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München - Der Hamburger SV gilt als Favorit beim Buhlen um den Fußballlehrer Thomas Tuchel. Was macht den erst 41 Jahre alten Ex-Mainz-Coach eigentlich so interessant?

Von Frank Hellmann

Selbstbewusstsein ist sein Markenzeichen. Thomas Tuchel geht bestimmt nicht als Trainer durch, der an seinen Fähigkeiten zweifelt.

Bester Beleg sein jüngstes Statement in einem Interview mit der "Zeit", wie er sich auf eine erste mögliche Entlassung vorbereiten würde.

"Gar nicht, weil ich überzeugt bin, meine Ziele zu schaffen, ohne entlassen zu werden." Ein Fußballlehrer als Überzeugungstäter.

Fakt ist, das hat Tuchel jetzt auch noch verraten, dass die Branche sich auf den vertraglich immer noch gebundenen Erfolgscoach des FSV Mainz 05, der offiziell nur unbezahlten Urlaub bis Ende der Saison genommen hat, freuen kann: "Mein großer Wunsch ist es, unbelastet im Sommer neu anzufangen."

Einen Job in der zweiten Liga bezeichnet er als "schwer vorstellbar".

Tuchel Kandidat beim HSV

Der Hamburger SV gilt derzeit als Favorit, obwohl Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer bei der Thematik Tuchel noch vorsichtiger und schmallippiger auftritt als sonst.

Jede Indiskretion könnte das Projekt mit seinem Wunschkandidaten ins Wanken bringen. Grundsätzlich soll der 41-Jährige nicht abgeneigt sein, das Himmelfahrtskommando beim HSV anzunehmen.

Was macht Tuchel so interessant? Es ist nicht allein der Umstand, dass er seinen Fußballlehrerschein im Jahre 2006 mit der Note 1,4 bestanden hat.

Wie kein anderer vermag der Perfektionist Theorie und Praxis zusammenzuführen: Legendär seine Matchpläne, die sogar den Branchenprimus FC Bayern an den Rand der Verzweiflung brachte.

Ehrgeizig, unbequem, aufsässig

Teilweise wandten die Mainzer unter dem extrem ehrgeizigen Tuchel in einer Partie drei völlig verschiedene Spielsysteme ab.

Die fachliche Eignung ist unbestritten, denn die Rheinhessen holten in den fünf Tuchel-Jahren die fünftmeisten Punkte in der Bundesliga. Manager Christian Heidel nannte diese eigene Fünfjahreswertung immer die Tuchel-Tabelle.

Und wer den Coach mal auf dem Trainingsplatz erlebte, der weiß: Tuchel kann laut und unbequem, ja fast aufsässig sein, so geht er auch verbal voran. Eine Leisetreter ist er in der Alltagsarbeit bestimmt nicht. Fördern und fordern: So lautet sein Ansatz. 

"80 Prozent meiner Wachzeit verbringe ich mit Fußball", hat er einmal verraten. Bisweilen wirkte er in Mainz aber wie ein Getriebener seines eigenen Anspruchs, und daraus resultiert für seine direkte Umgebung, dass er anstrengend wirkt.

Thomas Tuchel Blick
Thomas Tuchel startete seine Trainerkarriere 2000 bei der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart © Getty Images

Tuchel wohnt in München

Seine Arbeitsweise beschrieb er einmal so: "Ich gebe den Spielern nur das Werkzeug an die Hand. In den Werkzeugkasten greifen und entscheiden, ob sie den Hammer oder die Zange nehmen, das müssen die Spieler selbst."

Wenn einer ein Konzept nicht nur mit Worten, sondern mit Taten erfüllt, dann Tuchel, der aber wohl nur mit seinem Co-Trainer Arno Michels und Konditionstrainer Rainer Schrey kommen würden.

Gesamtpreis für das Trio: rund drei Millionen Euro. Da hat der Hamburger SV schon viel mehr Geld für viel unsinnigere Personalien in die Hand genommen.

Tuchel ist nach München gezogen, wo er seit Jahren eine Wohnung besitzt, seine Frau arbeitete einige Jahre für die "Süddeutsche Zeitung".

Die Isarmetropole soll so etwas wie die Anlaufstelle für die vierköpfige Familie sein.

Potenzielle Klubs müssen sich gedulden 

Kein Thema soll der begehrteste Fußballlehrer des Landes übrigens mehr beim VfB Stuttgart sein. Die Schwaben waren überhaupt nicht amüsiert darüber, dass Gespräche mit Tuchel öffentlich geworden waren.

Die "Stuttgarter Zeitung" hatte berichtet, diese große Lösung würde von den Verantwortlichen nur halbherzig verfolgt.

Auf der anderen Seite hieß es zuletzt auch, dass konkreten Gespräche stets ergebnislos geblieben seien, weil sich Tuchel nie festlegen ließ. So erging es in der Vergangenheit auch RB Leipzig und dem FC Schalke 04.

Auch der Hamburger SV wird hingehalten. Der Grund ist ganz einfach: Tuchel muss ja abwarten, ob der Liga-Dino überhaupt die Klasse hält.

So lange bleibt Tuchel der Schattenmann der Bundesliga.

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