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Dortmund - Warum fährt der organisierte Dortmund-Anhang nicht zu RB Leipzig? Und warum ist der Block dennoch voll? BVB-Fan Jan-Henrik Gruszecki im SPORT1-Interview.

Der Traditionsverein zu Gast beim Konzernklub: Das Bundesliga-Heimdebüt von RB Leipzig gegen Borussia Dortmund ist ein Duell der Gegensätze.

So große Gegensätze, dass viele, die mit dem BVB verbunden sind, das Samstagabendspiel (ab 18 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) gar nicht sehen möchten. Das Fanklub-Bündnis "Südtribüne Dortmund" hat aus Protest gegen RB eine Gegenveranstaltung für ihre Anhänger organisiert, die die Partie boykottieren wollen.

Was steckt hinter dieser Aktion? Warum wird RB rundweg abgelehnt, obwohl der Kommerz auch anderswo allgegenwärtig ist? Und warum ist der BVB-Gästeblock trotzdem ausverkauft?

SPORT1 hat nachgefragt bei Jan-Henrik Gruszecki, Filmemacher ("Am Borsigplatz geboren") und BVB-Fanvertreter.

SPORT1: Herr Gruszecki, warum boykottiert die organisierte BVB-Fanszene das Spiel in Leipzig?

Jan-Henrik Gruszecki: Die BVB-Fans boykottieren das Spiel in Leipzig nicht, es gibt einen ausverkauften Gästeblock - und es gab von unserer Seite aus auch nie einen Boykottaufruf, es gab nie die Forderung, keine Karten zu kaufen. Aber: Es gibt einfach ganz viele BVB-Fans, die überhaupt keine Lust auf das Spiel in Leipzig haben, die dem Dosenverein kein Geld in den Rachen schmeißen wollen. Für diese Fans haben wir eine Alternativveranstaltung geschaffen. Wir treffen uns im altehrwürdigen Stadion Rote Erde, schauen zunächst das Regionalspiel des BVB II gegen Wuppertal und hören anschließend das Spiel der BVB-Profis in Leipzig gemeinsam im Radio.

SPORT1: Dass der BVB-Gästeblock in Leipzig dennoch ausverkauft ist, wundert vor diesem Hintergrund viele.

Gruszecki: Wir haben nie gedacht, dass der Gästeblock nicht ausverkauft wird, das wäre völlig illusorisch. Von 1909 BVB-Fans war 1909 Fans klar, dass der Gästeblock binnen Minuten ausverkauft sein wird. Der BVB hat viele Fans in Ostdeutschland und hat dort seit Mitte der Neunziger kein Bundesligaspiel mehr gespielt. Unmengen von BVB-Fans warten darauf, ihn dort live zu sehen. Denen ist der Protest da im Vergleich nicht so wichtig und das ist auch in Ordnung so. Andere Fans sehen das anders, es gibt zum Beispiel auch BVB-Fans aus Hessen, die nach Dortmund reisen, um sich das Spiel hier im Radio anzuhören.

SPORT1: RB-Gegner hätten ja auch nach Leipzig fahren können und dort ihren Protest zum Ausdruck bringen.

Gruszecki: Nein, wir wollten nicht nach Leipzig und dort aktiv werden. Selbst konstruktive Kritik wird dort vom rüden Sicherheitsdienst unterbunden. Die Fans anderer Vereine haben da ja auch schon viel gemacht - und sehr viele BVB-Fans wollten auch gar nicht nach Leipzig, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, so einen Verein mit dem Eintrittsgeld zu unterstützen.

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SPORT1: Was genau ist der Grund, warum Sie RB ablehnen? Andere Vereine machen die Kommerzialisierung des Fußballs ja auch mit, auch der BVB.

Gruszecki: Red Bull Leipzig führt aber das komplette Fußballsystem ad absurdum. Traditionsvereine, die auch Geld verdienen wollen und müssen wie Dortmund, Schalke, Köln, Dresden und Bayern, die alle AGs oder KGaAs sind: Ja, auch dort wird Geld verdient, aber um Fußball zu spielen. Bei Red Bull spielt man Fußball, um ein Produkt und Lifestyle zu verkaufen. Das ist der elementare Unterschied.

SPORT1: Viele Fußball-Fans in Leipzig freuen sich trotzdem darüber, nun einen Bundesliga-Verein bejubeln zu können.

