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Matthias Becker legte in fünf Wochen mehr als 6000 Kilometer bei der EM zurück © SPORT1/Getty Images

München - Nach fünf Wochen in Frankreich zieht SPORT1-Reporter Matthias Becker ein persönliches Turnierfazit. Der EM-Trip war ein Abenteuer, doch es bleibt nicht nur Positives hängen.

Kennen Sie das auch, diese Frage?

"Und, wie war’s?" Das hört man häufig nach langen Auslandsaufenthalten oder Urlauben. Eine Frage, auf die es kaum eine sinnvolle, kurze Antwort gibt. Schon gar nicht nach dieser EM in Frankreich.

Fünf Wochen war ich jetzt unterwegs, um für SPORT1 von der EURO 2016 zu berichten. Es war ein Privileg. Etwas mehr als 6000 Kilometer bin ich quer durchs Land gereist, dazu dutzende weitere Kilometer zu Fuß durch Städte und zu den Stadien in Saint-Denis, Paris, Lille, Lyon, Bordeaux, Marseille gelaufen.

16 Spiele habe ich live im Stadion gesehen. Vom Eröffnungsspiel bis zum Finale, vom deutschen 0:0 gegen Polen bis zum dramatischen Viertelfinal-Erfolg gegen Italien. Sportlich bleibt trotzdem nur sehr wenig hängen.

Eintrittsgeld nicht wert

Von den 16 Spielen waren drei, vielleicht vier dabei, von denen ich im Nachhinein behaupten würde, dass es sich gelohnt hätte, dafür Eintritt zu bezahlen.

Ansonsten: Bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus defensiv eingestellte Mannschaften. Wenig berauschender Offensivfußball und mit dem Erfolg Portugals eine passende Schlusspointe unter die EM des Pragmatismus: Jedes Turnier bekommt den Sieger, den es verdient.

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Bleibt die Erkenntnis, dass der Fußball den Gipfel des Hypes überschritten hat. Momentan geht es bergab. Die internationalen Spitzenklubs faszinieren die Fans weitaus mehr als es die großen Turniere noch können.

Mit vielen anderen Problemen im Hinterkopf sind die Menschen offenbar auch nicht mehr bereit, sich so bedingungslos in die patriotische Euphorie zu stürzen wie noch vor zehn Jahren in Deutschland.

Keine große Liebe

Den Franzosen hat die EM in ihrem Land gefallen, eine große Liebe war es aber nicht. Sie waren sehr bemüht und freundlich als Gastgeber. In den letzten Turniertagen bis zum Finale kam sogar einmal kurz so etwas wie Euphorie auf. 

Die Hoffnungen, die Staatspräsident Francois Hollande vor dem Finale äußerte, der Fußball könne den Menschen im Alltag helfen, ihnen neuen Mut geben, waren aber einfach hoffnungslos überzogen.

Der Fußball mag Linderung für ein paar Stunden bringen. Gegen gesellschaftliche, wirtschaftliche und poltische Entwicklungen ist er aber machtlos. 

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Den Fallrückzieher von Xherdan Shaqiri kann ich mir noch zehn Mal angucken. Die Bilder von bettelnden, dreijährigen Flüchtlingsmädchen nachts um halb zwei am Autobahnende bei Saint-Denis spült er mir nicht aus dem Kopf.

Auch die ständig präsente Angst vor Terrorismus kann man nicht einfach beiseite drängen. Rund um die Stadien und ihre drei Sicherheitsschleusen sowieso nicht.

Sicher in den Stadien

Aber auch nicht in den Städten, wo es einem schon nach wenigen Tagen völlig normal erscheint, dass Polizisten und Soldaten tagein tagaus mit Maschinengewehren patrouillieren. Immerhin hat es sich gelohnt, Terroranschläge gab es keine, in den Stadien fühlte man sich sicher.

Was also antworten auf die Frage: "Und wie war’s?“

Es wär schön. Ich durfte Zeit mit tollen Kollegen verbringen und das machen, was viele Fußballfans als Traumjob bezeichnen.

Und es war manchmal auch schrecklich. Ich habe die Grenzen des Fußballs gesehen, sportlich und gesellschaftlich. Wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass WM- und EM-Turniere das Heilmittel gegen alles sind.  Fußball ist Fußball. Nicht mehr und nicht weniger.

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