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Luis Figo, Franz Beckenbauer und Prinz Ali bin al-Hussein (v.l.) könnten um Sepp Blatters Nachfolge konkurrieren © SPORT1/Getty Images

München - Mit Sepp Blatter verlässt die größte Figur der FIFA den Weltverband. In dieses Vakuum passt nur ein selbstbewusster Kandidat. SPORT1 analysiert das Rennen um die Nachfolge.

Für die Wettanbieter in Deutschland und England stand schon kurz nach Sepp Blatters Rücktrittsankündigung fest: Prinz Ali bin al-Hussein macht es.

Die Frage nach dem neuen Präsidenten der FIFA ist dann aber doch etwas komplizierter. Echte Favoriten werden sich wohl erst in den kommenden Wochen und Monaten ausmachen lassen, bis irgendwann zwischen Dezember und März Blatters Nachfolger gewählt wird. (LIVETICKER: Die FIFA nach Blatters Rücktritt)

SPORT1 gibt einen Überblick über die im Moment gespielten Namen:

Prinz Ali bin al-Hussein

Bei der Abstimmung am Freitag gegen Blatter hatte der FIFA-Vizepräsident keine Chance, auch wenn er sich etwas besser schlug als erwartet. 77:133 Stimmen waren trotzdem ein deutliches Signal gegen ihn. Immerhin: Von allen ursprünglichen Gegenkandidaten schaffte er es als Einziger bis zum Kongress. Alle anderen hatten ihre Bewerbung da längst zurückgezogen.

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Ali bin al-Hussein (M.) zeigt sich als Erneuerer © Getty Images

Selbst im asiatischen Verband fehlt dem Jordanier noch die Unterstützung. Blatters Rückzug könnte das aber grundlegend ändern. Der Schweizer hatte vor allem aus Afrika und Asien die meisten Stimmen sicher, er war seit Jahren für die mittleren und kleinen Verbände dort ein verlässlicher Partner. Ali ist zwar seit vier Jahren in der FIFA und fast die Hälfte seiner 39 Lebensjahre als Fußballfunktionär tätig, aber noch von Skandalen unbelastet. (KOMMENTAR: Jetzt muss aufgeräumt werden)

Er hat Kampfgeist bewiesen und einen seriösen Wahlkampf geführt. Deswegen gilt er als einer der Topfavoriten auf Blatters Nachfolge.

Michel Platini

Im Gegensatz zu Ali ging Platini Blatter in den letzten Tagen immer wieder öffentlich an. Die Blatter-Getreuen im Weltverband dürfte das verschreckt haben. Zwar tritt der Präsident zurück, hinterlässt aber starke Allianzen.

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Michel Platini ist seit 2007 Präsident der UEFA © Getty Images

Platini setzte alles darauf, Blatter loszuwerden - für ihn selbst ein sehr riskantes Spiel, wenn er wirklich antritt. Noch äußerte er sich dazu nicht, begrüßte aber natürlich Blatters Entscheidung. Blatter hatte ihn einst als seinen Nachfolger auserkoren, der Kongress in diesem Jahr sollte Platinis große Stunde sein. Doch seit gut einem Jahr fliegen zwischen beiden die Fetzen. Dass Blatter entgegen seiner ersten Ankündigung doch noch einmal antrat, traf Platini hart.

Jetzt muss er einige innerhalb der FIFA besänftigen. Wie Blatter kann Platini wohl nur mit Hilfe der Asiaten und Afrikaner gewinnen. In Europa misstrauen ihm viele Verbände wegen seiner Verbindung nach Katar.

Wolfgang Niersbach

Blatter ein bisschen kritisieren, dann aber doch mit ihn zusammen grinsen und die schweren Geschütze erst gar nicht anfassen. Niersbach entschied sich für den sanftest möglichen Gegenkurs zum Präsidenten. Es drängte sich der Verdacht auf: Niersbach wollte seine Karriere in der FIFA nicht beenden, noch ehe sie angefangen hatte.

Wolfgang Niersbach zieht ins Exekutivkomitee der FIFA ein
Wolfgang Niersbach arbeitet seit 1988 für den DFB © Getty Images

Blatter wollte er natürlich trotzdem loswerden. Will er sich profilieren, muss Niersbach seine passive Haltung jetzt aber aufgeben. Der DFB ist innerhalb der FIFA hoch angesehen als wohl am besten organisierter Verband. Und: Weder Niersbach noch seine Verbündeten sind Blatter und die Fifa insgesamt derart frontal angegangen wie beispielsweise die Delegierten aus England. Das wäre ein Vorteil, wenn Niersbach nach dem höchsten Amt streben würde.

"Meine Priorität liegt ganz klar auf dem deutschen Fußball", kündigte er an, sagte aber auch: "Ich drücke mich nicht vor den internationalen Verpflichtungen und weiß auch, dass mit Michel Platini an der Spitze dort eine klare Richtung vorgegeben werden muss." Sollte Michael van Praag antreten, würde Niersbach den Niederländer unterstützen.

