-Verbands (DSV) spürbar. Eine sichtlich emotionale Nathalie Armbruster rang um Worte und versuchte, ihre Verzweiflung in Worte zu fassen. „Es ist gerade eine ziemlich schwere Zeit für uns“, sagte die Gesamt-Weltcupsiegerin der Saison 2024/25 auf Nachfrage von SPORT1. „Ich werde ziemlich schnell emotional, weil ich wirklich richtig Angst um die Zukunft unserer Sportart habe.“
Mit ihrer Sorge steht Armbruster nicht allein. Auch Eric Frenzel, selbst dreimaliger Olympiasieger und aktueller Bundestrainer, machte keinen Hehl aus seiner Verzweiflung. „Man hat viel gehofft in den letzten Jahren, in den letzten Monaten, das Ruder irgendwie rumreißen zu können“, sagte der Bundestrainer.
Doch die Bemühungen haben bislang nicht den erhofften Erfolg gebracht. Auch Gespräche mit Kollegen der anderen Nationen zeigen, wie groß die Unsicherheit ist. „Ich höre auch von Kollegen aus anderen Nationen, dass sie nicht wissen, wie es weitergehen soll.“
Der Österreichische Ski-Verband (ÖSV) gab unter anderem bekannt, nur bis zur Saison 2028/29 die Nordische Kombination sicher fördern zu können. Sollte es bis 2029 keine endgültige Zusage für eine Rückkehr auf die Olympia-Bühne geben, könne sich Österreich als eine der führenden Nationen der Nordischen Kombination die Finanzierung nicht mehr leisten.
Nordische Kombination vor „drastischen Veränderungen“
Es ist eine Angst, die sich nicht allein auf die eigene sportliche Laufbahn beschränkt. Stattdessen wird den Nachwuchsathleten die sportliche Entwicklung durch solche sportpolitischen Entscheidungen verbaut. Für Armbruster ist deshalb längst noch nicht abzusehen, welche Konsequenzen die kommenden Jahre haben werden.
„Wir wissen, dass es drastische Veränderungen geben wird, aber in welcher Form, wann sie eintreffen werden und welche konkreten Folgen die Entscheidung hat, da sind wir uns noch nicht im Klaren drüber“, sagte sie. Trotz der Unsicherheit versuchen die Athleten, den Blick nach vorne zu richten. Noch gibt es Wettkämpfe und sportliche Ziele, die einen Anker in dieser ungewissen Zeit bilden.
Armbruster möchte diese Normalität auf Zeit bewusst genießen, statt im Kopf schon einen möglichen Plan B zu schmieden: „Ich habe mir selbst noch nicht erlaubt, einen konkreten Plan aufzustellen. Ich möchte noch an der Hoffnung festhalten, dass es noch weitergeht.“
Während Armbruster noch nicht bereit ist, über Zukunftspläne nachzudenken, muss Frenzel anerkennen, dass er den Nachwuchsathleten derzeit keine langfristige Sicherheit bieten kann: „Natürlich würde ich gerne sagen: ‚Ihr habt hier genau die sportliche Perspektive wie in jeder anderen Sportart.‘ Das können wir leider aktuell nicht.“
Deshalb hat Frenzel großes Verständnis für alle Sportler, die sich nach anderen Möglichkeiten umsehen. „Ich verstehe, dass man ein ungutes Gefühl hat und vielleicht sagt: ‚Ich möchte mich in einer anderen Sportart ausprobieren.‘ Dann werden wir denjenigen nicht im Ansatz böse sein oder die Wege verbauen.“
Auch für Armbruster wäre ein Wechsel zum Skispringen durchaus denkbar. Doch mit dem Langlauf müsste sie einen Teil dessen aufgeben, was die Nordische Kombination für sie so besonders macht.
Olympia 2034: Gradmesser für Zukunft der Kombinierer
Dass die olympische Zukunft entscheidend für den Fortbestand der Disziplin ist, betonte auch Julian Schmid im exklusiven SPORT1-Interview. „Wenn wir im Programm für 2034 nicht drin sind, wird es sehr schwer für die Sportart, zu überleben.“
Die Entscheidung des IOC ist für das vierte Quartal 2027 oder das erste Quartal 2028 angekündigt und wird der Gradmesser für die sportliche Zukunft der Disziplin. „Wir fiebern alle der Entscheidung entgegen. Das ist für uns dann der Gradmesser, ob es weitergeht oder nicht“, sagte Schmid.
Auf seine persönliche Herangehensweise hat die derzeitige Lage nur wenig Auswirkungen. „Bei mir persönlich macht das an der Motivation nichts aus.“ Stattdessen betonte er die Wichtigkeit dessen, über die aktuelle Situation zu sprechen, statt die Sorgen nur für sich zu behalten.
Ganze Wintersport-Familie steht zusammen
Die Sorgen der Nordischen Kombination werden von der gesamten Wintersportfamilie geteilt. Heinz Kuttin, Skisprung-Trainer des Damen-Teams, bezeichnete die aktuellen Entwicklungen bei SPORT1 als „Katastrophe“. Vor allem, weil die traditionsreiche Sportart derart an den Rand gedrängt wird und darum bangen muss, auch in Zukunft noch bestehen zu können.
Seine Kritik richtet sich vor allem an die Verantwortlichen. „Ich hoffe, dass Richtung 2034 die Weichen gestellt werden und dass die Damen und Herren, die verantwortlich sind in Richtung Sport denken und nicht in Richtung Kommerz.“
Damit spielte Kuttin auf die aktuellen Pläne der FIS an, die derzeit an neuen Wettkampfformaten arbeitet. Vorrangiges Ziel ist es, die Nordische Kombination für Zuschauer und Fernsehsender attraktiver zu machen. Demnach sind neue Rennformate geplant, wie Sprint- oder Mixed-Wettbewerbe.
Auch für Frenzel liegt das Hauptaugenmerk aktuell darauf, den Sport der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen zu präsentieren. „Unser einziger Hebel ist, unseren Sport so zu präsentieren, wie er ist. Mit seiner Spannung, mit seinen kämpferischen Impulsen.“
Eric Frenzel: „Werde bis zum letzten Moment da sein“
Neben diesen Reformen gibt es aktuell einen weiteren Hoffnungsschimmer, dass die Nordische Kombination doch Teil der nächsten Olympischen Spiele werden kann. Olympiasieger Jason Lamy Chapuis engagiert sich nachhaltig für die nachträgliche Aufnahme der Kombination ins olympische Programm.
Prinzipiell steht es Frankreich als Gastgeberland der nächsten Spiele zu, eine zusätzliche Disziplin vorzuschlagen. Damit besteht zumindest eine Resthoffnung, die getroffene Entscheidung nachträglich abzuwenden.
Trotz der dramatischen Zukunftssorgen brennt Frenzel für die Nordische Kombination wie am ersten Tag. „Ich werde bis zum letzten Moment da sein und meine Expertise, mein Engagement und meine Leidenschaft einbringen“, sagte er. So schwer die derzeitige Aufgabe auch sei, er könnte es nicht mit dem Gewissen vereinbaren, die Sportart kampflos aufzugeben.
Ein Mindset, das auch Armbruster und Schmid unterstützen, die mit voller Motivation in die kommende Saison starten und die Begeisterung für den Sport in die Welt tragen.
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Schade nur, dass über die sportliche Zukunft nicht auf der Schanze oder in der Loipe entschieden wird.