„Hatte Angst“: Witwe von Christoph Daum im emotionalen Interview
"Dieser Schmerz hört nie auf!"
Große Liebe, tiefe Trauer und dunkle Kapitel: Christoph Daums Witwe spricht im exklusiven SPORT1-Interview über die letzten Stunden ihres Mannes, die Kokainaffäre und die Angst vor einer Tragödie.
Mehr als zwei Jahre ist es her, dass Christoph Daum den Kampf gegen den Krebs verlor. Der charismatische Fußballtrainer polarisierte, begeisterte und prägte den deutschen Fußball wie kaum ein anderer. Für seine Frau Angelica Camm-Daum war er vor allem eines: „Mein Mensch. My crazy wild one.“
Im großen Exklusiv-Interview mit SPORT1 spricht seine Witwe bewegend offen über ihre große Liebe, die letzten Tage mit ihrem Mann und das Leben ohne ihn.
Camm-Daum: „Es ist eine Aggression, eine Verzweiflung“
SPORT1: Frau Camm-Daum, etwas mehr als zwei Jahre sind seit dem Tod Ihres Mannes vergangen. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Angelica Camm-Daum: Wie soll man das beschreiben? Man geht einfach durch sehr viele, ganz unterschiedliche Phasen. Erst einmal hatte ich eine unglaubliche Ruhe bis zum Ende seiner Krankheit. Die ganze Abwicklung der Beisetzung hätte ich aber alleine nicht hingekriegt. Und dann kommen verschiedene Phasen hinterher, in denen man in Löcher fällt, die man gar nicht für möglich gehalten hätte. Da habe ich mich dann zurückgezogen. Darüber muss man auch nicht reden, und es gibt auch keinen Rat. Es ist eine Aggression, eine Verzweiflung oder der Gedanke: Das hört nie wieder auf. Dieser Schmerz hört nie auf. Und dann geht es wieder vorbei. Dann weint man ein paar Tage, zieht sich zurück, und irgendwann wird es besser.
SPORT1: Was vermissen Sie am meisten?
Camm-Daum: Ich vermisse, dass wir abends nach Veranstaltungen hier in die Küche zurückgekommen sind. Wenn wir unterwegs waren, haben wir zwei total verschiedene Abende erlebt, weil wir sehr unterschiedlich sind. Und dann haben wir uns hier hingesetzt, ein Bier getrunken und über alles gesprochen. Was ich am meisten vermisse, ist, dass man mit ihm über alles reden konnte. Dass er sich für alles interessiert hat, dass wir alles zusammen gemacht haben. Ob Medizin, Literatur oder Sport. Es gab nicht eine einzige Sache, bei der er gesagt hätte: Nein, was soll das? Sondern: Okay, warum meinst du das? Und dann machen wir das. Das ist sehr außergewöhnlich.
SPORT1: Wann haben Sie begonnen, loszulassen?
Camm-Daum: Ich konnte anderthalb Jahre nicht in sein Büro gehen. Ich bin nie an sein Handy gegangen, nie an seinen Laptop. Ich habe nicht einmal die Wäsche in seinen Schrank gelegt, sondern davor. Das finden manche Leute bescheuert. Er fand das auch bescheuert. Aber ich habe in 28 Jahren keine Schublade aufgemacht, weil ich das selbst nicht mag. Ich finde das übergriffig. Und dann fällt es dir richtig schwer, plötzlich eine Schublade aufzumachen. Auf Mallorca, wo wir uns kennengelernt haben, hatten wir unseren geheimen Ort, unseren Secret Place. Da habe ich es erst jetzt an Ostern geschafft, seine Kleidung zu verschenken. Ich hatte schon fünfmal alles in Kartons gepackt und dann heulend und schreiend wieder eingeräumt. An Ostern habe ich zu mallorquinischen Freunden gesagt: In dem Moment, in dem ich es einpacke, nehmt ihr es mit. Und dann ist es weg. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Du musst schauen: Was brauchst du für dich? Was möchtest du?
SPORT1: Die Menschen kannten Ihren Mann als leidenschaftlichen, manchmal unbequemen Fußballtrainer. Wie war der Christoph, den nur Sie kannten?
