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Liverpool v Sevilla - UEFA Europa League Final
Sehnsucht: Jürgen Klopp beobachtet jubelnde Spanier beim Abpfiff © Getty Images

Basel - Schiedsrichter, eigene Spieler, Gegner: Alle bringen sie Jürgen Klopp bei der Finalpleite der UEFA Europa League zur Verzweiflung. SPORT1 hat ihn beobachtet.

Am Ende blieb auch Jürgen Klopp nur noch Resignation.

Auch das fünfte große Finale in Folge hat der deutsche Trainer des FC Liverpool verloren. Fast so als laste der Fluch der guten Tat auf ihm. Seit dem rauschhaften 5:2 im DFB-Pokalfinale 2012 mit Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München hat Klopp nun alle Endspiele verloren, auch das der UEFA Europa League mit den Reds gegen den FC Sevilla.

Klopps Vize-Trauma nach dem Final-Drama von Basel. SPORT1 konnte Klopp in Basel aus nächster Nähe beobachten. Seine Leidenszeit in fünf Akten:

1. Die Einleitung:

Klopp kommt so, wie es vor allem die Fans lieben. Während Sevillas Coach Unai Emery im perfekt sitzenden Maßanzug aufs Feld schreitet, hat sich Klopp für die Ballonseide entschieden. Schwarze Trainingshose, graue Trainingsjacke, knallrote Laufschuhe - hier soll gearbeitet werden. Klopp ist entspannt, lacht mit den Mitgliedern seines Betreuerstabs, während sein Team sich aufwärmt.

Zwischendurch ein kleiner Plausch mit Final-Botschafter Alex Frei, die beiden verbindet ja eine (kurze) gemeinsame Vergangenheit beim BVB. Der Anpfiff rückt näher, Klopp schlendert gemächlich in die Kabine. Als es dann kurz vor Anpfiff wieder hinausgeht, gibt es noch eine herzliche Umarmung mit Emery – und das Finale kann beginnen.

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2. Steigende Handlung

Liverpool kommt gut ins Spiel. In der 8. Minute sieht Klopp die erste Chance, steht am Rande seiner Coaching-Zone, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Als den Reds in der 12. Minute der erste mögliche Elfmeter verweigert wird, nimmt Klopp schon mal kritischen Blickkontakt mit dem vierten Offiziellen auf. Die beiden sollen sich später noch wiedersehen.

Insgesamt gefällt Klopp nicht alles, was er sieht, auch wenn Liverpool das Spiel im Griff hat. Vor allem Roberto Firmino wird von seinem Coach gleich mehrfach zusammengestaucht, dass er gefälligst besser mit nach hinten arbeiten soll. Als Sevillas Torjäger Kevin Gameiro die erste Chance der Spanier hat, schickt Klopp gleich mal seine Reservespieler zum Aufwärmen. Er tigert durch die Coaching-Zone, der Unterkiefer arbeitet.

3. Höhepunkt

Liverpool belohnt sich durch das Traumtor von Daniel Sturridge für die gute erste Hälfte. Und Klopp? Bleibt im Jubel erst mal suchend stehen, schaut auf die Ehrentribüne, sucht vermutlich nach bekannten Gesichtern.

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Dann bricht es aber doch aus ihm heraus: eine Faust, Doppelfaust und dann gleich mehrere kräftige Hiebe auf die eigene Brust. Endet es heute, das Final-Trauma? Klopp traut dem Braten noch nicht. Als Liverpools zweites Tor aberkannt wird, hat er es sofort erkannt, "prügelt" die schon feiernden Teammitglieder fast schon zurück auf die Bank. Im Dauerlauf geht es kurz darauf in die Kabine.

Was dann passiert, gibt dem Drama die entscheidende Wendung. Nur 17 Sekunden nach Wiederanpfiff drückt Gameiro den Ball völlig unbehelligt zum Ausgleich ins Tor. Klopp, der noch gar nicht wieder richtig gesessen hat, dreht mit einem gequälten Lächeln im Gesicht ab.

4. Das Drama nimmt seinen Lauf

Dieser Gegentreffer trifft Liverpool ins Mark, nicht nur auf dem Platz. Klopp ist der Erste, der sich wieder gefangen hat. Er dreht sich zu den eigenen Fans, fordert sie auf, das Team gerade jetzt zu unterstützen. Der Funke springt aber nicht über. Auch auf den Rängen bekommt der FC Sevilla jetzt Oberwasser. Klopp dirigiert, versucht seine strauchelnde Mannschaft auf den richtigen Weg zurückzulenken, doch es klappt nicht.

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Kapitän Coke bringt die Spanier in Führung, Klopp nimmt es kurz versteinert zur Kenntnis, um sich dann direkt seinen Kapitän James Milner heranzuholen. Wieder wendet er sich an die Fans, peitscht sie mit wilden Armbewegungen nach vorne. Für einen kurzen Moment folgen sie ihm, doch auch der Reds-Anhang erkennt, dass Sevilla jetzt kaum noch aufzuhalten sein wird.

5. Das Ende

71. Minute, 1:3 Coke – so die nüchternen Fakten. Doch die Aufregung ist groß. Der Schiedsrichter-Assistent hatte kurz die Fahne gehoben, wird von seinem Chef aber – zu Recht – überstimmt. Klopp stürmt die Seitenlinie entlang, wo er vom vierten Offiziellen empfangen wird. Die beiden kommen sich ganz nah, Klopps Gesicht droht kurz so zu entgleisen, wie es das schon in der Bundesliga manchmal tat, aber er hat sich schnell wieder im Griff.

Ohnehin dürfte dem Coach in diesem Moment klar sein, dass nur noch wenig für ein erneutes Zauber-Comeback wie im Viertelfinale gegen den BVB spricht. Er versucht noch einmal alles, gibt seinen Jokern per Zettel klare Aufträge. Das richtige Feuer entsteht in Rot aber weder auf dem Rasen, noch auf den Rängen.

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Einmal mehr muss Klopp also einem Finalgegner gratulieren. Er tut das mit Würde, richtet die eigenen Spieler wieder auf und hält sich auch im Gespräch mit Schiedsrichter Jonas Eriksson zurück, obwohl der den Reds wahrlich nicht geholfen hat.

"In allen fünf Finals, die ich verloren habe, war keine der Fehlentscheidungen zu meinen Gunsten", sagt ein erschöpft wirkender Klopp auf der Pressekonferenz: "Aber auch das wird sich irgendwann ändern. Ich werde für weitere Endspiele kämpfen, mit allem, was ich habe."

Vielleicht nimmt das Drama ja dann ein gutes Ende.

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