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Max Eberl ist seit 2008 Sportdirektor in Gladbach
Max Eberl ist seit 2008 Sportdirektor in Gladbach © Getty Images

Mönchengladbach - Sportdirektor Max Eberl spricht im SPORT1-Interview über den Kurs von Borussia Mönchengladbach, die Champions League und seine Einkaufspolitik.

Nein, von Spiel zu Spiel denkt Max Eberl nicht. Auch wenn dies seit Jahren das Credo bei Borussia Mönchengladbach ist.

Als Sportdirektor hat Eberl einen langfristigen Plan. Muss er einen langfristigen Plan haben. Weitsicht beweisen. Augenmaß. Und auch schlicht ein wenig Glück haben.

"Fußball ist zu 80 Prozent planbar, die restlichen 20 Prozent hängen von Glück, von Pech, von Leistungsschwankungen und von persönlichen Animositäten in einem Kader ab", sagte Eberl im SPORT1-Interview.

Das klappt seit einiger Zeit hervorragend. Zweimal in den vergangenen drei Jahren qualifizierte sich die Borussia für den Europapokal, in dieser Saison schnuppert Gladbach sogar an der Champions League. Ist der nächste logische Schritt also die Königsklasse? Mitnichten.

"Wenn die Champions League Pflicht wäre, dann würden wir den Verein unter einen so starken Druck setzen, unter dem schon andere Vereine zerbrochen sind", sagte Eberl.

Der Gladbacher Sportdirektor spricht vor dem Rückrundenauftakt beim VfB Stuttgart (Sa., ab 15 Uhr im LIVETICKER und im Sportradio SPORT1.fm) zudem über die Dominanz des FC Bayern, Retortenklubs auf dem Vormarsch, Rotwein-Abende mit Lucien Favre und seine eigene Zukunft.

SPORT1: Max Eberl, was halten Sie grundsätzlich von Ausstiegsklauseln?

Max Eberl: Ich halte Ausstiegsklauseln immer für einen Vertragsinhalt, den man diskutieren muss. Denn es gibt für beide Seiten Gründe, es zu tun oder es nicht zu tun. Um einem Spieler die Chance zu geben, bei einem der ganz großen Klubs der Welt zu spielen, wovon ich als Verein mit klaren Verhältnissen profitieren kann. Das halte ich nicht für problematisch. Man weiß frühzeitig Bescheid, kennt die Höhe der Ablösesumme und man muss nicht drei Monate lang spekulieren, ob man sich einigt oder nicht. Es gibt genug Argumente dafür, aber natürlich gibt es auch Argumente dagegen. Wir sind aber alle schon lange im Fußballgeschäft tätig. Wenn die Spieler gehen wollen, dann wird es auch meistens so passieren.

Borussia Moenchengladbach Training Camp - Day 2
Granit Xhaka (r.) steht in Gladbach vor einer Vertragsverlängerung © Getty Images

SPORT1: Granit Xhaka steht kurz vor der Vertragsverlängerung. Das wäre ein starkes Zeichen an die Konkurrenz...

Eberl: Unser Ziel ist es, den Verein sukzessive zu entwickeln. Dazu gehört es, Spieler zu verkaufen. Dazu sollte es irgendwann aber auch gehören, dass man Spieler auch binden kann. Wir sind dabei, uns zu entwickeln und uns von Konkurrenten auch ein bisschen unabhängiger zu machen. Trotzdem, und das wird immer so sein: Wenn die ganz großen Klubs der Welt auf uns zukommen, dann werden die Jungs auch irgendwann ihren Schritt gehen. Aber wir möchten, dass sie sich bei uns entwickeln. Und momentan schaffen wir es, dass sie bei uns die Verträge verlängern.

SPORT1: Christoph Kramer zu halten, ist hingegen nicht gelungen. Wie sieht das Anforderungsprofil auf der Position aus?

Eberl: Unser Anforderungsprofil heißt nicht, dass wir fertige Spieler kaufen. Unser Weg ist es, dass wir Spieler kaufen, die zu Mönchengladbach passen. Wir haben in unseren eigenen Reihen zum Beispiel mit Mahmoud Dahoud und Marvin Schulz junge Spieler, die eine sehr gute Entwicklung nehmen und auch nehmen können. Wir können also erst einmal die Entwicklung der beiden und auch den Markt beobachten. Dann wird man den Spieler nehmen können, der Christoph Kramer adäquat ersetzt. Immer unter dem Vorbehalt, was unsere eigenen Talente machen.

SPORT1: Sie haben immer gesagt, dass Borussia sich in der Einstelligkeit etablieren möchte. Das ist in den letzten Jahren gelungen. Was wäre denn jetzt für den Klub der nächste Schritt?

Eberl: Weiter einstellig zu bleiben. Wir haben das jetzt dreimal geschafft. Da kann man jetzt noch nicht sagen: ‚Wir sind fantastisch und sind für alle Ewigkeiten angekommen.‘ Wir dürfen nicht vergessen, dass wir 25 Jahre lang nicht in diesen Regionen gespielt haben. Unsere Konkurrenten haben einfach einen Vorsprung. Und den versuchen wir durch solide und gute Arbeit zu verringern. Wir dürfen nicht so blauäugig sein, dass wir nur auf uns gucken und sagen, wenn wir das gut machen, dann passt das. Nein, es gibt Konkurrenten, die es immer wieder gut machen und mit uns auf Augenhöhe sind. Und da gilt es sich zu behaupten. Große Reden zu schwingen und große Ziele zu benennen, ist gerade fehl am Platz.

