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Mönchengladbach - Gladbach zeigt gegen Sevilla ungeahnte Qualitäten und einen Plan B. Für den nächsten Schritt fehlt die Cleverness. Rotsünder Granit Xhaka wird von Lucien Favre getadelt.

Ein wahres Offensiv-Spektakel hatte Borussia Mönchengladbach geboten, Hurra-Fußball zelebriert. Mit mehr Herz als Hirn, Leidenschaft und Mut, aber auch vollem Risiko. Fast schon vogelwild.

Eigentlich ein krasser Gegenentwurf zu der Spielweise, die Trainer Lucien Favre Borussia Mönchengladbach in den vergangenen Jahren immer wieder eingetrichtert hat. Erfolgreich eingetrichtert hat.

Kontrollierte Offensivarbeit, ohne die Abwehrarbeit zu vernachlässigen also. Mit kühlem Kopf. Strategisches Ausnutzen der Schwächen des Gegners, stets mit viel Ballbesitz, aber auch überschaubarem Risiko. Contenance.

Die hatte die Borussia beim 2:3 im Zwischenrunden-Rückspiel in der Europa League gegen den FC Sevilla früh über Bord geworfen. Für Favre letztendlich zu viel des Guten? "Es war nicht zu viel, ich habe das gern. Mit viel Risiko, mit viel Initiative nach vorne, mit Torchancen und immer Gefahr", gab Favre zu.

Lucien Favre: "Du musst es beherrschen"

Aber natürlich schränkte er dann auch ein: "Du musst es beherrschen. Wenn du das Spiel machst, darfst du denn Ball nicht verlieren, wenn es gefährlich ist. Sonst kann es teuer werden. Das müssen wir verbessern."

Konzentration sei das entscheidende Stichwort. "Für mich ist das eine Qualität. Wir müssen sie halten, 90 Minuten lang", sagte der 57-Jährige.

Unter dem Strich waren die Gladbacher gegen den Titelverteidiger sogar über 180 Minuten die bessere Mannschaft.

Dafür musste die Borussia aber auch schmerzhaft lernen, dass eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt. Dass Fehler auf diesem Niveau gnadenlos bestraft werden. Wie das in einem Reifeprozess eben manchmal üblich ist. "Wenn man nach Hin- und Rückspiel über 180 Minuten ausscheidet, dann ist es am Ende auch irgendwo gerecht", sagte Weltmeister Christoph Kramer.

Erfolg heiligt Sevillas Mittel

"Wir müssen das insgesamt analysieren. Wir haben eine gute Europa League gespielt, müssen aber aus den beiden Spielen lernen. Wir müssen positiv bleiben", forderte Favre.

Denn die Borussia zeigte ganz im Gegensatz zu den vergangenen Wochen in der Liga, dass sie gegen tief stehende, aufs Verteidigen bedachte Mannschaften durchaus einen Plan B hat. Einen attraktiven noch dazu.

Granit Xhaka von Borussia Mönchengladbach wird vom Schiedsrichter vom Platz geschickt
Max Kruse (r.) haderte nach dem Spiel mit der fehlenden Cleverness der Borussia © getty

Perfekt ausgetüftelt ist der allerdings noch nicht. "Was die Cleverness angeht, müssen wir noch viel dazu lernen. Wenn sie es so schaffen, den Schiedsrichter zu beeinflussen, ist das die Cleverness, die uns gefehlt hat. Sie waren von Anfang an darauf aus, weiterzukommen, egal mit welchen Mitteln", sagte Max Kruse.

Wie schon im Hinspiel hatten die Andalusier den Gegner mit stetem Reklamieren, theatralischem Gehabe und Zeitspielen zur Weißglut gebracht. Clever und abgezockt könnte man das nennen, stets an der Grenze zur Unsportlichkeit. Doch der Erfolg heiligt die Mittel, sagt man.

Granit Xhaka empört über Platzverweis

Granit Xhaka sah das natürlich anders. Er hatte in der 68. Minute die Gelb-Rote Karte gesehen. Ob nun berechtigt oder nicht - der Platzverweis einhergehend mit dem kurz zuvor nicht gegebenen Foulelfmeter war der Knackpunkt. "Ich musste vorhin lachen, und ich muss immer noch lachen", erklärte Xhaka.

Granit Xhaka von Borussia Mönchengladbach sieht gegen den FC Sevilla Gelb-Rot
Granit Xhaka sah in der 68. Minute die Gelb-Rote Karte © getty

Bei seiner ersten Gelben Karte soll er seinen Ellenbogen im Zweikampf eingesetzt haben. "Beim zweiten Mal stand ich auf seinem Fuß. Aber dass er so lange liegen bleibt, als hätte ich ihm den Fuß gebrochen, hat mit Fairplay nichts zu tun. So sind wir nicht, von daher war Sevilla etwas cleverer als wir", sagte Xhaka.

Sein Trainer wollte zu den strittigen Entscheidungen gar nicht viel sagen. Dafür aber über seinen Antreiber im defensiven Mittelfeld, der sich zwar zu einem echten Leistungsträger entwickelt hat. Aber aufgrund seiner physischen Spielweise auch eben für solche Platzverweise gut ist.

Christoph Kramer: "Etwas Positives mitnehmen"

"Er muss aufpassen, dass er nicht regelmäßig weiter Rote Karten bekommt. Er hat so viel Qualität, aber er bestraft die Mannschaft. Er setzt sich immer für die Mannschaft ein und will immer die Kollegen verteidigen, aber nachher richtet es sich gegen ihn", sagte Favre.

Xhaka selbst schaute schon wieder nach vorne. Im DFB-Pokal ist die Borussia noch dabei, viel wichtiger ist aber sowieso das Tagesgeschäft.

"Jetzt haben wir in den Englischen Wochen wieder etwas mehr Freizeit und können uns auf die Bundesliga und den DFB-Pokal konzentrieren. Das ist auch nicht das Schlechteste. Man kann aus allem etwas Positives mitnehmen", sagte Kramer.

Zwischen den Zeilen war vor allem das Selbstvertrauen zu spüren, nachdem man auf internationalem Parkett gegen den Titelverteidiger auf Augenhöhe war. Denn plötzlich fiel auch immer öfter das Wort Champions League, das zuvor noch niemand wirklich in den Mund nehmen wollte. Die Königsklasse hat der Tabellendritte spätestens jetzt aber vollends im Blick.

Kein Motivationsproblem

Am Sonntag kommt der SC Paderborn (ab 15.15 Uhr LIVE im Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER). Ein Motivationsproblem werde die Mannschaft nicht bekommen, ist sich Kruse sicher. Und die Umstellung von einem internationalen Hochkaräter auf einen Bundesliga-Aufsteiger werde nicht schwer, bekräftigte er.

Die Aufgabe dafür schon. Denn in dieser Saison konnten die Gladbacher unmittelbar nach Spielen in der Europa League noch keine Ligapartie gewinnen. Auch das gehört dann zum Reifeprozess dazu.

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