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Hannover - Eigentlich gilt Thomas Schaaf als Markenzeichen für Kontinuität. Bei Hannover 96 ist der Trainer als Retter gefordert. Er selbst "freut sich riesig" auf diese neue Aufgabe.

Thomas Schaaf besitzt seit geraumer Zeit eine Zweitwohnung in Salzburg.

Neben seinem schon aus aktiven Werder-Zeiten bewohnten Bungalow in Brinkum, einem wachsenden Ort vor den Toren Bremens auf niedersächsischem Terrain, zieht sich der Fußballlehrer eben hin und wieder gerne nach Österreich zurück. Doch als die Familie Schaaf dort vor dem Weihnachtsfest weilte, lag kaum Schnee.

Ganz im Gegensatz zu seinem ersten Arbeitstag beim neuen Arbeitgeber: Im dichten Schneetreiben leitete der neue Cheftrainer von Hannover 96 am Montagmorgen seine erste Übungseinheit, die aufgrund des öffentlichen Interesses in die Arena verlegt wurde.

Fast 1000 Zuschauer klatschten aufmunternd Applaus - und Schaaf applaudierte zurück. Die Verbundenheit zur Anhängerschaft war dem bodenständigen Familienvaters stets wichtig. Aber diesmal braucht der 54-Jährige die Unterstützung der Basis mehr denn je.

"Alles ausreizen"

Im Abstiegskampf, das weiß Schaaf aus seiner nicht mehr sonderlich erfolgreichen Endphase bei Werder Bremen, ist der Schulterschluss zwischen Stadt, Verein und Umfeld Bedingung. Mehrfach hat Schaaf bei seiner Vorstellung darauf verwiesen, dass man gemeinsam "alles ausreizen" müsse.

Im Zwischenzeugnis seines Vorgängers Michael Frontzeck steht bei nur 14 Punkten ein mangelhaft. Deshalb wurde über den Jahreswechsel beim Vorletzten der Trainer getauscht.

Kann es Schaaf besser? Für ihn sprechen seine Erfolge. Seine Verbissenheit. Und seine Fachkompetenz, die schließlich auch die europäische Dachorganisation UEFA schätzt, die den einstigen Bremer Meistertrainer regelmäßig auf Beobachtungstour entsendet.

Aber auf Dauer reicht Schaaf das (noch) nicht. Er will wieder anpacken. Täglich. Auf dem Trainingsplatz.

Verwunderung beim ersten Training

Bezeichnend, wie häufig er bei der ersten Übungsstunde mit den 96-Profis immer wieder unterbrach, lautstark anzeigte, ständig anwies. Neuzugang Hotaru Yamaguchi war auch darüber verwundert, "dass wir so viel mit Ball gemacht haben."

Schaaf war bei seiner Präsentation klug genug, keinen Tabellenplatz zu versprechen. Stattdessen: Man werde "alles abrufen."

Seine kämpferische Attitüde stellte er mehr denn je nach außen dar. Der Trainer möchte dabei flexibel bleiben: Das System mit der Raute  sei "nicht in Beton gemeißelt".

Und bedingungsloser Offensivfußball sei auch nicht gefragt. "Man kann nicht immer schön spielen, man muss auch effektiv sein.“

Wird da einer noch zum Pragmatiker? Schlagworte wie Stabilität und Sicherheit fielen aus Schaafs Munde für die Mission am Maschsee. Der neue 96-Hoffnungsträger, der unaufgeregt und uneitel, aber doch entschlossen und ehrgeizig auftrat, appellierte an die Geduld.

Showdown bei Bayern

Er hat aber nur 16 Spieltage bis Anfang Mai, denn auf den letzten Spieltag - am 14. Mai beim FC Bayern - sollten sich die Seinen mal lieber nicht verlassen.

Viel wird davon abhängen, wie schnell sich Schaaf umstellen kann, wie früh er vertraute Spieler wie Christian Schulz oder Leon Andreasen für sich gewinnt, die er aus Bremer Zeiten bestens kennt.

Mehr als ein Jahrzehnt konnte der Trainer beim SV Werder eine Mannschaft entwickeln. Auch auf seine letzte Station, die Saison 2014/2015 bei Eintracht Frankfurt, konnte er sich wochenlang vorbereiten, ehe er im Unfrieden mit dem Umfeld schied.

Hannover 96 ist sein dritter Erstligastandort, der ihn an seine Anfänge erinnert. Als er nämlich bei Werder zum Cheftrainer befördert wurde, begann er im Mai 1999 in höchster Abstiegsnot.

Schlüsselerlebnis war damals ein 1:0 gegen Schalke. Siegtorschütze ein gewisser Christoph Dabrowski, der heute in Schaafs Trainerstab mitarbeitet.

Schaaf missfällt Schnelllebigkeit

Diesem gehören auch wieder seine treuen Diener Matthias Hönerbach und Wolfgang Rolff an. Schaafs Verlässlichkeit wird in der Branche oft hervorgehoben - ihm selbst missfällt die Schnelllebigkeit.  

Keine drei Wochen vor dem Rückrundenstart (am 23. Januar gegen Darmstadt 98) wehrt sich Schaaf dagegen, gegen den Aufsteiger schon einem Endspiel zu reden.

Trotzdem muss er schnell liefern. Klubchef Martin Kind hat zwar schon darüber schwadroniert, dass Schaaf bestenfalls eine neue Ära einleiten könne, die womöglich drei oder fünf Jahre dauert, doch Kinds Geduldsfaden reißt bekanntlich früh.

Bezeichnend: Schaafs Vertrag bis Juni 2017 gilt nur für die erste Liga. Er selbst sagte dazu: "Wenn das Ziel nicht erreicht wird, dann entsteht eine neue Situation. Dann kommt ein neuer Mann. Kein Problem."

Die Schwierigkeiten hätte dann eher er selbst: Seine Reputation würde mit einem Abstieg mächtigen Schaden erleiden.

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