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Raphael Honigstein beleuchtet vor dem Derby in Manchester die Situation von ManCity-Trainer Pep Guardiola © SPORT1-Grafik: Getty Images

London - Pep Guardiola steht nach seiner ersten Saison in Manchester ohne Titel da. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt, was für den Spanier bei City schief läuft.

Pep Guardiola wird nicht Meister. Das freut auf der Insel so ziemlich jeden, der nicht zufällig ein Anhänger von Manchester City ist. 2016/17 war ja, auch wenn es vor der Saison nicht explizit formuliert wurde, der clash zweier großen Mythen, Neutralität keine Option.

In der blauen Ecke: Guardiola, der Taktik-Philosoph im Architekten-Outfit, der alles ganz anders macht und (oft) alles gewinnt. In der roten Ecke: die Premier League, die laut eigenem Selbstverständnis schwierigste, aufregendste Liga der Welt, in der alles ganz anders läuft und die großen Stars auf Bank und Rasen ob der widrigen Umstände und kampfumtosten Partien (oft) eine Nummer kleiner werden.

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Eine der beiden Weltmarken konnte diesen Zusammenprall nicht unbeschadet überstehen. Nun geht die erste Runde ganz klar an den englischen Fußball. Nicht mal ein Platz unter den ersten Vier ist City sicher. Eine Niederlage im Derby gegen Manchester United am Abend (ab 21 Uhr LIVE und EXKLUSIV im Stream bei DAZN und im LIVETICKER) würde selbst dieses Minimalziel gefährden.

Allerwelts-Spitzentrainer statt Magier

Dass Guardiola sich seit seinem Amtsantritt im Etihad immer wieder leicht naserümpfend über die hiesigen Eigenheiten geäußert hat, verstärkt selbstverständlich die öffentliche Genugtuung über seine Entzauberung. Zum ersten Mal in seiner Karriere wird der 46-Jährige keinen Titel gewinnen.

Ohne Lionel Messi oder den unaufholbaren Wettbewerbsvorsprung der Bayern in der Bundesliga ist er eben doch nur ein Allerwelts-Spitzentrainer, der mit Verletzungen und der mangelnden Verwertung von Torchancen hadern muss - so das Echo. "Wenn jemand sagt, meine erste Spielzeit hier war ein Desaster, muss ich das akzeptieren", räumte Pep nach dem Aus im FA-Pokal-Halbfinale gegen Arsenal (1:2) ein. 

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City hatte zwar Pech im Abschluss im Wembley-Stadion, bot aber mannschafts-taktisch eine derart konfuse Leistung, dass die Pep'schen Prinzipien nur noch rudimentär zu erkennen waren. Balance, Kontrolle, ein Mittelfeld: gab es alles nicht, nachdem David Silva in der 23. Minute verletzt vom Platz gegangen war. Der Spanier wird wie der ebenfalls angeschlagene Sergio Agüero bis zum Derby wahrscheinlich rechtzeitig fit.

Guardiola macht sich angreifbar

Damit die allgemeine Häme nicht noch größer wird, sollte Guardiola im Duell mit Lieblingsfeind Jose Mourinho auf keinen Fall verlieren. Im Hinspiel, dem 2:1-Sieg von City im Old Trafford im September, hatten die Gäste United beinahe aus dem Stadion geschossen. Doch von jenem Schwung der Anfangswochen ist Ende April wenig übrig geblieben.

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Silva und Kevin De Bruyne wirken überspielt, das Fehlen von Ilkay Gündogan in der Zentrale und Gabriel Jesus im Sturm macht sich extrem negativ bemerkbar. Citys Kader fehlt nicht nur die Tiefe, sondern vor allem die Variabilität: Guardiolas zahlreiche Bemühungen, Spieler umzufunktionieren, scheiterten allesamt an der geringen Polyvalenz-Tauglichkeit des Personals. 

Nach außen hat sich der Katalane mit der Ausbootung von Nationaltorhüter Joe Hart angreifbar gemacht; Neuzugang Claudio Bravo verströmte bei allen fußballerischen Fähigkeiten selten Sicherheit zwischen den Pfosten. Willy Caballero, die Nummer drei, genügt ebenfalls nicht höchsten Ansprüchen.

Druck wird größer

Intern hat die verfehlte Transferpolitik Guardiola paradoxerweise jedoch den Rücken gestärkt. Für die Kaderzusammenstellung zeichnete in erster Linie Sportdirektor Txiki Begiristain verantwortlich; ihm wird dem Vernehmen nach in Abu Dhabi die Misere mehr angekreidet als dem neuen Trainer. Trotzdem hatte sich Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan deutlich mehr von Peps Debütjahr erwartet. 

Bis die Mannschaft durchgehend auf jenem Niveau spielen kann, dass er nach den Jahren bei Barca und Bayern für sich beansprucht, wird es dauern; der Druck wird in der kommenden Saison deutlich zunehmen.

Guardiola muss vor allem aufpassen, dass er in den verbleibenden Wochen durch Misserfolge nicht weiter an persönlicher Strahlkraft einbüßt. City hat ihn geholt, um aus immer noch etwas künstlich wirkenden Gebilde einen genuinen Spitzenklub zu machen, der die besten Kicker der Welt anziehen kann. Eine Ehrenrunde in der UEFA Europa League war in diesem Plan nicht vorgesehen. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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