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Tim Reichert ist Head of Esport bei Schalke 04
Tim Reichert ist Head of Esport bei Schalke 04 © FC Schalke 04

Im Interview mit SPORT1 erklärt Tim Reichert, Head of Esport bei Schalke 04, dass es den Königsblauen im eSports vor allem um Nachhaltigkeit geht.

SPORT1: Schalke 04 hat die Scouting Days angekündigt. Für die League of Legends-Szene ist dies ein großer Schritt - auch für Sie?

Tim Reichert: Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Wir haben natürlich viele Erfahrungswerte vom Scouting wie es im Fußball betrieben wird, doch die Abläufe wollen wir nicht eins zu eins für eSports adaptieren. Wir denken, dass es für eSports-Scouting wichtig ist, nicht nur die Online-Ladder zu beobachten und die Erfolge von Nachwuchsteams - auch der persönliche Aspekt ist von großer Bedeutung. Das ist im Fußball beim Jugendbereich ebenfalls oft der Fall: Erst gibt es ein Probetraining. Dafür holen wir also Bewerber aus aller Welt in unsere Gelsenkirchener Anlage. So haben sie einen guten Eindruck von unserer Herangehensweise und wir können sie besser einschätzen.

SPORT1: Das "Pre-Season-Team" bestehend aus den fünf besten Kandidaten soll bei einem Turnier in Warschau mitspielen. Sind diese Spieler damit dann von Schalke 04 verpflichtet?

Tim Reichert: Nein, das bedeutet nicht, dass dieses Team dann verpflichtet ist. Man kann sich das ganz einfach vorstellen: Das sind aus unserer Sicht die besten Fünf, welche sich individuell im Scouting hervortaten. Das Turnier in Krakau ist dann der Prüfstand, bei dem wir die Talente von den Scouting Days testen können. 

SPORT1: Plant Schalke trotz Abstieg in die Challenger Series mit dem Haupt-Team eine Zwei-Kader-Struktur für Anfang 2017 in League of Legends?

Tim Reichert: Der Langzeitplan sieht vor, dass wir ein LCS-Team und ein Challenger Series-Team haben. Als ersten Schritt planen wir, eventuell ein regionales Lineup an den Start zu bringen, welches bereits an der ESL Meisterschaft teilnehmen soll. Es wird sich zeigen, ob wir dies bereits zum Spring Split auf die Beine stellen können.

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SPORT1: Würden die Spieler dieses regionalen Teams dann in Gelsenkirchen im Teamhaus leben? 

Tim Reichert: Im ersten Schritt wird das wahrscheinlich noch nicht der Fall sein. Die Infrastruktur hier in Gelsenkirchen wird aktuell nach und nach für eSports erweitert und aufgebaut, doch ein regionales Team könnte wahrscheinlich nicht direkt ab dem Spring Split auf Vollzeit vor Ort stationiert sein. Unser Challenger Series-Team wird ab November 2016 bereits in Gelsenkirchen untergebracht sein und dementsprechend von unseren Trainingseinrichtungen profitieren. Man muss dabei jedoch auch in Betracht ziehen, dass die Free Agent-Zeit der LCS-Spieler erst ab dem 21. November beginnt und wir somit dann erst Spielerverträge finalisieren können.

SPORT1: Was wird vom LCS-Team, das man jetzt über eine Saison beobachten konnte, übrig bleiben? Man trennte sich vom Teammanager Jacob Toft-Andersen. Mit welcher Perspektive sucht man nach einem Nachfolger - auch angesichts der Probleme, die es gab?

Tim Reichert: Die Probleme, welche es gab, sind ziemlich ähnlich zu denen im klassischen Sport. Es haben sich Teamdynamiken entwickelt, die sehr negativ waren und zu spät angegangen wurden. Es entwickelte sich ein offensichtlicher Abwärtstrend und das Selbstvertrauen sowie das Vertrauen untereinander hatte zu leiden. Das ist in League of Legends sehr problematisch. Diese schlechte Entwicklung war dann nicht mehr zu stoppen und führte uns in die Challenger Series. Wir sind nun auf der Suche nach einem neuen Teammanager und führen Gespräche. Genaueres kann ich dazu noch nicht sagen.

SPORT1: Die andere Baustelle ist der Kader. Wie würden Sie die Professionalität der Spieler in League of Legends einschätzen angesichts der Eindrücke aus dem klassischen Sport?

Tim Reichert: Am Ende des Tages waren wir nicht erfolgreich und da muss man auch feststellen, dass es Probleme gab. Das ist jedoch auch teilweise im eSports fundiert. Man muss sich vor Augen führen, dass die meisten professionellen eSports-Profis nicht wie etwa Fußballspieler seit dem sechsten Lebensjahr im Verein waren und dort von Trainern und Teamgefügen beeinflusst wurden. Im eSports sind die jungen Leute sehr lange von Zuhause aus aktiv und müssen dafür auch nicht in Teams sein. Trainer kommen auch sehr spät dazu. Deshalb hat man schon gemerkt, dass das Team nicht an die professionelle Struktur gewohnt war.

SPORT1: Es ist nun offiziell, dass Paris Saint-Germain in der Challenger Series antreten wird. Ist das für Sie ein besonderes Matchup?

Tim Reichert: Absolut! Wir freuen uns total darauf und denken, dass dies die gesamte Challenger Series aufwerten wird, wenn zwei professionelle Sportvereine mitmischen. Das macht die Agenda zum Wiederaufstieg natürlich etwas schwieriger, doch wir wollen uns dadurch nicht aufhalten lassen.

SPORT1: Ihre Aktivität macht immer offensichtlicher, wie ernst es dem Schalke 04 ist, professionelle Strukturen im eSports durchzusetzen. Bestehen bereits ähnliche Pläne für die Spiele Overwatch und Dota 2, welche im Rahmen der Pressekonferenz Erwähnung fanden?

Tim Reichert: Wir werden weiterhin den Fokus auf FIFA und League of Legends setzen. Mit Sicherheit werden wir weitere Titel aufnehmen, doch ich denke nicht, dass dies noch 2016 geschieht. Wenn sich jedoch eine grandiose Chance auftut, dann würden wir diese natürlich in Betracht ziehen. Der eSports-Einstieg ist komplexer, als es vielleicht von außen wirkt und dessen sind wir uns bewusst. Wir möchten nicht zu voreilig neue Wege gehen und dafür fehlende Nachhaltigkeit in Kauf nehmen. 

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