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München - Borussia Dortmund verzichtet beim Gastspiel in Aserbaidschan wegen des Bergkarabach-Konflikts auf Henrikh Mkhitaryan. BVB-Chef Watzke bemüht sich um Diplomatie.

Vor rund zwei Jahren ist Henrikh Mkhitaryan in den Orden der Verteidiger des Vaterlands der Republik Armenien aufgenommen worden.

Die Ehre wurde dem Dortmunder Mittelfeldspieler und Kapitän der armenischen Nationalmannschaft weniger wegen dessen außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Rasen zuteil. Sondern vor allem: Wegen seines Engagements für die nahezu vollständig armenischstämmige Bevölkerung der de facto seit 1991 existierenden, aber international nicht anerkannten Republik Bergkarabach.

Dieses humanitäre und soziale Engagement hat Mkhitaryan nun um einen Einsatz in der UEFA Europa League gebracht.

Um die gebirgige Region schwelt ein immer wieder blutiger Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Wegen des politischen Konflikts verzichtet Borussia Dortmund beim Gruppenspiel der UEFA Europa League gegen den FK Qäbälä in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku am Donnerstag (ab 17 Uhr in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) auf Mkhitaryan.

"Für alle Beteiligten das Beste"

"Es ist eine Krisenregion. Was das Zusammenspiel der beiden Länder angeht, das ist schon über das normale Maß hinausgehend. Wir haben mit dem Spieler gesprochen, es ist für alle Beteiligten das Beste", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor dem Abflug.

Mkhitaryan sei "nicht böse, dass er zu Hause bleibt", so Watzke weiter. Obgleich "schon ein leichtes Unbehagen dabei" sei, bemühte sich der Geschäftsführer dennoch, die Angelegenheit nicht allzu hochzuhängen.

"Wir waren schon 2010 in Baku. Eine lupenreine Demokratie ist es vielleicht nicht, aber da gibt es noch ein paar andere in den Nachbarstaaten. Es gibt keinen Konflikt zwischen Deutschland und Aserbaidschan, sondern zwischen Armenien und Aserbaidschan. Das Einzige, was nervt, ist der relativ lange Flug", so Watzke.

Dejagah sorgte für Skandal

Auch bliebe Mkhitaryan nicht aus "politischen Gründen" in Dortmund. "Nein, sagen wir es so: Es ist eine Konfliktsituation der beiden Länder", sagte Watzke, der natürlich ganz genau weiß, wie sensibel die ganze Thematik ist.

Als der Deutsch-Iraner und damalige U21-Nationalspieler Ashkan Dejagah sich 2010 weigerte, an einem Länderspiel in Israel teilzunehmen, sorgte er unfreiwillig für einen Skandal. Bild hatte damals gemeldet, Dejagah habe aus "politischen Gründen" abgesagt. Dejagah sah sich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt, Politiker und der Zentralrat der Juden warfen ihm sogar unverhohlen Antisemitismus vor. „Ich bin kein Rassist. Meine Gründe sind rein persönliche. Es ging bei der ganzen Sache gar nicht um mich, das habe ich für meine Familie getan“, erklärte sich Dejagah, der zum Spielball der Politik geworden war.

BVB will keinen diplomatischen Schaden

Watzke wollte es nun für Mkhitaryan wohl nicht so weit kommen lassen und bemühte zur Relativierung einen Vergleich aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: "Solche Konfliktsituationen gibt es schon mal. Zu Zeiten des Falklandkriegs war die Lage zwischen Argentiniern und Engländern auch etwas angespannter."

Der Vergleich hinkte – der Falklandkrieg dauerte wenige Monate, das Verhältnis zwischen Argentinien und dem Vereinigten Königreich hat sich längst normalisiert; der blutige Konflikt um Bergkarabach schwelt seit gut 100 Jahren und belastet die Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan bis heute. Doch Watzke schien sehr daran gelegen, bloß keinen diplomatischen Schaden anzurichten und es trotzdem allen Seitden recht zu machen.

Mkhitaryan hätte bei der Erteilung des Visums für Aserbaidschan theoretisch Probleme bekommen können. "Es geht in Visa-Angelegenheiten immer auch um die Frage, ob sich jemand in den vergangenen Jahren in der Krisenregion Bergkarabach aufgehalten hat. Dies empfinden die Aserbaidschaner offenbar als spezielle Provokation", hatte Sportdirektor Michael Zorc vor Tagen Bild gesagt.

"Ich finde es sportlich und menschlich sehr schade, dass Miki nicht dabei ist. Wir haben das gemeinsam entschieden", fügte Trainer Thomas Tuchel am Mittwochabend auf der Pressekonferenz hinzu. Der BVB-Trainer kann dafür immerhin wieder auf Marcel Schmelzer zurückgreifen, der zuletzt wegen einer Oberschenkelzerrung ausfiel. "Er ist fit und bereit für die Startelf", sagte Tuchel.

Für Europaspiele bekamen Armenier ein Visum

Dagegen fehlt Abwehrspieler Neven Subotic weiterhin wegen Rückenproblemen. Der Serbe trat die Reise gar nicht erst an. Wie auch Mkhitaryan.

Dass dem Mittelfeldspieler tatsächlich die Einreise verweigert worden wäre, scheint dabei unwahrscheinlich. Auch, weil dem aserbaidschanischen Verband dann schwere Sanktionen durch die UEFA gedroht hätten.

Außerdem: Für die Europaspiele im Sommer in Baku erhielten alle armenischen Sportler ein Visum. Sie wurden zwar vom Publikum bei jedem Wettkampf gnadenlos ausgepfiffen, ein echtes Sicherheitsrisiko bestand für sie aber nicht.

Vielsagend war darum auch dieser Satz von Watzke: "Wenn es ums Halbfinale gegangen wäre, hätte es vielleicht eine andere Entscheidung gegeben."

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