Trainer-Legende Winfried Schäfer blickt auf die Gladbach-Krise

Kann er das Ruder in Gladbach herumreißen?
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Kann er das Ruder in Gladbach herumreißen?

Trainer-Legende Winfried Schäfer äußert im SPORT1-Interview seinen Frust über die Lage bei Borussia Mönchengladbach. Dabei nimmt er sich Mannschaft, Ex-Trainer und Sportdirektor Rouven Schröder vor. Außerdem verrät er, was er vom neuen Trainer hält.

Winfried Schäfer leidet mit Borussia Mönchengladbach – und nach vier Niederlagen zum Saisonstart ist seine Geduld aufgebraucht. Der frühere Gladbacher Profi nimmt im SPORT1-Interview kein Blatt vor den Mund: Er kritisiert die Mannschaft, hinterfragt die Entscheidung für und gegen Eugen Polanski und nimmt vor allem Sportchef Rouven Schröder in die Pflicht.

Mit Alexander Blessin soll nun ausgerechnet ein ehemaliger Spieler Schäfers die Borussia aus der Krise führen. Der 76-Jährige traut ihm die Aufgabe zu – warnt aber davor, den neuen Trainer schon vor seinem ersten Spiel zum Retter zu erklären. Vor allem fordert er von seinem Herzensklub wieder das, was ihm derzeit fehlt: defensive Stabilität, Zusammenhalt – und Feuer.

Winfried Schäfer war zwölf Jahre bei Borussia Mönchengladbach tätig
Winfried Schäfer war zwölf Jahre bei Borussia Mönchengladbach tätigWinfried Schäfer war zwölf Jahre bei Borussia Mönchengladbach tätig© IMAGO/DeFodi Images

Schäfer: „Ich halte einiges von Blessin“

SPORT1: Herr Schäfer, Alexander Blessin ist Borussias neuer Cheftrainer – und für Sie kein Unbekannter. Er war beim VfB Stuttgart Ihr Spieler. Wie denken Sie an ihn zurück?

Schäfer: Sehr positiv. Alex war ein Spieler, der sich alles erarbeiten musste. Er war ehrgeizig, wissbegierig und hat nie aufgegeben. Er wollte immer lernen und besser werden. Und genau diese Eigenschaften erkenne ich heute in ihm als Trainer wieder. Er hat sich seinen Weg als Trainer hart erarbeitet – Schritt für Schritt. Deshalb überrascht mich seine Entwicklung überhaupt nicht. Ich freue mich, dass einer meiner ehemaligen Spieler als Trainer einen solchen Weg gegangen ist.

SPORT1: Was halten Sie von Blessin – und trauen Sie ihm zu, diese Mannschaft aus der Krise zu führen?

Schäfer: Ich halte einiges von Blessin. Er hat in Belgien gezeigt, dass er erfolgreich arbeiten kann, hat mit Union Saint-Gilloise den Pokal gewonnen und ist Vizemeister geworden. Und auch bei St. Pauli hat er größtenteils einen guten Job gemacht. Einen Aufsteiger im ersten Jahr in der Bundesliga zu halten, ist eine starke Leistung. Natürlich ist die zweite Saison mit dem Abstieg schlecht gelaufen, das gehört zur Wahrheit auch dazu. Aber Blessin hat bewiesen, dass er eine Mannschaft organisieren und ihr Stabilität geben kann. Genau das braucht Borussia jetzt.

DEINE MEINUNG

SPORT1: Bei St. Pauli war gerade die Defensive in Blessins erster Bundesliga-Saison enorm stark. Angesichts von 16 Gladbacher Gegentoren dürfte das eines seiner wichtigsten Argumente sein.

Schäfer: Absolut. Borussia muss als Erstes wieder lernen zu verteidigen. Das klingt banal, aber mit vier Gegentoren im Schnitt gewinnen Sie in der Bundesliga nichts. Blessin steht für Intensität, für Arbeit gegen den Ball und für eine klare Organisation. Wenn er das schnell in die Mannschaft bekommt, wäre schon viel gewonnen.

SPORT1: Was spricht für Blessin – und wo sehen Sie bei ihm das größte Risiko?

Schäfer: Er bringt auf jeden Fall einiges mit. Aber Gladbach ist noch einmal eine andere Aufgabe. Einen Trainer vorher zum Retter zu erklären, wäre genauso falsch, wie jetzt schon zu sagen, dass es nicht funktioniert. Entscheidend ist, ob er die Mannschaft erreicht. Er muss vom ersten Tag an klare Regeln aufstellen. Borussia braucht jetzt Klarheit.

SPORT1: Was muss Blessin neben der Defensive als Erstes verändern?

Schäfer: Er muss wieder eine Einheit aus dieser Mannschaft machen. Jeder muss wissen, was seine Aufgabe ist und dass er für den anderen mitarbeiten muss. Und dann muss die Mannschaft wieder Selbstvertrauen bekommen. Aber Selbstvertrauen bekommen Sie nicht durch Reden. Das bekommen Sie durch Erfolgserlebnisse.

SPORT1: Muss Blessin dafür auch prominente Spieler auf die Bank setzen?