Camm-Daum: Er hat auch im größten Erfolg immer wieder alles hinterfragt, auch sich selbst. Er hat sich immer überprüft. Er war sehr sensibel, was nach außen gar nicht so rüberkam. Und er war wahnsinnig hilfsbereit. Ich kenne wirklich niemanden, der so hilfsbereit war wie er. Er hat unglaublich vielen Menschen geholfen. Und er war eben auch sehr verletzlich.
SPORT1: Christoph war ein Mann voller Energie und Ehrgeiz. Ein einfacher Mensch war er vermutlich auch privat nicht?
Camm-Daum: Nein, natürlich nicht. Er war voller Widersprüche, sehr lebendig und sehr energetisch. Im Grunde war er so, wie er war. Er hat sich nicht verstellt. Er war privat nicht sehr viel anders als im Beruf. Wir waren beide sehr emotional und uns in gewisser Weise doch sehr ähnlich. Deswegen hat es auch immer geknallt. Es gab Journalisten, die uns von Anfang an kannten und immer gesagt haben: Euch hätte ich kein halbes Jahr gegeben. Aber wir haben auch nächtelang richtig gute Gespräche geführt. Was ich sehr geschätzt habe: Selbst wenn wir völlig unterschiedlicher Meinung waren, kam er irgendwann und sagte: ‚Ich habe darüber nachgedacht. Das können wir doch versuchen.‘
Christoph Daum und Pressekonferenzen: „War da manchmal sehr eigen“
SPORT1: Mit seinem öffentlichen Auftreten waren Sie sicherlich nicht immer einverstanden.
Camm-Daum: Na ja, Pressekonferenzen. Er war da manchmal sehr eigen. Ich hätte ein paar Dinge nicht gemacht. Ich habe schon Schweißausbrüche bekommen, wenn Christoph gesagt hat: Ich habe nachher eine Pressekonferenz. Gerade in heiklen Zeiten. Wenn du von außen draufblickst, spürst du manchmal genau, wo etwas hinläuft. Er konnte das in dem Moment nicht spüren, weil er in einer ganz anderen Anspannung war.
SPORT1: Sie meinen auch die berühmte Pressekonferenz nach der Kokainaffäre im Hyatt-Hotel im Jahr 2000?
Camm-Daum: Ja, die war natürlich schwierig. Aber ich glaube: Alles, was er gesagt hätte, wäre falsch gewesen. Das war auch eine Lebensphase, in der kaum noch Leute zu ihm gehalten haben, die ihn vorher verehrt hatten. Und das war zum Beispiel der Beginn unserer Freundschaft mit Hans Mahr, der damals RTL-Chef war. Er sagte: Ich brauche einen Fachmann. Und dann hat er Christoph für die Champions-League-Kommentierung engagiert. Das fand ich richtig cool. Alle anderen haben sich nicht getraut. Seit diesem Tag sind wir befreundet.
SPORT1: Demnächst soll Christophs Grabstein aufgestellt werden. Was bedeutet Ihnen dieser Moment?
Camm-Daum: Das kann ich gar nicht so richtig sagen, weil es für mich eigentlich nicht entscheidend ist. Ich liebe das Grab, so wie es jetzt ist. Wenn ich hingehe und Blumen bringe, habe ich oft schöne Gespräche, weil die Leute stehen bleiben. Das ist so lebendig. Und der Stein, den wir jetzt ausgesucht haben, wird das überhaupt nicht verändern. Es kommt ein Foto von ihm auf den Stein. Die Schals bleiben, es ist bunt, die Leute laufen zu seinem Grab. Das hätte er auch cool gefunden, glaube ich.