Gruszecki: Natürlich ist es für die Leipziger schön, mit der Straßenbahn zu Bundesligaspielen fahren zu können. Aber: Die Bundesliga wurde ja nicht auf 19 Vereine erweitert, damit man in Leipzig eben dies tun kann. Ein anderer Verein spielt dafür eben nicht dort. Schleswig-Holstein hat noch nie einen Bundesligisten gehabt, deswegen muss man Holstein Kiel jetzt ja nicht zwangsläufig in die Bundesliga holen. Red Bull hat es eben deutlich einfacher gehabt, sich diesen Platz zu erspielen als ein Traditionsverein wie Nürnberg, wo die Fans nun keinen Bundesliga-Fußball erleben dürfen. Red Bull hat ihnen den Platz im Grunde genommen weggekauft. Dieses Finanzdoping durch Red Bull ist eine Form von Wettbewerbsverzerrung.

"Pils und Bratwurst statt Brause und Popcorn": Viele BVB-Fans haben ein grundlegendes Problem mit RB Leipzig
"Pils und Bratwurst statt Brause und Popcorn": Viele BVB-Fans haben ein grundlegendes Problem mit RB Leipzig © Imago

SPORT1: Das Red-Bull-Geld entwertet für Sie also die Leistung.

Gruszecki: Ich habe nicht den Mega-Respekt davor, wenn Red Bull mit seinem Mega-Etat Arminia Bielefeld mit 1:0 besiegt. Mich verwundert es, da die Philosophie von Red Bull ja eigentlich eine ist, ungeahnte Höchstleistungen zu bringen. Beim Fußball schafft Ralf Rangnick es mit sehr, sehr, sehr, sehr viel Geld etwas Ordentliches dafür reinzuholen. Dass man mit dem Etat trotzdem nur knapp zwischen Freiburg und Nürnberg mit deutlich geringeren Etats gelandet ist, spricht nicht für seine Kompetenz. Red Bull ist im vergangenen Jahr mit einem Formel-1-Wagen bei einem Seifenkistenrennen mitgefahren und hat dabei den zweiten Platz geholt: herzlichen Glückwunsch dazu.

SPORT1: Wo genau verläuft für Sie die Grenze zwischen einem guten Traditions- und einem schlechten Kommerzverein?

Gruszecki: Ein Traditionsverein ist für mich ein Verein, der seit Jahrzehnten ganz viele Menschen bewegt und dafür sorgt, dass die Fußballkultur ist, wie sie ist, dass der Fußball Millionen Menschen begeistert. Dafür haben die Vereine gesorgt, die jetzt leider hintenanstehen, weil Konstrukte mit ganz viel Geld diesen Vereinen Plätze wegnehmen. Mit dem Gründungsdatum hat das übrigens nichts zu tun: Hoffenheim ist 1899 gegründet worden, hat aber nicht mehr Tradition als der 1. FC Köln, der nach dem 2. Weltkrieg gegründet wurde. Es geht immer darum: Was hat ein Verein in seiner Geschichte für die Fußballkultur geleistet?

SPORT1: In der Gegenwart ist der Kommerz dennoch nicht nur in Leipzig allgegenwärtig.

Gruszecki: Natürlich spielt Kommerz bei jedem Verein eine wichtige und zu große Rolle. Beim BVB steht leider auch nicht mehr der Schriftzug "Westfalenstadion". Der elementare Unterschied ist wie gesagt: In Leipzig ist die Fußballabteilung Marketingkonstrukt eines Lifestyle- und Getränkekonzerns.

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SPORT1: Dennoch gibt es in der Fanszene des BVB auch ein regelmäßiges Rumoren über den eigenen Verein, etwa über die Internationalisierungsstrategie.

Gruszecki: Stimmt. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt, dass man einen Spagat hinbekommen muss zwischen Borsigplatz und Schanghai. Es ist anspruchsvoll, sich dabei keine Zerrung zu holen. Man hat manchmal vielleicht das Gefühl, der Oberschenkel ist in Schanghai und nur noch die Zehenspitze am Borsigplatz. Die Heimat muss aber immer wichtiger sein. Borussia Dortmund funktioniert nicht ohne Dortmund, der Fußball nicht ohne eine aktive Fankultur. Er darf nicht seine Basis verlieren, muss Volkssport bleiben und kein Fernsehsport werden wie in England. Was die Bundesliga auszeichnet, ist die Fußballkultur, die wir hier noch bewahrt haben. Aber es steuert nicht mehr unbedingt in die richtige Richtung.

SPORT1: Wenn es um Fußball- und Fankultur geht: Bereichert RB Leipzig diese in gewisser Weise nicht auch? Der Klub zeigt vielen Fans anderer Vereine anscheinend ja auf, was sie nicht wollen, ist ein Feind, auf das sich alle einigen können.

Gruszecki (lacht): Nein, als Bereicherung für die Fankultur würde ich den Aufstieg von Red Bull nun wirklich nicht bezeichnen wollen. Wenn es um Hassobjekte geht, würde ich mich als BVB-Fan gern auf die Schalker konzentrieren.

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