SPORT1: Borussia stößt nun aber auch an natürliche Grenzen, was die Einnahmen betrifft. Ist die Champions League ein Stück weit Pflicht, um sich weiter zu entwickeln?

Eberl: Nein. Wenn die Champions League Pflicht wäre, dann würden wir den Verein unter einen so starken Druck setzen, unter dem schon andere Vereine gebrochen sind. An diesen Vereinen sieht man, dass solche waghalsigen Manöver kontraproduktiv wären. Wir wollen uns entwickeln, wir wollen uns nachhaltig entwickeln, wir wollen Kontinuität haben. Und kontinuierliche Arbeit kann man machen, wenn man realistische Ziele hat. Und das realistische Ziel für Borussia Mönchengladbach ist es, sich in den Tabellenregionen zu etablieren, in denen wir uns gerade bewegen. Die Rechnung Champions League gleich Mehreinnahmen, die stimmt. Aber dass Borussia das erreichen muss, um mehr einzunehmen, das stimmt nicht. Wir wollen Spieler für uns finden, die sich mit uns entwickeln und dann irgendwann mal zu den ganz großen Vereinen gehen. Und dieses Geld wollen wir dafür benutzen, um den Kader weiter aufzubauen.

SPORT1: Ihr Kollege Rudi Völler hat gesagt, dass die Lücke zu den Bayern nicht mehr zu schließen ist. Wie sehen Sie das?

Eberl: Dass Bayern die letzten Jahre sehr dominant sind, ist ein Fakt. Dass sie wirtschaftlich wahrscheinlich so gut aufgestellt sind, dass sie den anderen weggelaufen sind und zu den Top Fünf auf der Welt gehören, das ist wohl auch so. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass im Sport einiges möglich ist und dass jede Entwicklung gewissen Schwankungen unterliegt. Und ich bin auch fest davon überzeugt, dass die Bayern noch mal eine Saison erleben werden, in der ihnen drei, vier Konkurrenten richtig Paroli bieten werden.

SPORT1: Sie hatten zuletzt die Nachwuchs-Transferpolitik des FC Bayern kritisiert. Wie schafft es ein kleinerer Klub, die Talente an sich zu binden oder zu halten?

Eberl: Die Talente entscheiden letztendlich selbst. Meine Kritik ging gar nicht gegen die Bayern. Wir wollen mit jungen Spielern arbeiten. Diese Spieler finden, entwickeln, mit ihnen arbeiten und sie im Idealfall zu den besten Klubs der Welt verkaufen. Dann haben wir gewonnen, der Spieler hat gewonnen und der große Klub hat zwar etwas mehr gezahlt, dafür aber einen fertigen Spieler. Michael Reschke sagt sicher zu Recht, dass es nicht den einen Weg, den Königsweg gibt. Aber ich kämpfe für meinen Weg. Wenn die Jungs sehr früh zu den sehr großen Vereinen gehen, dann ist das Risiko auch da, dass sie den Weg vielleicht nicht schaffen. Und dass vielleicht auf diesem Weg ein, zwei Talente mehr auf der Strecke bleiben, als auf dem anderen Weg.

SPORT1: Sie selbst werden inzwischen regelmäßig als einer der besten Einkäufer der Liga gefeiert. Erfolg weckt auch Begehrlichkeiten. Haben Sie schon an Ihren persönlichen nächsten Schritt gedacht?

Eberl: Wir haben in Gladbach etwas aufgebaut, von dem wir alle profitieren und durch den wir alle anders wahrgenommen werden. Ich habe Vertrag bis 2017, bin jetzt 16 Jahre am Niederrhein und habe mich sehr gut eingelebt. Ich versuche meine Arbeit bestmöglich weiter zu machen und mache mir keine großen Gedanken, was die weitere Zukunft betrifft. Es kann ja auch gut sein, dass Sie mir in einem Jahr die Frage stellen: ‚Herr Eberl, wird es nicht langsam Zeit, den Hut zu nehmen?‘ Das habe ich gelernt, als wir damals im Abstiegskampf steckten.

SPORT1: Wie sehr haben Sie sich seitdem als Sportdirektor verändert?

Eberl: Ich glaube schon, dass ich mich durch meine Arbeit verändert habe. Dass ich heute andere Türen geöffnet bekomme, die vielleicht vor drei, vier Jahren geschlossen geblieben sind, weil man den Sportdirektor noch nicht kannte. Ich bin ein Typ, der sich weder himmelhochjauchzend noch zu Tode betrübt fühlt, oder aber beeinflussen lässt. Ich bin ein sehr realistisch denkender Mensch, der auch weiß, was alles passieren kann. Ich habe gelernt, auf was man sich konzentrieren muss und dass man nicht zu viele Nebenkriegsschauplätze beackert. Ich hoffe, dass ich mich als Mensch nicht so verändert habe, dass es unangenehm wird. Sondern dass ich der geblieben bin, der ich immer war.

SPORT1: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Lucien Favre verändert?

Eberl: Ich denke jede Beziehung, jede Partnerschaft wächst mit den Jahren des Vertrauens, mit den Jahren der Zusammenarbeit. Und da haben wir im Februar vier Jahre geschafft. Man hat sich aneinander gewöhnt, aneinander gerieben, aber auch einander wertgeschätzt. Man kennt den anderen so gut, dass man weiß, wie er gerade denkt, was er gerade braucht oder wie er gerade fühlt. Wir sind noch nicht gemeinsam in den Urlaub gefahren, aber wir trinken abends auch mal einen Rotwein zusammen.

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