Ein friedvoller Abschied: Daums letzte Stunden
SPORT1: Sie waren bei Christoph, als er gestorben ist. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Camm-Daum: Wir haben ihn hier gepflegt. Ich habe ihn im Arm gehalten, als er gestorben ist, und die Kinder haben seine Hände gehalten. Die großen Kinder kamen auch sofort. Dann waren wir alle zusammen. Und das hatte einen ganz, ganz großen Frieden. Nichts Schreckliches. Deswegen sage ich: Der Tod ist nicht schrecklich. Das klingt vielleicht komisch. Das Problem ist, dass du um Gottes willen nicht willst, dass er stirbt. Aber der Tod an sich hat einen ganz tiefen Frieden. Er war danach noch einen Tag bei uns. Wir haben Kerzen angezündet, und die Freunde haben sich hier zu Hause von ihm verabschiedet. Irgendwann kommt dann ganz von selbst der Moment, in dem es nicht mehr passt. Das hat alles einen natürlichen Gang.
SPORT1: Der Grabstein könnte auch ein weiterer Schritt des Abschiednehmens sein.
Camm-Daum: Nein. Das Abschiednehmen ist etwas Innerliches. Wenn ich am Grab bin, denke ich manchmal, er veräppelt mich und kommt gleich wieder hinter irgendeinem Gebüsch hervor. Das ist surreal. Du denkst, er kommt jetzt gleich wieder mit nach Hause. Inzwischen habe ich das für mich gedreht. Wir hatten so ein cooles Leben zusammen. Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass ich ihn überhaupt getroffen habe.
Camm-Daum: „Das war mein Mensch“
SPORT1: Was war Christoph für Sie?
Camm-Daum: Das war einfach mein Mensch. My crazy wild one. Es hat total gut gepasst. Ich war so besessen von diesem Menschen, dass meine Mutter schon sagte: Ich glaube, du musst zum Arzt. Und ich habe gesagt: Nein, ich liebe ihn. Dann willst du von diesem Menschen, und nur von diesem Menschen, Kinder. Und dann bekommst du zwei gesunde Kinder. Das ist doch unglaublich.
SPORT1: Wie haben Sie beide sich damals auf Mallorca kennengelernt?
Camm-Daum: In einem Restaurant in Palma. Er hatte einen Vortrag und war mit einem Freund dort. Ich kam mit meinem damaligen Mann herein. Ich kannte Christoph überhaupt nicht. Mein Mann war völlig begeistert und sagte: Das ist der beste Trainer, den wir in Europa haben! Und Christoph und ich haben uns nur angestarrt. Boom. Wirklich so. Er hat dann gesagt: Ich werde mit dir zusammen sein. Sein Freund sagte: Bist du bescheuert? Das ist ihr Mann! Und Christoph sagte: Das ist mir ganz egal. Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Diese türkisfarbenen Augen, diese Hände. Ein Wahnsinn.
SPORT1: Für Christoph war diese neue Liebe aber auch mit einer schwierigen Entscheidung verbunden.
Camm-Daum: Ja. Er hatte Kinder, und er hat seine Kinder geliebt. Das war für ihn der Super-GAU. Er hat darunter unglaublich gelitten und sich immer schuldig gefühlt, weil er das Gefühl hatte, seine Kinder zu verlassen. Für mich war die Situation anders. Ich hatte keine Kinder, und meine damalige Beziehung war ohnehin schon sehr schwierig. Für ihn war das eine ganz andere Belastung.
SPORT1: Sie haben Christoph liebevoll Paul genannt. Wie kam es zu diesem Spitznamen?
Camm-Daum: Weil er Christoph-Paul hieß. Im ersten Liebesrausch war es Paul-Mausi. (lacht)
Als ein Skandal die Fußballwelt erschütterte
SPORT1: Im Jahr 2000 erschütterte die schon erwähnte Kokainaffäre das Leben Ihres Mannes. Sie kostete ihn letztlich den Bundestrainer-Job, den er später hätte antreten sollen. Wie hat er mit Ihnen über diese Zeit gesprochen?
Camm-Daum: Für unsere Beziehung war es ehrlich gesagt der richtige Beginn. Ich habe damals noch in Spanien gelebt, er war in Leverkusen. Er war immer noch in einem Kampf mit seinem schlechten Gewissen und wohnte in diesem blöden Hotel. Ich glaube, er hatte nicht genug Halt. Christoph war jemand, der eine Familie brauchte. Er brauchte einfach jemanden. Wir sind beide grundsätzlich Einzelgänger. Er hat immer gesagt: Ich bin Einzelkämpfer. Und ich habe gesagt: Das weiß ich schon, aber ich auch. Vielleicht sind wir jetzt gerade aber als Team besser. Uns hat diese Zeit zusammengeschweißt.
