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Granit (links) und Taulant Xhaka spielen für die Schweiz respektive Albanien. Sie absolvieren das erste Bruderduell bei einer EM überhaupt.
Granit (links) und Taulant Xhaka spielen für die Schweiz respektive Albanien. Sie absolvieren das erste Bruderduell bei einer EM überhaupt. © Imago

München - Taulant und Granit Xhaka liefern sich den ersten Bruderkampf der EM-Geschichte. Das Duell Albanien gegen die Schweiz ist nicht nur deshalb ein brisantes.

Allein die Geschichte von Lorik Cana. Wenn der 32-Jährige seine Mannschaft am Samstag um 15 Uhr in Lens bei der EM 2016 (alle EM-Spiele LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) auf den Rasen führt, wird er in dem Land, in dem er einst zum Star wurde, mit der Auswahl des Landes seiner Vorfahren gegen das Land spielen, in dem er aufwuchs.

Der Spielplan der EM 2016 zum Downloaden und Ausdrucken © SPORT1

Lorik Cana ist der Kapitän Albaniens, das zum ersten Mal bei der EM dabei ist. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Cana in der Schweiz, wie acht weitere Mannschaftskollegen.

Zu einem international sehr geschätzten Innenverteidiger wurde Cana aber zwischen 2002 und 2009 in Frankreich, bei PSG und Olympique Marseille.

Albanien hat die internationalste Auswahl

Bei keiner anderen Nationalmannschaft bei der EM stehen mehr Spieler im Aufgebot, die nicht im Land geboren sind, für das sie spielen: Zwölf Mitglieder der Rot-Schwarzen haben zwei Staatsangehörigkeiten, darunter allein neun auch die schweizerische. Kapitän Cana hat sogar drei Pässe.

Albanien tritt mit einer eigenen Europaauswahl bei der EM an. In der heimischen Kategoria Superiore spielen nur die beiden Ersatztorhüter, Trainer Giovanni de Biasi ist Italiener.

Sechs Schweizer mit albanischen Wurzeln

Andersherum hätten aber auch viele Spieler der Schweizer Nati bei der EM in Rot-Schwarz statt Rot-Weiß auflaufen können. Im Schweizer Aufgebot stehen sechs aus Albanien stammende Spieler, darunter die größten Stars Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri.

Während sich Cana einst ganz bewusst für die albanische Auswahl entschied - "mein Ziel war es immer, für Albanien auf der großen Bühne zu spielen", sagte er zuletzt - war die Nationalmannschaftswahl der meisten anderen eher pragmatisch. Wer richtig gut war, entschied sich für die Schweiz – die anderen irgendwann für Albanien.

Bruderduell bei den Xhakas

Exemplarisch dafür ist die Familie Xhaka - auf die darum am Samstag ein unangenehmes Bruderduell zukommt. Das erste überhaupt bei einer EM.

Granit Xhaka, soeben für 45 Millionen Euro von Mönchengladbach zum FC Arsenal gewechselt, ist der teuerste Schweizer Spieler aller Zeiten. Taulant, mit 25 Jahren zwei Jahre älter als Granit, spielt beim FC Basel und für Albanien - weil er nach seinen Einsätzen in den Schweizer Jugendauswahlen nie eine Chance auf die A-Mannschaft seines Geburtslandes hatte.

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"Wer in einer ähnlichen Situation behauptet, das wäre kein spezielles Spiel, der lügt. 90 Minuten werden wir das Brüder-Sein professionell ausblenden. Der Bessere soll gewinnen", sagte Granit, gab aber auch zu, dass die Aussicht auf das Duell gegen den Bruder und gegen sein anderes Land "einfach ein Scheiß-Gefühl" sei.

Beschimpfungen gegen Granit Xhaka und Shaqiri

Xhakas Eltern sehen es eher entspannt. Er sei froh, dass er zwei Hände habe, sagte Vater Ragip Xhaka. So könne er beiden Söhnen je einen Daumen drücken.

Das Talent der Söhne kommt ihm unmittelbar zugute: "80 Prozent unserer Einkommen geben wir zu Hause ab", verriet Granit vor dem Auftakt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Wir sind jung, wir sind naiv. Geld kommt, Geld kann schnell wieder gehen. Wenn jemand denkt, dass er etwas Besseres ist, nur weil er mehr Geld auf dem Konto hat, dann kann er ganz schnell auf die Schnauze fallen."

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Eine bemerkenswerte Einstellung, die Xhaka nicht davor bewahrt, dass seine Entscheidung für die Schweiz kritisch gesehen wird: Als sein Team bei der WM-Quali 2014 gegen Albanien spielte, wurden er, Shaqiri und Valon Behrami von Teilen des Publikums bei beiden Spielen wüst beschimpft. "Verräter" gehörte noch zu den harmloseren Beleidigungen, wie Granit Xhaka berichtete.

Auch Kosovo ein Thema

Noch komplizierter und befremdlicher wird das, wenn man weiß, dass die Xhakas, ebenso wie Cana, Valon Behrami und Shaqiri aus dem Kosovo stammen, also Kosovo-Albaner sind und theoretisch sogar für die neu zugelassene kosovarische Nationalmannschaft spielen könnten.

Bei der EM soll die Politik aber keine Rolle spielen. Für die Spieler sowieso nicht. Wie Taulant sagte: "Es wird ein Fußballspiel, das ich gewinnen möchte."

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