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Thomas Schaaf übernimmt bei Hannover 96
Thomas Schaaf verlässt nach nur einem Jahr Amtszeit Eintracht Frankfurt. © Getty Images

Thomas Schaaf ist Thomas Schaaf. Seine Art hat jahrelang zu Werder Bremen gepasst, aber mit Eintracht Frankfurt ist der Trainer nicht wirklich warm geworden.

Eines dürfte im schnelllebigen Bundesliga-Business feststehen: Selten strotzte zuletzt eine Presseerklärung so vor Bitterkeit und Verletzlichkeit wie die von Eintracht Frankfurt am Dienstagmittag versandte Mitteilung 52/2015.

Trainer  Thomas Schaaf ließ zu seinem Rückzug eine Formulierung wählen, die von abgrundtiefer Verachtung zeugte:

"Die in der Öffentlichkeit getätigten Aussagen und die Darstellung meiner Person und meiner Arbeit, die sich in unglaublichen und nicht nachvollziehbaren Anschuldigungen und Unterstellungen in den Medien äußern, kann und will ich nicht akzeptieren. Deshalb ist es zu der Trennung gekommen." Starker Tobak.

Aufgaben "mehr als erfüllt"

Denn Schaaf selbst kann keine Gründe finden, die ihm aus sportlicher Sicht etwas anhaben können. "Wir haben eine tolle Saison erlebt, mit viel Spektakel, besonders im eigenen Stadion."  Und weiter:

"Platz neun in der Abschlusstabelle, den Torschützenkönig und eine der torsichersten Angriffsreihen der Liga im Team zu haben, ist ein Ergebnis, über das sich jeder Eintracht- Fan freuen kann." Oder: "Wir haben die in uns gestellten Aufgaben erfüllt und mehr."

Nicht gewürdigt und missverstanden

Warum dann aber die Demission? 

"Es gibt bei ihm eine Enttäuschung darüber, dass er seine sportliche Leistung nicht ausreichend gewürdigt und sein Verhältnis zur Mannschaft falsch dargestellt sieht", erklärte Vorstandschef Heribert Bruchhagen, der auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz erläuterte, er sei autorisiert, das zu sagen. Dazu muss man wissen: Der gebürtige Ostwestfale und Wahl-Frankfurter Bruchhagen und der gebürtige Mannheimer und gefühlte Ewig-Bremer Schaaf funken mit ihren Wertvorstellungen auf einer Linie.

Zwar sagte der 14 Jahre für den SV Werder arbeitende Fußballlehrer anfangs ab, als ihn Bruchhagen im Frühjahr 2014 anrief, doch bei einem zweiten Vorstoß - Frankfurts Sportdirektor Bruno Hübner hatte erfolglos um Roger Schmidt und Roberto di Matteo gebuhlt - gab es die Zusage.

Bruchhagen als letzter Verbündeter

Und bis zuletzt stellte sich der 66-Jährige noch vor seinen Wunschtrainer, hielt am vergangenen Freitag ein langes Plädoyer auf Schaafs Erfolge und sprach gar von einer "Saison des Spektakels".

Aber war es am Main nicht eher ein Missverständnis mit einem Mann, der mit der Mentalität in diesem Verein nicht wirklich warm wurde, zumal er alle ehemaligen Bremer Assistenten um sich scharte?

Auch die vielen unterhaltsamen Spiele der Hinrunde konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schaaf allmählich den Draht zu seinen Führungsspielern verlor. Allen voran Alex Meier, am Ende Torschützenkönig, aber am Anfang wegen Fitnessrückstand nicht berücksichtigte, ging schnell auf Distanz. Später klagten Leistungsträger hinter vorgehaltener Hand wiederholt die Kommunikationsdefizite an.

Rückendeckung hat gefehlt

Lange sah  Schaaf darüber stoisch hinweg, dass sich viele alsbald fragten, wie dick sein Fell eigentlich schon sei. Aber als auf  aggressive Attacken der "Bild"-Zeitung, die unter dem Titel "Schaaf wird zum Problem der Eintracht" lief, danach die sofortige Rückendeckung von Vereinsseite ausblieb, ärgert sich der Coach immens.

Wie es heißt, habe der in dieser Hinsicht extrem dünnhäutige Übungsleiter zuletzt hinter jeder Anschuldigung eine Kampagne gewittert.

Da scheint der 54-Jährige mittlerweile seinem einstigen Lehrmeister Otto Rehhagel nachzueifern. Im Grunde hat der gebürtige Mannheimer nun in Frankfurt binnen einen Jahres im Schnelldurchgang all das mitgemacht, was er in der  weniger erfolgreichen Endphase in Bremen erlebte, worauf im Mai 2013 ein Schlussstrich gezogen wurde. Danach für ein Jahr Auszeit den Reset-Knopf zu drücken, hat nicht geholfen.

Weil Schaaf eben Schaaf bleibt - verschlossener, unnahbarer und schwerer verständlich als der Vorgänger Armin Veh. Anfangs war sein Bemühen erkennbar, sich aufgeschlossener zu geben als an der Weser, doch irgendwann wirkte es aufgesetzt - und damit nicht authentisch. Und es nutzte nichts, dass er ständig alles hinterfragte, immer pünktlich und fleißig war.

"Lieber hätte er sich fragen sollen, ob er alles getan hat, um bei der Mannschaft anzukommen", wird gesagt.

Mögliche Nachfolger schon gehandelt

Unzufriedene Profis fanden zudem Gehör bei Teilen des Aufsichtsrats, den latente Zweifel überkamen, ob Schaaf wirklich noch eine Aufbruchsstimmung für die nächste Spielzeit erzeugen könne. Das galt auch für Finanzvorstand Axel Hellmann. Der gewiefte Jurist will nun von einem Zerwürfnis mit Bruchhagen in der Trainerfrage nichts wissen.

"Es gibt keinen grundlegenden Streit. Sicherlich gibt es zwischen Sport- und Finanzvorstand in Sachfragen mal eine Meinungsverschiedenheit", sagt der 43-Jährige.

Verneint wird von beiden Vorständen vehement das Gerücht, man habe mit Sascha Lewandowski als Nachwuchskoordinator bei Bayer Leverkusen bereits einen möglichen Nachfolger kontaktiert. Der könnte auch André Breitenreiter vom Absteiger SC Paderborn oder Alexander Schur von den eigenen U 19-Junioren heißen.

Bruchhagen kündigte im Gespräch mit SPORT1 eine baldige Lösung an. Manager Hübner habe mit Veh und Schaaf schon zweimal gute Lösungen präsentiert und werde das auch diesmal wieder tun, erklärte der Eintracht-Boss.

Was macht Schaaf?

Auch als künftiger Vereinsboss wird immer wieder Veh gehandelt, der derzeit in seiner Heimatstadt Augsburg auf ein neues Jobangebot wartet.

Sollte der Ex-Trainer zurückkommen, dann eher als Bruchhagen-Erbe im Sommer 2016. Und Schaaf? Den zieht es jetzt wohl wieder in die Gemeinde Stuhr nach Brinkum, wo noch immer sein Bungalow steht, den er mit Ehefrau Astrid bewohnt.

Ganz vom Fußball muss er nicht lassen: Für die UEFA erforscht er seit längerem im offiziellen Auftrag die Entwicklung des Fußballs und war in diesem Rahmen zuletzt beim Champions-League-Halbfinale Bayern gegen Barcelona auf Beobachtungstour.

Die Tortur in Frankfurt wollte er sich jetzt nicht mehr antun.

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