SPORT1: Wie haben Sie die damaligen Ereignisse erlebt?
Camm-Daum: Ich habe den Anruf bekommen und ihm dringend von diesem Haartest abgeraten. Weil für mich klar war, dass er da veräppelt wird. Das ist wirklich ein Skandal. Alle Beteiligten wissen, wer welche Rolle gespielt hat. Damit müssen alle mit ihrem Gewissen klarkommen. Ich bin dann von Mallorca hergeflogen und habe den Text für die Pressekonferenz gelesen. Ich habe ihn gefragt: Wer hat den geschrieben? Dass er ihn nicht selbst geschrieben hatte, war mir klar. Ich habe gesagt: Du kannst diesen Text nicht vorlesen. Es haben sich auch sehr viele Menschen in sein Leben eingemischt, als klar war, dass er Nationaltrainer werden sollte. Da sind plötzlich Leute mit allen möglichen Dingen aufgetaucht und haben eine unglaubliche Unruhe verursacht. Christoph wollte nicht einmal einen Vertrag machen. Er hat gesagt: Brauche ich nicht. Das machen wir später. Ich habe einen Handschlag von Gerhard Mayer-Vorfelder. Das Geld ist später wichtig, aber jetzt nicht. Trotzdem sind plötzlich Leute herumgerannt und haben Geschichten erzählt, was er angeblich verlangen würde. Das war eine ganz schwierige Gemengelage.
Der geplatzte Traum vom Bundestraineramt
SPORT1: Er hatte sich gedanklich offenbar längst auf die Aufgabe als Bundestrainer vorbereitet?
Camm-Daum: Ja, er war schon voll in seinem Film. Er hatte Stapel von Unterlagen. Das Bundesleistungszentrum muss in Frankfurt errichtet werden, (Jürgen) Klinsmann macht diese und jene Sachen, und der andere übernimmt etwas anderes. Er war mit seinen Gedanken längst bei dieser Aufgabe. Das hat er so nicht verdient. Egal, wie polarisierend er war und sein konnte. Man hätte das ganz anders lösen können. Es war so eine Situation, in der man das Gefühl hatte: Wie können wir den komplett vernichten?
SPORT1: Christoph hat später sicherlich auch mit Ihnen über seine eigenen Fehler gesprochen.
Camm-Daum: Natürlich. Es gibt doch immer Dinge, bei denen du hinterher denkst: Scheiße, warum? Wie konnte ich da so blöd sein? Ich glaube, dass er bis zum Schluss nicht wirklich verdaut hatte, dass er nicht Nationaltrainer geworden ist. Auch die Art, wie das damals abgelaufen ist. Christoph war jemand, der total loyal war. Er hat manchmal eher auf Gehalt verzichtet und gesagt: Ich bin weg, wenn er der Meinung war, dass es nicht mehr passt. Er war auch unglaublich loyal gegenüber den Menschen, die er mitgenommen hatte. Egal, was passiert ist. Manchmal hat er Dinge auf seine Kappe genommen, die er gar nicht verursacht hatte. Dadurch stand er dann selbst blöd da.
SPORT1: Diese große Loyalität machte ihn allerdings auch verletzlich.
Camm-Daum: Ja. Gerade deshalb war die menschliche Enttäuschung im Jahr 2000 für ihn extrem groß. Wenn du selbst alles für andere gibst, wenn du Menschen unterstützt, die in der Kritik stehen, und dich vor sie stellst, dann trifft dich so etwas besonders.
Kokainaffäre: Hätte Daum anders reagieren müssen?
SPORT1: Wie haben Sie rückblickend seinen Kokainkonsum und den damaligen Umgang mit der Affäre bewertet?
Camm-Daum: Ich sehe das eher sachlich. Wenn man angreifbar ist, hat man eigentlich nur die Chance zu sagen: Okay, ich weiß, dass das nicht in Ordnung war. Ich habe einmal etwas genommen. Jetzt kann ich sagen, welche Auswirkungen das hat. Ihr könnt mich dafür verurteilen, oder ihr akzeptiert es.