Schäfer: Wenn es nötig ist: natürlich. Es darf jetzt keine Namen geben. Blessin muss nach Leistung aufstellen. Wenn ein junger Spieler besser trainiert und mehr Bereitschaft zeigt als ein etablierter Spieler, dann spielt der Junge. So einfach ist Fußball manchmal.

Schäfer: „Ich leide mit“

SPORT1: Blessin übernimmt Borussia nach vier Spielen mit null Punkten und 6:16 Toren. Wenn Sie Ihren Verein im Moment sehen – sind Sie eher erschrocken, enttäuscht oder richtig sauer?

Schäfer: Alles zusammen. Natürlich bin ich enttäuscht, weil Borussia mein Verein ist. Ich habe dort zehn Jahre gespielt und leide mit, wenn ich sehe, was gerade passiert. Aber wir brauchen nicht drum herumzureden: Null Punkte und 16 Gegentore nach vier Spielen sind katastrophal. Das kann Borussia Mönchengladbach nicht einfach so hinnehmen.

SPORT1: Was erschreckt Sie mehr: die Ergebnisse oder die Art und Weise?

Schäfer: Die Art und Weise. Sie können Spiele verlieren. Das passiert. Aber ich möchte erkennen, dass eine Mannschaft sich wehrt, dass sie kompakt ist, dass jeder für den anderen läuft. Bei Borussia habe ich im Moment viel zu oft das Gefühl: Wenn etwas schiefläuft, bricht alles auseinander. Das darf einer Bundesligamannschaft nicht passieren.

SPORT1: Tim Kleindienst sprach nach dem 3:4 gegen Elversberg von „Kindergarten-Fußball“. Gegen Mainz gab es dann sogar Streit um einen Elfmeter. Ist diese Mannschaft überhaupt eine Mannschaft?

Schäfer: Das ist die entscheidende Frage. Eine Mannschaft zeigt sich nicht, wenn alles läuft. Eine Mannschaft zeigt sich, wenn es schlecht läuft. Dann muss einer dem anderen helfen. Dann darf nicht jeder mit sich selbst beschäftigt sein. Und wenn Spieler auf dem Platz darüber streiten, wer einen Elfmeter schießt, während der Verein ganz unten steht, dann sieht das natürlich nicht gut aus.

Alexander Blessin trainierte beim VfB Stuttgart einst unter Winfried Schäfer
Alexander Blessin trainierte beim VfB Stuttgart einst unter Winfried SchäferAlexander Blessin trainierte beim VfB Stuttgart einst unter Winfried Schäfer© IMAGO/Pressefoto Baumann

SPORT1: Polanski war damit offenbar nicht das alleinige Problem.

Schäfer: Der Trainer ist im Fußball meistens der Erste, der gehen muss. Das kennen wir alle. Aber mir ist das zu einfach. Wenn eine Mannschaft solche Probleme hat, können Sie nicht sagen: Wir wechseln den Trainer und jetzt ist alles wieder gut. Die Spieler bleiben da, der Kader bleibt da und die Verantwortlichen bleiben auch da. Deshalb müssen sich jetzt alle hinterfragen.

SPORT1: Dann wäre Polanski ein Stück weit verheizt worden.

Schäfer: Das müssen diejenigen beantworten, die ihn zum Trainer gemacht haben. Wenn ich von einem jungen Trainer überzeugt bin, muss ich wissen, warum ich von ihm überzeugt bin. Dann kann ich nicht beim ersten großen Gegenwind plötzlich feststellen, dass alles falsch war. Und wenn ich nicht wirklich überzeugt bin, darf ich ihn gar nicht erst installieren.

Sportdirektor Rouven Schröder muss sich „Fragen gefallen lassen“

SPORT1: Wenn die Zweifel offenbar so groß waren: Warum hat man sich dann nicht schon im Sommer von Polanski getrennt, sondern ist mit ihm in die neue Saison gegangen?

Schäfer: Das verstehe ich auch nicht. Wenn ich im Sommer von einem Trainer überzeugt bin und mit ihm die Saison beginne, muss diese Überzeugung doch länger halten als drei Spieltage. Und wenn ich schon vorher Zweifel habe, muss ich im Sommer reagieren. Dann hat ein neuer Trainer die komplette Vorbereitung. Deshalb müssen die Verantwortlichen erklären, warum sie diesen Weg gewählt haben.

SPORT1: Aber dann war doch entweder die Entscheidung für Polanski falsch – oder die Entscheidung, ihn nach drei Spieltagen schon wieder zu entlassen?

Schäfer: Genau diese Frage müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen. Wenn Sie einen Trainer nach drei Spielen wieder entlassen, kann sich jeder ausrechnen, dass bei der ursprünglichen Entscheidung etwas nicht funktioniert hat. Deshalb kann man jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und so tun, als sei mit einem neuen Trainer alles erledigt.

SPORT1: Dann müssen wir über Rouven Schröder sprechen.

