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München - Svetislav Pesic ist auch mit 70 Jahren nicht satt. Die Trainer-Legende blickt im SPORT1-Interview auf seine Karriere und beurteilt Deutschlands Chancen bei der WM.

Svetislav Pesic feierte am 28. August seinen 70. Geburtstag.

Die Trainer-Legende ist inzwischen wieder beim FC Barcelona aktiv - mit großem Ehrgeiz. "Ich habe noch Hunger", sagt Pesic zu SPORT1.

Er feierte auch Erfolge mit dem FC Bayern, ALBA Berlin und KK Bosna Sarajevo. Seine zwei größten Titel errang Pesic aber mit Nationalteams.

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Weltmeister 2002 mit seinem Heimatland Jugoslawien, Europameister 1993 mit Deutschland.

Pesic übte den Posten als Bundestrainer von 1987 bis 1993 aus, 2012 kehrte er noch einmal zurück und führte das DBB-Team erfolgreich durch die Qualifikation zur EM 2013.

Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews beurteilt Pesic die Chancen des DBB-Teams bei der anstehenden Basketball-WM (Basketball-WM: Deutschland - Frankreich am Sonntag ab 14.30 Uhr im LIVETICKER auf SPORT1) sowie die Rolle von Dennis Schröder und blickt auch auf seine Karriere zurück (Hier geht es zu Teil 1 über den FC Bayern, Zipser und Hoeneß).

SPORT1: Herr Pesic, Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Woher nehmen Sie die Motivation, noch weiter zu machen? Und haben Sie einen Plan im Kopf, wie lange sie noch weiter machen wollen?

Svetislav Pesic: (lacht) Das ist eine gute Frage. Ich habe mir darüber auch Gedanken gemacht. Wenn man in dieses Alter kommt, denken alle über mich nach, und dann muss ich auch über mich nachdenken (lacht). Ich habe keinen Stress. Wenn ich Stress hätte, würde ich lieber hier (in einem Münchner Café; Anm. d. Red.) sitzen bleiben und Kaffee trinken. Dann würde ich mein Fahrrad nehmen und in den Englischen Garten gehen. Der Anruf von Präsident Bartomeu aus Barcelona im Februar vor einem Jahr hat mich einfach geweckt. Als ich meine Frau gefragt habe, meinte sie: Wenn der Präsident anruft, kannst du nicht Nein sagen. Ich habe noch Hunger. Wenn ich mit meinem Auto zur Halle fahre, dann freue ich mich. Bis wann das so ist? Das weiß ich nicht (lacht). Das ist wie bei Ihnen. Wenn Sie ins Training kommen und sagen: Schon wieder Training... dann ist es an der Zeit, etwas anderes zu machen.

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SPORT1: Können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland in beruflicher Funktion vorstellen?

Pesic: Ich werde auch zukünftig in München leben. Wenn mein Wissen, meine Erfahrung gebraucht werden, werde ich das gerne zur Verfügung stellen, in Camps oder Coach Clinics. Aber ich denke nicht, dass ich noch etwas bei Bayern München oder bei einer anderen Mannschaft in Deutschland machen werde.

Pesic: "Ich habe viele Fehler gemacht"

SPORT1: Gibt es einen Lieblingsspieler, der ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Es war von Heiko Schaffartzik zu lesen...

Pesic: Ich bin seit 37 Jahren im Geschäft (lacht). Da gibt es viele Spieler, da habe ich auch Heiko genannt. Meine Art und Weise, wie ich mit den Spielern kommuniziere, meine Mentalität, meine große Erwartung... das war und ist nicht immer einfach für die Spieler. Ich habe immer verstanden, dass ich für die Spieler da bin und nicht umgekehrt. Wenn ich übertrieben habe, war ich immer bereit, mich zu entschuldigen oder zu sagen, das war mein Fehler, ich bin zu weit gegangen. Alle Spieler in meiner Karriere haben mich besser gemacht. Ich habe viel von ihnen gelernt.

SPORT1: Und umgekehrt.

Pesic: Ja. Das sollen sie sagen. Ich habe vielen geholfen, denke ich. Aber ich habe auch viele Fehler gemacht. Dazu gehört auch die Entscheidung mit Heiko. Wir haben die Entscheidung getroffen, etwas anderes zu machen, obwohl er verdient gehabt hätte, in der Mannschaft zu bleiben. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis gehabt und uns gegenseitig respektiert. Ich habe ihn immer angegriffen oder kritisiert. Aber er war immer bereit, diese Kritik zu akzeptieren. Aber auch andere Spieler wie Henrik Rödl oder Henning Harnisch, einer der größten Spieler der Historie, waren meine Lieblingsspieler. Als ich 1987 die Entscheidung getroffen habe, nach Deutschland zu kommen, waren Henrik und Henning zwei der besten Spieler in Europa. Ich dachte mir: Wenn Deutschland solche Spieler hat, kann ich etwas bewegen.

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SPORT1: Das haben Sie dann auch eindrucksvoll geschafft, 1993 wurden Sie mit dem deutschen Nationalteam Europameister. Jetzt steht die Basketball-WM an. Der deutsche Kader wird von vielen als der beste aller Zeiten angesehen. Wie stehen Sie dazu?

Pesic: Es ist eine andere Zeit, ein anderer Basketball. Es gibt einen großen Unterschied. Wir sind zusammen gewachsen. Wir waren ein Team. Das entwickelst du nicht, wenn du dich in der Sommerzeit in Trier oder Berlin triffst und dann einfach trainierst und zur WM fährst. Das war damals anders. Wir haben mehr Zeit zusammen verbracht. Wir haben Meisterschaften gespielt, wir haben die Universiade gespielt. Das war ein erster großer Erfolg, wichtiger als die Weltmeisterschaft. Denn Jugoslawien und die USA kamen immer mit der besten Mannschaft und wir haben die Bronzemedaille gewonnen.