SPORT1: Die Frage ist nur, ob das damals durchgegangen wäre.
Camm-Daum: Wenn Leute jemanden fertigmachen wollen oder ihn nicht wollen, dann hast du ja kaum eine Chance. Deshalb weiß ich nicht, ob eine andere Erklärung damals etwas geändert hätte. Ich hätte ihm wahrscheinlich vorgeschlagen, offen damit umzugehen. Aber wenn jemand einen anderen zerstören will, dann kriegt er das hin.
Uli Hoeneß und Daum: Eine unerwartete Annäherung
SPORT1: Haben Sie mit Uli Hoeneß jemals persönlich über die damaligen Ereignisse gesprochen?
Camm-Daum: Ich habe Uli Hoeneß immer wieder getroffen. Bei Michael Ballacks Hochzeit oder bei Robert Enkes Beerdigung saßen wir auch nebeneinander. Da spürst du natürlich eine gewisse Spannung. Ich habe auch die Geschichte mit seinem Steuerskandal verfolgt. Das hat mir wirklich leidgetan. Ich glaube ganz fest an eine Sache: Hoeneß und Christoph wären ein super Team gewesen. Wenn die zusammengearbeitet hätten, das wäre richtig gut gewesen. Bei Clemens Tönnies’ 60. Geburtstag sind wir uns dann auf dem Flur entgegengekommen. Da habe ich gesagt: Herr Hoeneß, bitte, wir geben uns jetzt einmal die Hand. Wir treffen uns die ganze Zeit. Und es tut uns unglaublich leid, was Ihnen passiert ist. Das meinen wir wirklich ehrlich. Er sagte: Okay, ich weiß das. Dann haben wir uns die Hand gegeben.
„Ich denke, dass die Menschen ihn wertschätzen und lieben“
SPORT1: Glauben Sie, dass der deutsche Fußball Christoph trotz seiner großen Erfolge am Ende gerecht geworden ist?
Camm-Daum: Was bedeutet gerecht geworden? Ich denke, dass die Menschen ihn total wertschätzen und lieben. Das ist sogar noch stärker geworden. Als er krank war, war das ganz krass. Da standen bei einer Veranstaltung in Berlin Journalisten, die teilweise geweint haben. Ich habe gefragt: Was ist denn los? Und sie sagten: Wenn der wirklich nicht mehr da ist, was machen wir denn dann? Er ist einmalig. Diese Wertschätzung kam auf jeden Fall aus seinem Umfeld, von den Fans und auch von Journalisten.
"Tut er sich nichts an?" Beim Thema Daum wird's emotional
SPORT1: Rainer Calmund hat im SPORT1-Podcast Deep Dive erzählt, dass er damals, als er Christoph nach Amerika geschickt hat, Angst hatte, Christoph könnte sich etwas antun. Hatten Sie diese Angst auch?
Camm-Daum: Ja, die hatte ich zwischendurch auch. Man muss sich das vorstellen: Da bricht dein ganzes Leben zusammen. Alles bricht zusammen. Ich hatte mit ihm telefoniert, als er auf dem Weg zum Flughafen war. An dem Tag hatte ich auf einer Toilette an der Plaza Mayor bei Palma einen Schwangerschaftstest gemacht. Und der war positiv. Dann habe ich ihm gesagt: „Christoph, du machst jetzt keinen Scheiß. Ich liebe dich, ich bin schwanger. Ich freue mich, das kann ich gar nicht sagen, wie sehr. Bitte mach jetzt keinen Scheiß. Ich weiß, dass dein ganzes Leben zusammengebrochen ist, aber wir kriegen das hin.“ Aber ich hatte schon auch ein bisschen Angst.
Daum macht seine Krebserkrankung öffentlich
SPORT1: Ihr Mann ist mit seiner Krebserkrankung sehr offen an die Öffentlichkeit gegangen. Wie haben Sie ihn in dieser schweren Zeit erlebt, wenn keine Kameras dabei waren? War er immer der Kämpfer, den alle kannten?