Schäfer: Natürlich trägt der Sportchef Verantwortung. Wer denn sonst? Er ist für die sportliche Entwicklung mitverantwortlich, für den Kader und für die Trainerentscheidung. Wenn es gut läuft, bekommt ein Sportchef Anerkennung. Wenn Sie nach vier Spielen mit null Punkten und 6:16 Toren dastehen, müssen Sie sich genauso hinterfragen lassen wie der Trainer und die Spieler.

SPORT1: Schröder sagte zuletzt: „Wir müssen die Emotionen jetzt runterfahren und sachlich in die Analyse gehen.“ Klingt vernünftig. Aber kann man diese Sätze nach vier Niederlagen überhaupt noch hören?

Schäfer: Genau das ist der Punkt. Analysieren kann ich irgendwann nicht mehr hören. Im Fußball wird nach jeder Niederlage analysiert. Irgendwann müssen Sie auch handeln und Ergebnisse liefern. Die Fans wollen doch nicht jeden Samstag hören, dass am Sonntag alles sachlich analysiert wird. Sie wollen sehen, dass sich auf dem Platz etwas verändert.

Schäfer: „Mir ist das zu glatt“

SPORT1: Das klingt nach zu viel Analyse und zu wenig Konsequenz.

Schäfer: Mir ist das teilweise zu glatt. Fußball ist Emotion. Borussia ist Emotion. Wenn Sie vier Spiele hintereinander verlieren und 16 Gegentore bekommen, dürfen die Emotionen auch einmal hochgehen. Natürlich soll niemand kopflos werden. Aber mir fehlt manchmal das Feuer. Da muss einer auch mal sagen: Leute, so geht es nicht weiter!

SPORT1: Müsste Schröder in dieser Situation auch einmal öffentlich sagen: Ich habe Fehler gemacht?

Schäfer: Warum nicht? Das ist doch keine Schwäche. Im Gegenteil. Wenn ich einen Kader zusammenstelle und der funktioniert nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe, muss ich mich selbst hinterfragen. Immer nur den Trainer auszutauschen, ist mir zu einfach. Sie müssen auch fragen: Wer hat diesen Trainer ausgesucht? Wer hat diese Spieler verpflichtet? Wie wurde die Mannschaft zusammengestellt?

SPORT1: 16 Gegentore nach vier Spielen: Ist dieser Kader möglicherweise einfach schlechter zusammengestellt, als die Verantwortlichen wahrhaben wollen?

Schäfer: Das ist zumindest eine Frage, die man stellen muss. Mir fehlt die Balance. 16 Gegentore sind kein Zufall mehr. Wenn Sie einmal vier bekommen, können Sie einen schlechten Tag haben. Wenn es immer wieder passiert, ist es ein grundsätzliches Problem. Verteidigen beginnt außerdem nicht bei den Innenverteidigern. Das beginnt vorne. Eine Mannschaft muss gemeinsam verteidigen.

SPORT1: Ist das eine Frage der Qualität oder der Einstellung?

Schäfer: Wahrscheinlich von allem etwas. Aber ich bin vorsichtig damit, Spielern pauschal die Einstellung abzusprechen. Was ich sagen kann: Mir fehlt auf dem Platz die Konsequenz. Wenn Sie unten stehen, müssen Sie manchmal auch hässlich spielen. Zweikampf gewinnen, Ball weg, hinterherlaufen. Es kann nicht immer schön sein.

„Rouven, weniger analysieren, mehr lösen“

SPORT1: Borussia war einmal ein Verein, bei dem Gegner wussten: In Gladbach wird es unangenehm. Ist etwas von dieser Identität verloren gegangen?

Schäfer: Natürlich hat sich der Fußball verändert. Aber Borussia muss aufpassen, dass der Verein nicht beliebig wird. Gladbach hatte immer etwas Besonderes. Mut, Fußball, junge Spieler, eine enge Verbindung zu den Fans. Wenn Sie im Borussia-Park spielen, muss der Gegner merken: Hier ist Borussia Mönchengladbach zu Hause. Das vermisse ich momentan.

SPORT1: Reden wir nach vier Spieltagen schon über Abstiegskampf?

Schäfer: Bei null Punkten nach vier Spielen müssen Sie nicht darüber reden, ob Sie vielleicht irgendwann im Abstiegskampf sind. Sie sind unten drin. Punkt. Das heißt nicht, dass Borussia absteigt. Die Saison ist noch lang. Aber der erste Schritt ist, die Situation anzunehmen. Wer jetzt noch auf die Tabelle schaut und sagt: Es sind ja erst vier Spiele, macht einen Fehler.

SPORT1: Wenn Rouven Schröder morgen vor Ihnen sitzen würde: Was würden Sie ihm sagen?

Schäfer: Rouven, weniger analysieren, mehr lösen. Die Leute wollen nicht mehr hören, was alles aufgearbeitet wird. Sie wollen sehen, dass Borussia wieder Fußball spielt, kämpft und Spiele gewinnt. Du hast Verantwortung übernommen, also musst du jetzt zeigen, dass du die richtigen Entscheidungen triffst. Und wenn Entscheidungen falsch waren, muss man auch die Größe haben, das zuzugeben.Weniger anzeigen

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