Schröder? "Alle erwarten viel von ihm"

SPORT1: Eine Medaille, die jetzt auch bei der WM drin ist?

Pesic: Es besteht eine Chance. Aber Mannschaften wie Spanien und Serbien haben eine andere Kontinuität. Die haben zusammen Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympia gespielt. Diese Turniere spielen eine Rolle. Deutschland ist sicherlich eine Mannschaft, die eine Medaille holen kann. Die Qualität und Motivation ist vorhanden. Sie sind unter den sechs, sieben, acht Mannschaften, die um die Medaillen mitkämpfen. Aber das wird nicht einfach.

SPORT1: Was trauen Sie Dennis Schröder zu? Kann er ein Star des Turniers werden?

Pesic: Er wird ein Star werden, wenn die Mannschaft stark ist und eine Medaille gewinnt. Eine Medaille ohne einen exzellenten Schröder zu gewinnen, wird sehr schwer. Er ist einer der besten Spieler des Turniers. Viel hängt von ihm ab. Er genießt Ansehen und Respekt in der Mannschaft. Alle erwarten viel von ihm. Dennis ist reif, diese Erwartungen anzunehmen. Wenn er in guter physischer Verfassung ist, kann man von ihm eine gute WM erwarten. Aber er kann sehr gut spielen, 20 Punkte und zehn Assists machen und Deutschland wird Sechster – dann spricht keiner über ihn.

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SPORT1: Man hat den deutschen Basketball eigentlich immer mit Dirk Nowitzki verbunden. Jetzt ist er zurücktreten. Wie steht es um den deutschen Basketball?

Pesic: Dirk war ein Ausnahmespieler und einer, der den deutschen Basketball sehr geprägt hat. Aber Basketball geht weiter (lacht). Franz Beckenbauer war einer der größten Spieler überhaupt, aber der Fußball ging weiter. Detlef Schrempf war für mich lange einer der besten Spieler Europas in der NBA. Aber wer kennt Detlef Schrempf heute noch? Dirk ist aber sicherlich noch mal ein anderer Fall. Er ist eine Legende. In Deutschland hat der Basketball einen sehr großen Stellenwert erreicht, vor allem wegen Nowitzki. Aber der deutsche Basketball genießt auch so ein sehr hohes Ansehen und Respekt in Europa, viel mehr als in Deutschland. Darum organisiert der Deutsche Basketball Bund eine Europameisterschaft, darum findet nächstes Jahr das Final Four der EuroLeague in Köln statt. Es ist eine nächste Chance, dass die jungen Leute in die Halle kommen und den europäischen Basketball näher kennenlernen.

USA? "Diese Mannschaft ist nicht auf dem höchsten Level"

SPORT1: Wie schätzen Sie die Situation beim Team USA ein?

Pesic: Als Gregg Popovich die ursprüngliche Mannschaft nominiert hat, waren sie für mich der Top-Favorit auf die Goldmedaille. Jetzt, nach den ganzen Absagen, sind sie nicht mehr der alleinige Favorit. Diese Mannschaft ist nicht auf dem höchsten Level. Das motiviert alle anderen Mannschaften, um noch mehr zu geben. Es wird eine ausgeglichene Weltmeisterschaft. Es wird alles möglich sein. Es ist sehr schwer, etwas zu prognostizieren.

SPORT1: Wie beurteilen Sie die Mannschaft und die Entwicklung des US-Teams auf internationaler Ebene?

Pesic: Der US-Verband und die Coaches wussten früher überhaupt nichts vom europäischen Basketball. Inzwischen sind sie in Europa unterwegs und haben in ihren Teams europäische Spieler. Sie kennen die Entwicklung im Basketball außerhalb der NBA. Das ist schon eine Mannschaft, die zu Gregg passt. Wenn eine Mannschaft der NBA Charakteristiken des europäischen Basketballs hatte, dann war es San Antonio. Das ist seine Philosophie, dazu hatte er auf wichtigen Positionen europäische Spieler. Es gibt schon einen Unterschied zwischen den Spielern, die abgesagt haben, und denen, die noch dabei sind. Sie sind nicht mehr der absolute Favorit, denn es fehlt ein wenig die individuelle Qualität. Aber Gregg wird eine Mannschaft bauen mit Intensität, Defense und Teamspirit, die schwer zu schlagen ist.

SPORT1: Ist Serbien der größte Herausforderer?

Pesic: Für die Goldmedaille hat Serbien die Qualität, Spanien aber auch, obwohl Pau Gasol und Juan Carlos Navarro, der ja aufgehört hat, fehlen. Aber sie können das kompensieren. Griechenland hat wieder eine gute Mannschaft zusammen, mit einer Generation, die in der Jugend und bei den Senioren zusammenspielte. Giannis Antetokounmpo ist einer der besten Spieler und kann viel bringen. Griechenland, Spanien, Serbien. Ob Kanada etwas schaffen kann – da bin ich nicht sicher. Australien? Da geht es jeweils eher um Medaillen, aber nicht um Gold.

SPORT1: Wie schwer wiegt bei Serbien der Ausfall von Milos Teodosic?

Pesic: Er ist einer der besten Spieler auf dieser Position. Er hat große Erfahrung und ist der Kapitän der Mannschaft. Die wichtigste Position im Basketball ist Point Guard – wenn der fehlt, ist es ein Problem. Stefan Jovic und Vasilije Micic werden versuchen, ihn zu ersetzen, aber die Erfahrung, Genialität und das Decision Making sind nicht einfach zu kompensieren. Aber auch anderen Mannschaften fehlen Stars, wie Alexey Shved bei Russland.

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