Camm-Daum: Natürlich saßen wir auch hier in der Küche, und er war einfach total traurig. Das musst du aushalten. Das ist doch normal. Dass er diese Dokumentation gemacht hat, fand ich unglaublich. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss ihn beschützen. Er hat sich sogar filmen lassen, als er ganz schlecht aussah. Das habe ich am Anfang immer versucht zu verhindern. Ich habe alle beschimpft, weil ich völlig durchgedreht bin. Ich habe nur geschrien und geheult. Da hat er gesagt: Geli, wenn du so traurig bist, dann schaffe ich das auch nicht. Da habe ich mir gesagt: Okay, nein, so geht es nicht. Du musst dich am Riemen reißen.
SPORT1: Gab es einen Moment, in dem Ihnen besonders bewusst wurde, wie schwer Christoph seine Krankheit getroffen hatte?
Camm-Daum: Ja. Das war sehr bitter. Im Juni habe ich Cara (die Tochter, Anm. d. Red.) nach Madrid zu einem Praktikum gebracht. Christoph sollte zwei Tage später am Rücken operiert werden. Wir wussten damals schon, dass es nicht gut enden könnte. Und dann stand er zu Hause auf einer Leiter, sieben Meter hoch, und hat oben den Sims an der Fassade gestrichen. Als ich am nächsten Tag um elf Uhr abends nach Hause kam, war er immer noch am Streichen. Er stand vor mir und sagte: Geli, ich habe es nicht geschafft. Ich wollte es so schön machen für dich. Und ich habe es nicht mehr geschafft. Da stehst du dann und denkst: Ach, Paul … er wollte es einfach nur schön machen für mich. Im August habe ich hinten im Schuppen, das war sein Bereich, genau diese Farbe von damals gefunden. Auf dem Eimer hatte er „Fassade“ geschrieben. Da schreist du dann halt. Das sind diese sehr traurigen Momente.
SPORT1: Sie haben ihn auch in anderen Momenten erlebt, in denen der starke Christoph plötzlich ganz verletzlich war.
Camm-Daum: Ja. Als er seine Haare verloren hat, war das auch so ein Moment. Du hast Angst, dass du ihm wehtust. Er hat mich gebeten, ihm die Haare abzuschneiden. Ich habe gesagt, dass ich Angst habe. Aber ich wollte auch nicht, dass jemand anderes das macht. Das kann man gar nicht beschreiben. Das war alles ganz still, sanft und zart.
Die Krankheit verstärkte ihre Beziehung
SPORT1: Auch Ihnen gegenüber hat Christoph in dieser schweren Zeit Schwäche zugelassen.
Camm-Daum: Was ist Schwäche? Ich würde das als normal bezeichnen. Es war einfach sanft, zart, still und friedlich. Schwäche ist für mich etwas anderes. Er hat zum Beispiel nach einer Chemotherapie unbedingt zu einem Termin bei der Deutschen Diabetes-Hilfe fahren wollen. Er sah so krank aus, dass ich dachte: Mein Gott. Er kann nicht fahren! Aber er sagte: Ich fahre. Das ist mein Projekt. Auch beim SPORT1-Doppelpass wollte er nicht absagen. Er sah verheerend krank aus, aber er ist gefahren. Er hat das durchgezogen.
SPORT1: Hat die Krankheit Ihre Beziehung verändert?
Camm-Daum: Sie hat sie nicht verändert. Sie hat sie wieder verstärkt. Wir hatten immer eine ganz starke Beziehung. Wir haben uns auch wirklich gestritten. Sehr laut, sehr intensiv. Ich vermisse meinen Paul einfach.
SPORT1: Man könnte sagen, dass die Krankheit Ihnen beiden auch wertvolle gemeinsame Zeit gegeben hat.
Camm-Daum: Ja. Jemand hat einmal zu mir gesagt: Mensch, jetzt hast du da zwei Jahre verloren. Genau das empfinde ich nicht. Natürlich war es schlimm, mitanzusehen, dass du dem anderen nicht helfen kannst. Das ist ein Albtraum. Anders kann ich es nicht sagen. Aber zwischen uns war wieder das, was von Anfang an da gewesen war. Es war wie ein Kreislauf, der sich geschlossen hat.