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Die Ingolstädter beschweren sich ganz fürchterlich bei Guido Winkmann © Imago

München - In Dortmund ist aus menschlichem Versagen die Versuchung groß für eine Entscheidung anhand von TV-Bildern. Das Spiel gegen Ingolstadt entfacht die Diskussion neu.

Er hätte es nicht machen dürfen, selbst wenn er gewollt hätte. Schiedsrichter Guido Winkmann und sein Team mussten sich in Dortmund vorführen lassen, als jeder im Stadion sah: Das 1:0 für den BVB gegen Ingolstadt war irregulär. Die Entscheidung musste jedoch stehen bleiben.

Der Weg zum regulären Videobeweis (mehr zum Thema ab 17.30 Uhr in Bundesliga Aktuell im TV auf SPORT1) kann also nicht mehr weit sein – oder? SPORT1 gibt einen Überblick.

  • Wer sagt was?

Wie schon nach Wolfsburgs Skandalsieg gegen Leverkusen im Oktober sprechen sich auch diesmal die Bevorteilten für eine Regel-Änderung aus.

"Ich bin klar für den Videobeweis", sagte Dortmunds Kapitän Mats Hummels. "Es wäre wichtig, wenn nur regelkonforme Tore fallen. Gefühlt müsste man bei zehn bis 15 Prozent der Tore anders entscheiden."

BVB-Trainer Thomas Tuchel auf die Frage, ob Winkmann nicht einfach ob der Bilder hätte handeln müssen: "Ich glaube, dass der Schiedsrichter es nicht gesehen hat und ich glaube zweitens, dass er es nicht darf. Aber ich bin glühender Verfechter davon, alle Tore zu überprüfen."

Über den Verantwortlichen, der die Szene auf der Dortmunder Videoleinwand hat erscheinen lassen, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bei Sky: "Es war menschliches Versagen, das ist eben halt passiert. Wenn er mir gestern über den Weg gelaufen wäre, dann wäre es ein bisschen enger geworden."

Zum Videobeweis schränkte er ein: "Wir müssen aufpassen, dass wir kein Debattierzirkel werden. Wenn das Spiel unterbrochen ist, dann kann man darüber diskutieren."

  • Wie sieht die FIFA die Sache?

Genau hier liegt ein großes Problem: Denn selbst wenn sich innerhalb des deutschen Fußballs alle Vereine, Funktionäre und Schiedsrichter einig wären - ohne den Weltverband geht nichts. Und hier blocken die entscheidenden Herren seit Jahren jeden Vorstoß ab.

Präsident Sepp Blatter verfechtet seit Jahr und Tag die Ansicht, ein Fußballspiel der Champions League dürfe sich nicht in seinen Grundlagen nicht von einem Jugendspiel irgendwo auf der Welt unterscheiden. Diese Einfachheit habe schließlich den Aufstieg zum meistgespielten Mannschaftssport der Welt begründet.

Entscheiden muss letztlich das International Football Association Board (IFAB), bestehend aus vier Vertretern der "Home Nations" England, Schottland, Wales und Nordirland sowie vier Vertretern der FIFA. Hier sieht man die Sache ähnlich wie im FIFA-Hauptquartier in Zürich. Es gibt aber erste Ansätze.

  • Wie sehen diese aus?

Die niederländische Ehrendivision testete in der vergangenen Saison einen Videoschiedsrichter, der in einem Übertragungswagen saß und sich strittige Szenen sofort ansah. Das allerdings nur zur Probe, er war nicht mit den Schiedsrichtern auf dem Feld verbunden.

"Wir waren sehr zufrieden mit diesem Versuch", sagte Gijs de Jong, Direktor Profifußball im niederländischen Verband. "Im Schnitt gab es pro Spiel zwei oder drei strittige Momente, in denen der Videoschiedsrichter hätte helfen können."

Kommentar dazu von Watzke: "Das mag in Holland gehen, aber da ist das Spiel auch etwas langsamer. Der Fußball hat immer davon gelebt, dass er einfach war. Es geht doch nicht ums Geld, der Fußball muss Freude machen. Die Zuschauer wollen unterhalten werden. Ich bin tendenziell mehr dagegen."

  • Wie ist die Situation in anderen Sportarten?

In allen vier großen US-Ligen gibt es den Videobeweis. In NFL, MLB und NHL können diesen die Cheftrainer beziehungsweise Mannschaften anfordern, in der NBA nur die Schiedsrichter.

Unterschiede gibt es in der Anzahl der Challenges sowie bei der Frage, wer über welche Situationen zu richten hat: In der NBA etwa entscheidet ein Videoteam über Zeitfragen bei Körben, Fouls obliegen den Feldschiedsrichtern.

Beim Rugby kann der Hauptschiedsrichter bei einem vermeintlichen Versuch den TV-Schiedsrichter hinzuziehen. Im Tennis darf jeder Spieler dreimal erfolglos die Linientechnik bemühen.

  • Welche Hürden müssten im Fußball genommen werden?

Die obersten Regelhüter standen noch nie im Verdacht, sonderlich progressiv zu sein. Im Zweifel bleibt alles, wie es ist – siehe Dreifachbestrafung bei Notbremsen im Strafraum. Dieser Punkt etwa war beim letzten jährlichen Treffen im Februar besprochen worden.

Allerfrühestens bewegt sich also im kommenden Jahr etwas. Wie dann die Verhältnisse bei der FIFA aussehen, ist aber auch noch lange nicht geklärt.

Ebenso wenig wie die Fragen: Welche Situationen sollen überprüfbar sein? Und was passiert, wenn der Schiedsrichter einen Angriff zu Unrecht wegen Abseits abpfeift und das Spiel unterbricht? Soll er im Zweifel immer weiterlaufen lassen, sodass der Videoschiedsrichter entscheidet? Wo liegt die Grenze? So oder so wartet noch viel Arbeit, wenn der Traum von weniger Fehlentscheidungen wahr werden soll.

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