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Santiago de Chile - Er wechselt innerhalb Europas für 40 Millionen Euro und ist auserwählt, die Selecao bei der Copa America zu retten. Trotzdem ist Roberto Firmino in Brasilien weitgehend unbekannt.

Es hatte etwas von einem Initiationsritus.

Zum ersten Mal sitzt Roberto Firmino bei der Nationalmannschaft alleine auf dem Podium einer Pressekonferenz - den Fragen der Journalisten ausgesetzt.

Die überwiegend brasilianischen Reporter wiederum treibt er mit seiner Schüchternheit in die Verzweiflung. "Er kommt stumm herein und geht still hinaus", schreibt ESPN Brasil.

Schüchternheit als Hindernis

Keine klare Aussage zu seinem Rekord-Transfer von Hoffenheim nach Liverpool, kein Spruch zum Abschied Neymars oder zu seinem eigenen Aufstieg.

Ob ihn diese Charaktereigenschaft nicht manchmal auf dem Platz hindere, fragt einer.

"Ja, ich bin schüchtern", sagt Firmino. "Ich mag keine Interviews. Aber auf dem Platz verändere ich mich. Ich mag es nicht, zu verlieren, das ist meine größte Schwäche." Oder seine größte Stärke.

Liverpool als Höhepunkt

Nachdem er am vergangenen Sonntag gegen Venezuela (2:1) im letzten Gruppenspiel Brasiliens bei der Copa America in Chile sein erstes Pflichtspieltor für die Selecao erzielt hat, ist der nächste Karrierehöhepunkt jetzt mit dem Wechsel nach England erfolgt.

Roberto Firmino ist mit 23 Jahren im Kreis der Großen angekommen.

"Der Anfang war sehr schwierig, ich bin in der Kälte angekommen. Dann auch mit einer anderen Kultur, die das Land hat. Eine andere Sprache, alles", sagt er auf die SPORT1-Frage, wie Deutschland ihn weitergebracht habe.

Firmino dankt Gott

Er ergänzt: "Aber ich habe mich in den viereinhalb Jahren ganz dem gewidmet, was ich tue. Ich habe nur gelernt, in jeder Hinsicht - und ich kann nur Gott für alles danken, was ich gelernt habe. Ich bin sehr glücklich darüber."

Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen sieht es derweil "mit einem lachenden und einem weinenden Auge".

Schließlich sei es abzusehen gewesen, "dass wir Roberto irgendwann einmal nicht mehr halten können, angesichts seiner Qualität und der Entwicklung, die er gerade in den vergangenen 24 Monaten genommen hat".

Ähnliches sah es Kevin Volland am Rande der U21-EM: "Der Wechsel hat sich angedeutet. Er ist großartiger Spieler, es hat mir riesigen Spaß gemacht, mit ihm zusammen zu spielen. Für Hoffenheim ist es gutes Geld. Das kann man gut in die Breite des Kaders investieren."

Ein Unbekannter in Brasilien

Einmal schräg über den Atlantik hat man davon nichts mitbekommen.

Brasilien ist gerade erst dabei, diesen Firmino zu entdecken, der das Land mit 18 verlassen hat, um Glück und Erfolg in Europa zu suchen.

Zuvor hatte er seinem damaligen Klub Figueirense FC zwar zum Aufstieg in die Serie A verholfen, aber niemals in der höchsten Klasse gespielt. Dem breiten Publikum in Brasilien blieb er so verborgen.

Wer ist dieser Mann?

Deswegen fragen sie sich in seiner Heimat: Wer ist dieser Mann, der die Selecao nach dem Aus Neymars bei der Copa retten soll und in Europa für 40 Millionen Euro wechselt?

Also beantwortet er die Frage nach seiner sportlichen Laufbahn und seiner privaten Lebenssituation, erzählt, dass er vier Jahre in der Jugend des Clube de Regatas Brasil gespielt hat, verheiratet ist und eine Tochter hat, Valentina.

Aus einer der gefährlichsten Städte Brasiliens

Und wer diese Geschichte noch nicht kannte, für den wird spätestens jetzt klar: Es war ein weiter Weg von Maceio im Bundesstaat Alagoas, einer der gefährlichsten Städte Brasiliens, nach Chile zur Copa America und nach Liverpool in die englische Premier League.

"Ich komme aus einfachen Verhältnissen", sagt Firmino selbst. Durch den Fußball ist er einem Schicksal als "aviaozinho", als Drogentransporteur entkommen, wie es vielen Kindern an der Peripherie des Landes widerfährt.

Und es ist die klassische Geschichte vieler brasilianischer Fußballspieler, die aus miserablen Verhältnissen kommen, Hunger litten und Gewalt erlebten.

Firmino musste dort heraus einen riesigen Umweg nehmen.

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