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Diesmal zu spät von der Bank zurück: Keeper Andreas Wolff muss wegen der neuen Regel oft Bällen hinterherhechten
Diesmal zu spät von der Bank zurück: Keeper Andreas Wolff muss wegen der neuen Regel oft Bällen hinterherhechten © DPA Picture-Alliance

Rio de Janeiro - Die neue Torwart-Regel revolutioniert den Handball. Sigurdsson flüchtet sich in Sarkasmus, SPORT1-Experte Kretzschmar und FA-Coach Andersson reden Klartext.

Vier Treffer hat Andreas Wolff jetzt bei Olympia erzielt, das sind viermal so viel wie sein Torhüterkollege Carsten Lichtlein in seiner gesamten Länderspielkarriere. Und der 35-jährige Lichtlein hat immerhin 218 Partien für Deutschland auf dem Buckel.

Beim Turnier der Handballer in Rio de Janeiro verändert sich gerade eine ganze Sportart. Erstmals werden die neuen, vom Weltverband IHF beschlossenen Regeln angewandt. Änderungen beim passiven Spiel, bei Ausschlüssen und Behandlungspausen nach Verletzungen fließen bislang eher unbemerkt ein.

Doch der siebte Feldspieler sorgt für eine Revolution. Auch wenn sich viele gegen diesen Begriff wehren. (Handball in Rio: Die Spielpläne der Frauen und Männer)

Julian Meißner berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro
Julian Meißner berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro © SPORT1-Grafik: Paul Haenel/Getty Images

Anders als zuvor darf nun jeder Feldspieler mit dem Torwart getauscht werden, um im Angriff einen Mann Überzahl zu schaffen oder eine Zeitstrafe auszugleichen. Er muss nicht mehr mit einem Leibchen gekennzeichnet sein, darf dafür aber auch den eigenen Torraum nicht betreten.

Torjäger Wolff

Was dafür sorgt, dass es immer häufiger zu Situationen kommt, in denen bei Ballgewinn das gegnerische Tor leer ist und mit einem weiten Wurf ein einfacher Treffer erzielt werden kann. So wie Wolff das bei seinen vier Toren getan hat.

Die Mannschaften und ihre Trainer nutzen das taktische Mittel vermehrt - natürlich, weil sie sich davon Erfolg versprechen. War der siebte Feldspieler mit dem Leibchen nur ein Alibi-Ballverteiler, weil er ja immer schnell an der Bank sein musste, kann man nun eine echte Überzahl generieren.

Gleichzeitig steigt die Anfälligkeit für Wechselfehler und eben das Risiko, einen Treffer übers ganze Feld zu kassieren. In eigener Unterzahl hat sich das Ganze schon etabliert. Bei einer Zeitstrafe und eigenem Ballbesitz laufen Wolff und Silvio Heinevetter in Rio direkt zur Bank.

Eine Revolution also? Beim DHB ein Unwort. Verbandsvize Bob Hanning gibt sich in der Sache diplomatisch, sagt aber auch: "Ich sehe das nach wie vor sehr kritisch. In der Unterzahl finde ich es gut, da haben wir mit der Möglichkeit 6 gegen 6 wieder unser Handballspiel. Ansonsten bin ich überhaupt kein Freund von der Regel."

Bundestrainer Dagur Sigurdsson scheint das Thema regelrecht unangenehm zu sein, er würde am liebsten gar nicht darüber sprechen. Lieber flüchtete er sich in Sarkasmus: "Herzlichen Glückwunsch zu dieser Regel."

Und auf die Frage, ob sich dadurch das Torwartspiel verändere, nickte er lange zustimmend. Wolff hatte in einer Szene gegen Slowenien im Zurücklaufen nach einem Wechsel einen spektakulären Hechtsprung wie ein Fußballtorwart hingelegt.

Kretzschmar: Regel nervt

Andere werden deutlicher. So auch SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar. "Ganz ehrlich? Diese neue Regel mit dem 7. Feldspieler nervt mich jetzt schon... Warum muss man unsere Sportart so verändern?", twitterte er nach der dritten Vorrundenpartie gegen Brasilien und fügte an: "#handball = 6 gegen 6 und der Torwart sollte den Torraum nicht verlassen dürfen #ganzeinfach."

Und der SPORT1-Experte ist nicht alleine. Bei der Saisoneröffnung von Bundesligist Frisch Auf Göppingen am Mitte der vergangenen Woche zog Magnus Andersson vom Leder: "Damit ist den Mannschaften mit einer bisher guten Abwehr dieser Vorteil genommen. Der Handball wird zu einer ganz neuen Sportart. Das gefällt mir überhaupt nicht."

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Andersson weiß, wovon er redet, war als Spieler zweimal Weltmeister, viermal Europameister und gewann dreimal Olympisches Silber.

Wo landet der Testballon?

Einer seiner Spieler, Manuel Späth, der auch im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft ist, sieht es ähnlich: "Ich hoffe, die Träger der Entscheidung sind sich dieser krassen Veränderung bewusst. Wir werden unsere bisher offensive 6:0-Abwehr anpassen müssen. Zudem sieht man aktuell bei Olympia, dass es jetzt viele Zeitstrafen und Wechsel gibt, es fehlt die Kontinuität auf dem Spielfeld."

Schon als publik wurde, dass die Regel kommen würde, sorgte das für erhebliche Unruhe bei den Schiedsrichtern. 

Beim olympischen Turnier ist der Testballon nun unterwegs. Wo er landet, ist aktuell noch nicht abzusehen.

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