Jerome Champagne

Der Franzose scheiterte gleich an der ersten Hürde: Er bekam vor der Präsidentenwahl nicht genügend Verbände zusammen, die seine Kandidatur unterstützen.

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Jerome Champagne begann seine berufliche Laufbahn als Diplomat © Getty Images

Überhaupt mutete seine ganze Kampagne sehr außenseiterhaft an. Die bittere Erkenntnis: Champagne kam für FIFA-Verhältnisse viel zu moralisch daher, wirkte angesichts der monströsen Zustände in Zürich und bei den einzelnen Verbänden weltfremd.

Genau nach dieser hundertprozentigen Integrität könnten sich jetzt aber einige sehnen.

Franz Beckenbauer

Ohne Übertreibung kann man Beckenbauer und Blatter als Freunde bezeichnen. Beckenbauer nahm Blatter immer gegen eine Vorverurteilung in Schutz, schloss eine Mitschuld des Schweizers an den Skandalen aber nicht aus.

19th FC Bayern Muenchen Charity Golf Cup
Franz Beckenbauer genießt das Leben ohne täglichen Stress - eigentlich © Getty Images

Für Beckenbauer hängen die Probleme viel mehr mit dem System der FIFA zusammen als mit der Person Blatter.

Dass er ein Gespür für Kampagnen und Politik hat, bewies Beckenbauer vor der WM 2006. Damals bereiste er die ganze Welt und sicherte Deutschland für die Gastgeberrolle die nötigen Stimmen. Noch aus dieser Zeit stammen viele Verbindungen Beckenbauers zu diversen Verbänden, er ist so gut vernetzt wie kaum ein anderer.

Trotzdem erscheint eine Kandidatur unwahrscheinlich. Beckenbauer hat sich aus dem aktiven Fußballgeschäft zurückgezogen - es wäre schon einiges an Überzeugungsarbeit nötig, um ihn zu überzeugen.

Michael van Praag

Der Niederländer war für die laut Blatter "schlimmste Brüskierung meiner Funktionärs-Laufbahn" verantwortlich, als er den FIFA-Präsidenten auf einer Sitzung der UEFA vor versammelter Runde zum Rücktritt aufforderte.

Michael van Praag ist Kandidat bei der Präsidentschaftswahl der FIFA
Michael van Praag führt den niederländischen Verband seit 2008, in den 60er- und 70er-Jahren war er Präsident von Ajax Amsterdam © Getty Images

Das brachte van Praag viel Respekt ein bei den Blatter-Gegnern, schadete langfristig aber seiner eigenen Kandidatur. Er hätte beim Kongress antreten können, die bis dahin nötigen Stimmen hatte er. Letztlich war aber klar: Sowohl Blatter als auch Prinz Ali lagen weit vor ihm.

Deswegen zog er sich zurück und unterstützte Ali. Auch diesmal sollte mindestens der Jordanier ihn wieder deutlich schlagen.

Luis Figo

Dem Portugiesen ging es mit seiner Kampagne ähnlich wie van Praag, er schied schon Wochen vor dem Kongress aus dem Rennen aus. Allerdings griff er Blatter etwas weniger harsch an.

Luis Figo stellt seine FIFA-Kandidatur vor
Luis Figo war 2001 der Weltfußballer des Jahres © Getty Images

Wie van Praag zeigte er sich zunächst entsetzt über Blatters Wiederwahl und schrieb bei Facebook: "Wenn er aber jetzt auch nur ein Minimum an Anstand besitzt, tritt er in den nächsten Tagen zurück."

Dieser Wunsch wurde ihm schnell erfüllt. Vielen gefiel Figos Kampagne, riecht er doch nicht im Ansatz nach Fifa oder einem anderen Verband. Zudem beendete er seine Karriere erst vor sechs Jahren und ist deshalb die beste Lösung für die Generation Playstation.

Für Figo gilt das Gleiche wie für die anderen Kandidaten: Erst ohne die riesige Figur Blatter als Gegenspieler zeigt sich, wie ernst sie es mit ihrer Kandidatur wirklich meinen.

Der bunte Rest

Bleiben noch die kompletten Außenseiter. Hier wird es richtig wild; was eben dabei herauskommt, wenn es wirklich jeder probieren darf. Venezuelas Präsident Nikolas Maduro sprach sich für Diego Maradona als FIFA-Präsident aus. Zico fragte bei Facebook über eine eigene Kandidatur: "Warum nicht?" Und auch der von einem Wettanbieter gesponsorte David Ginola geht auf jeden Fall wieder ins Rennen. Sie alle haben keine Chance auf fünf Verbände, die sie unterstützen. Das ist die Mindestanzahl, um zur Wahl zugelassen zu werden.

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