Lazio-Chaos: Die nächste Eskalationsstufe ist erreicht
Nach vier Spieltagen ist Lazio Rom in der Serie A noch ungeschlagen - trotzdem herrscht auf den Rängen gähnende Leere. Schuld ist ein hässlicher Konflikt zwischen Klubboss und Fans.
Die Stimmung beim italienischen Traditionsklub Lazio Rom hat einen neuen Tiefpunkt erreicht – und das trotz des sportlich eigentlich durchaus vielversprechenden Saisonstarts in der Serie A.
Durch ein 2:2 im Topspiel gegen AC Mailand ist Lazio auch nach vier Ligaspielen noch ungeschlagen und steht mit 10 Punkten auf Tabellenplatz vier. Doch beim Remis gegen die Mailänder kamen gerade mal 10.000 Zuschauer ins altehrwürdige Olympiastadion von Rom (Fassungsvermögen ca. 72.000), die Mehrheit von ihnen waren Auswärtsfans.  „Wir vermissen unsere Fans unglaublich“, klagte Lazio-Coach Gennaro Gattuso nach Abpfiff.
Lazio Rom: Fans wollen Klub-Boss rauswerfen
Doch was ist da los beim so stolzen italienischen Traditionsklub? Grund für die leeren Ränge ist eine seit Monaten schwelende Fehde zwischen einem Großteil der Lazio-Fans und Klub-Boss Claudio Lotito. Schon seit Jahren werfen die „Biancocelesti“ dem 69-Jährigen eine zu zurückhaltende Transferpolitik vor, durch die eine echte Entwicklung des Klubs ausbleibe.
Aus Sicht seiner Kritiker ist der Unternehmer, seit einigen Jahren auch als Senator in der nationalen Politik aktiv, nach 22 Jahren im Amt zur Belastung für den Traditionsverein geworden.
Immer wieder machten die Fans des zweifachen italienischen Meisters mit großen Protestaktionen auf ihre Sorgen aufmerksam, zum Beispiel mit Plakaten im Stadion. Doch nun ist bereits seit geraumer Zeit die nächste Eskalationsstufe erreicht: Mit einem konsequenten Boykott aller Heimspiele wollen die Fans Lotito aus dem Verein drängen.
In der Sommerpause kündigten 90 Prozent aller Inhaber ihre Dauerkarte im Olympiastadion, auch der offizielle Fanshop wird boykottiert.
„Fußball ohne Fans ist eine Plage“
Schon in der Vorsaison blieben die Ränge immer häufiger leer, auch in der neuen Spielzeit ziehen die Fans ihre Linie knallhart durch. Die Heimspiele der „Biancocelesti“ erinnern somit an eine dunkle Zeit. „Es fühlt sich an wie während der Corona-Pandemie“, sagte Gattuso nach dem Spiel gegen Mailand: „Fußball ohne Fans ist eine Plage. Da kann man auch gleich mit dem Hund spazieren gehen.“
Nicht ausgeschlossen, dass genau das einige Anhänger während der Partie gegen Mailand getan haben könnten. Für sie steht schließlich fest: Solange Lotito an der Vereinsspitze steht, wird es keinen weiteren Stadionbesuch geben. Aus ihrer Sicht steckt der 69-Jährige zu wenig Aufmerksamkeit in ihren heiß geliebten Verein.
Pikant auch: Lazio ist nicht der einzige Klub, in dem Lotito die Fäden zieht: Von 2011 bis 2021 war er ebenfalls Eigentümer des kampanischen Klubs US Salernitana, den Lotito binnen zehn Jahren aus der viertklassigen Serie D bis ins italienische Oberhaus führte. Nach dem Aufstieg musste er Salernitana aufgrund der Eigentümer-Regularien jedoch verkaufen – schließlich spielte ja auch Lazio noch in der ersten Liga.
Lazio-Präsident mit brisanter Sprachnachricht
Diesen Sommer legte sich Lotito dann ein neues Projekt zu: Diesmal stieg er beim Viertligisten Reggina ein, mit dem er nun offenbar dasselbe vorhat wie mit Salernitana. Bei den Lazio-Fans sorgte die Nachricht für reichlich Ärger. Bei der römischen Staatsanwaltschaft läuft aktuell sogar ein Strafverfahren rund um die aktuelle Situation zwischen Fans und Lotito: Wie die italienische Gazzetta dello Sport berichtet, sollen aus dem Lazio-Umfeld gezielt Gerüchte über angebliche Kaufinteressenten des Vereins gestreut worden sein, um Lotito so seinerseits zu einem Verkauf des Klubs zu drängen.
Bereits Anfang des Jahres hatte zudem der Ausschnitt eines geleakten Telefonats mit Lotito die Runde gemacht: „Der Verein hat einen Namen: Claudio Lotito“, soll der Präsident demnach gesagt haben – ein Satz, der das Fass für viele Tifosi endgültig zum Überlaufen brachte. Seit 2004 ist Lotito bei den Hauptstädtern im Amt und gewann mit ihnen seither je drei Mal die Coppa Italia sowie die italienische Supercopa.
Dieses Chaos überschattet starken Saisonstart
Der letzte Triumph der Römer liegt inzwischen aber schon sieben Jahre zurück: 2019 gewann man gegen Atalanta Bergamo die Copa. In den vergangenen Jahren dümpelten die Römer zunehmend im Tabellenmittelfeld – die Schuld sehen die Fans bei Lotito: In einer offiziellen Mitteilung beklagten sie eine „klare Investitionsverweigerung.“
Mit Taty Castellanos, Matteo Guendouzi oder Ivan Provedel verabschiedeten sich in diesem Jahr reihenweise wichtige Spieler aus Rom, auch die Besetzung der Trainerposition mit Gattuso, der mit der italienischen Nationalmannschaft blamabel die WM verpasst hatte, war vielen ein Dorn im Auge.
Dass ausgerechnet jener Gattuso nun einen mehr als achtbaren Saisonstart hinlegte und Lazio nach vier Spielen auf einem Champions-League-Platz steht, ging im ganzen Chaos rund um die „Biancocelesti“ fast schon unter. Im Dezember steht im Olympiastadion dann das Stadtderby gegen die AS Rom an. Ob dann auch wieder Lazio-Fans ins Stadion kommen, bleibt abzuwarten. Immerhin: Bei den Auswärtsspielen sind die Tifosi noch dabei.