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Frankfurt am Main - Thomas Tuchel bringt sich längst wieder für einen Trainerjob in Stellung. Der 41-Jährige ist das Objekt vieler Spekulationen - und bei namhaften Vereinen definitiv ein Thema. Eine SPORT1-Analyse.

Von Frank Hellmann

Harald Strutz gilt eigentlich als Frohnatur. Hier ein lockerer Spruch, dort ein netter Plausch.

Der Präsident des FSV Mainz 05, dem selbst ernannten Karnevalsverein, gilt auch nicht als nachtragend. Doch auf Thomas Tuchel ist er nicht gut zu sprechen. 

Der Trainer, der nach Jürgen Klopp den Aufstieg der Rheinhessen zum etablierten Bundesligisten prägte, ist für Strutz im Grunde bis heute ein Reizthema geblieben.

"Aus persönlicher Sicht ist sein Abgang enttäuschend. Verträge muss man einhalten. Seine Entscheidung war im Verhältnis Trainer zu Team sehr grenzwertig", ließ der 64-Jährige erst kürzlich wieder verlauten. Auch das Schimpfwort "Verräter" fiel.

Sabbat-Jahr für Tuchel

Strutz hat Tuchel nie verziehen, quasi über Nacht - nach der erfolgreichen Qualifikation für die Europa League - den Abgang gemacht zu haben, um ein "Sabbat-Jahr" einzulegen.

In die Pläne war nur Manager Christian Heidel eingeweiht. Wie Strutz denken viele an dem Standort, die zu dem Ehrgeizling im eigenen Haus trotz dessen überaus erfolgreicher Arbeit nie ein inniges Verhältnis aufbauen konnten.

Das "Sabbat-Jahr" verhindert das nicht, dass Tuchel wieder überall dort auftaucht, wo zur neuen Saison ein Trainer gebraucht wird.

Etwa bei RB Leipzig. Beim Red-Bull-Ableger hat Trainer Alex Zorniger bekanntlich den Laufpass bekommen, und Achim Beierlorzer arbeitet nur bis Saisonende. Der Bundesliga-Aufstieg ist kaum mehr zu schaffen. Sportdirektor Ralf Rangnick würde Tuchel mit Kusshand nehmen.

Rangnick bestätigt Kontakt

"Natürlich erfüllt Thomas unser Anforderungsprofil. Dass es mal einen telefonischen Kontakt gab, seit Alexander Zorniger nicht mehr Trainer ist, ist doch logisch", sagte Rangnick zuletzt der Welt am Sonntag (1. März).

Ihre Wege kreuzten sich Mitte der 90er Jahre beim SSV Ulm 1846: Der Spieler Tuchel war unter dem Trainer Rangnick Mitglied  der Abwehrkette, musste aber 1998 beim Aufstieg in die Zweite Bundesliga aufgrund einer Knorpelverletzung seine aktive Laufbahn beenden.

Immer wieder berichtete Tuchel davon, dass Rangnick sein Lehrmeister gewesen sei. Aber geht die Verbindung so weit, im Sommer in Leipzig anzuheuern? Und wie soll das mit Rangnick funktionieren?

Absage an RB Leipzig?

Wie die Mainzer Allgemeine Zeitung berichtet hat, wird Tuchel nicht Trainer bei den Sachsen. Der frühere Mainzer habe "keine Lust, sich von Rangnick in Aufstellungs- und Taktikfragen reinreden zu lassen“.

Fest steht: Der 41-Jährige ist bereit für einen neuen Job. Nur nie würde der Familienvater sich in einen Fernsehtalk setzen, Expertenrunden beiwohnen oder Zeitungskolumnen schreiben, wie es Kollegen wie Armin Veh oder Mirko Slomka, Thorsten Fink oder Bruno Labbadia tun. Tuchel sendet nur leise Signale aus, dass er wieder zur Verfügung stehe.

So in der Süddeutschen Zeitung, als er Anfang Februar verlauten ließ: "Es war auch wegen der Vertragslage von Anfang an meine Überzeugung, dass ich erst im Sommer 2015 wieder einsteigen möchte. Daran hat sich nichts geändert."

Tuchel Trainer in Mainz
Thomas Tuchel trainierte den FSV Mainz 05 von 2009 bis 2014 © Getty Images

"Jetzt nimmt das Ganze Fahrt auf"

Damals berichtete der Fußballlehrer von einem Steigerungslauf. "Erst habe ich die Beine hochgelegt, aber jetzt nimmt das Ganze Fahrt auf. Ich bin raus aus der reaktiven Phase und gerade dabei, auf eine aktive Ebene zu kommen.“

Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung hat er kürzlich deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich ab Sommer ein Engagement beim VfB Stuttgart vorstellen könne.

Dort heißt es: "Sehr eng ist seine emotionale Beziehung zur Stadt und zum Verein - wichtige Voraussetzungen für ihn, eine Stelle anzutreten."

Tuchel, geboren im schwäbischen Krumbach, habe in Stuttgart studiert und pflege noch immer Freundschaften von damals; er habe in einer Bar am Rotebühlplatz gekellnert, bei den Kickers gespielt und später auf Initiative von Rangnick in der VfB-Jugend erste Trainer-Erfahrungen gesammelt. Selbst ein Abstieg, so heißt es, sei nicht automatisch ein K.o.-Kriterium.

Doch angeblich haben sich die VfB-Verantwortlichen nach einigen Treffen den Kontakt abgebrochen und befänden sich mit Zorniger in fortgeschrittenen Verhandlungen.

Befreiung des Dinos

Wird damit der Weg frei zum Hamburger SV? HSV-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer macht intern längst keinen Hehl, dass er diesen Kandidaten für geeignet hält, den Liga-Dino endlich aus der Schieflage zu befreien.

In den Foren wird bereits sehr lebhaft diskutiert, warum Tuchel beim Chaosklub anheuern soll. Doch sollte der HSV wirklich in die zweite Liga stürzen, käme ein Engagement kaum in Betracht, weil es für den klammen Verein nicht bezahlbar wäre.

So gibt es immer noch eine andere - wenn auch derzeit sehr spekulative - Möglichkeit: Dass der gewiefte Rhetoriker, taktische Feingeist und emotionale Überzeugungstäter einfach abwartet, was mit Pep Guardiola in München passiert.

Thomas Tuchel arbeitete von 2008 bis 2014 für Mainz 05
Thomas Tuchel schaffte 2014 mit Mainz 05 die Europa League-Qualifikation © Getty Images

Nachfolger von Guardiola?

Sollten die Bayern in der Champions League wieder krachend Schiffbruch erleiden, könnte der Katalane nämlich von sich aus Konsequenzen ziehen. Sein Vertrag ist ohnehin nur bis 2016 datiert.

Zudem halten sich beim FC Barcelona die Gerüchte, Guardiola wieder für seinen Heimatverein gewinnen zu wollen. Würde plötzlich der Bayern-Posten frei – Tuchel käme mit seinem Profil auf jeden Fall infrage.

Nach Informationen der Mainzer Allgemeinen Zeitung zieht Tuchel noch in diesem Frühjahr mit seiner Familie aus Mainz nach München. Dort wurde er ja schon öfter gesehen.

Unter anderem traf er sich mit Guardiola zum Essen. Dann weiß er ja wohl schon aus erster Hand, was als Bayern-Trainer verlangt wird.

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