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Liverpool - Liverpools Coach findet sich in dem irren Spiel in Norwich im Chaos wieder. Den Verlust seiner Sehhilfe nimmt er gelassen. Er fühlt sich an einen Fall beim BVB erinnert.

Im Moment der größten Freude bekam es Jürgen Klopp mit der Angst zu tun.

Das letzte, was Liverpools Trainer sah, war eine wildgewordene Horde, die auf ihn zustürmte. Die Angreifer trugen rot. Liverpool-Rot. Was erklärt, warum Klopp sie mit offenen Armen empfing. Den ersten, den zweiten, den dritten. Klopp herzte sie, er tanzte mit ihnen.

Benteke zerstört Klopps Brille

Doch dann plötzlich – ein schwarzer Schatten. Finsternis. So eben hatten sich 83 Kilogramm und 1,90 Meter Gardemaß auf ihn gestürzt. Sie gehörten zu Christian Benteke, Liverpools bulligem Mittelstürmer. Der Belgier war vollgepumpt mit Adrenalin, nachdem Teamkollege Adam Lallana Sekunden zuvor den 5:4-Siegtreffer beim FC Norwich erzielt hatte – in der fünften (!) Minute der Nachspielzeit.

Im Rausche der Gefühle fiel Benteke über seinen Trainer her – und richtete bleibenden Schaden an. Klopps Brille ging zu Bruch. Seine Sicht war fortan verschwommen.

"Ich habe eigentlich immer eine zweite Brille dabei, aber ich kann sie nicht finden, weil es schwierig ist, eine Brille ohne Brille zu finden", witzelte Klopp, nachdem er sich aus dem Schwitzkasten seines Widersachers befreit hatte und ohne zusätzliche Dioptrien vor die Presse trat.

Der Anblick des zerzausten und enteigneten Trainers war nicht nur Sinnbild für die "unverwüstlichen Reds", wie der Independent das Siegerteam kürte. Er passte perfekt zu der turbulenten Schlussphase einer verrückten Partie. Klopp selbst verpasste den 90 Minuten eine treffliche Beschreibung. (Das Spiel zum Nachlesen im LIVETICKER)

Es war die Eingebung, die ihm wohl just in jenem Moment in den Kopf geschossen war, als ihn Benteke unter sich begrub: Mit diesem Liverpool ist man permanent "in the middle of the chaos".

Klopp tadelt Abwehr: Wie Angsthasen

Das gilt für die inzwischen berüchtigten Last-Minute-Treffer und ihre anschließenden Jubelarien. Das gilt aber auch für Situationen, in denen Klopps Defensive Gegnern zum Toreschießen einlädt. In Norwich war das am Samstag wieder einmal zu beobachten, besonders zwischen der 29. und 54. Minute. In weniger als einer halben Stunde hatte der Tabellen-16. das frühe 0:1 durch Roberto Firmino (10.) in ein 3:1 verwandelt – unter tatkräftiger Mithilfe Liverpools.

Wie die "Hasen im Scheinwerferlicht" hätten sich seine Verteidiger bei den Gegentoren verhalten, tadelte Klopp. Alberto Moreno durfte sich dabei am meisten angesprochen fühlen. Der Spanier hatte den Hausherren durch ein naives Tackling im eigenen Strafraum unmittelbar nach Wiederanpfiff einen Strafstoß geschenkt, der zum 1:3 durch Wesley Hoolahan führte.

Das sorglose, bisweilen tölpelhafte Defensivverhalten legten die Reds selbst dann nicht ab, als Jordan Henderson (55.), Firmino (63.) mit seinem zweiten Treffer und James Milner (75.) das Spiel gedreht hatten.

Die Performance von Liverpools Angsthasen-Abwehr nahm minütlich bedenklichere Ausmaße an. Auf das 4:4 von Sebastian Bassong (90.+2) hätte man auch Wetten abschließen können. Dem Trainer schwante bereits vorher Böses: "Am Ende habe ich die fünf Minuten Nachspielzeit gesehen. Ich wusste nicht wofür", gestand Klopp später.

Erinnerungen an Übeltäter Sahin

Letztlich war er aber dankbar dafür, dass der Schiedsrichter dem Spiel durch den Aufschlag einen zusätzlichen Adrenalin-Kick verpasste. Angesichts der drei gewonnen Punkte war der Verlust von Klopps Sehhilfe sogar ein verhältnismäßig kleines Opfer.

Es seien "ja unglaubliche Szenen" gewesen, die sich dort zum Ende des Spiels zugetragen hätten, merkte ein ekstatischer Reporter an. Liverpools Coach versuchte sich dem Anhimmeln auf seine Art zu entziehen: "Keine Ahnung, ich habe ja nichts gesehen."

Beim letzten Mal, als ein Spieler seine Brille demolierte, war Klopp noch Trainer in Dortmund. Mit dem BVB verpasste er Erzrivale Bayern München 2011 eine empfindliche Niederlage. Der Übeltäter damals: Nuri Sahin. "Die Brille ist jetzt im Museum von Borussia Dortmund", berichtete Klopp.

Vielleicht müssen sie dafür an der Anfield Road jetzt auch einen Platz frei räumen.

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