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München - Dennis Schröder und Co. sind bei der Basketball-WM raus, auch Olympia ist für Deutschland massiv in Gefahr. SPORT1 analysiert, was nicht funktioniert hat.

Mit Medaillenträumen gestartet und jetzt der absolute Super-GAU für die deutschen Basketballer bei der WM!

Durch die 68:70-Blamage gegen die Dominikanische Republik und die anschließende Niederlage Jordaniens gegen Frankreich ist das krachende Vorrundenaus für das DBB-Team mit seinen NBA-Stars um Dennis Schröder schon vor dem letzten Gruppenspiel besiegelt.

Dabei war in China der vielleicht beste Kader der DBB-Geschichte am Start. Aber was lief schief? SPORT1 analysiert die Bau- und Schwachstellen.

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DENNIS SCHRÖDER

Der Teamleader von den Oklahoma City Thunder war wie erwartet Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels, nahm gegen Frankreich 18, gegen die DomRep 19 Würfe - allerdings mit überschaubarer Trefferquote. Gegen die aggressive Defense der Franzosen fanden noch knapp 37 Prozent der Versuche ihren Weg in den Korb, der Underdog aus der Karibik trieb den NBA-Star gar zu eiskalten 28 Prozent!

Auch wenn Schröder mit 20 Punkten beim Debakel noch Topscorer war - zu oft versuchte er es mit dem Kopf durch die Wand, nahm überhastete Abschlüsse, suchte dann wieder im unpassenden Moment die Mitspieler. Die Balance zwischen eigenem Scoring und Playmaking ging ihm zu oft ab - das ist auch in der NBA eine wiederkehrende Schwäche. Am Ende standen acht Assists für ihn zu Buche, zwischenzeitlich lag er allerdings auch bei drei Vorlagen und vier Turnovern.

"Wir haben die ersten beiden Spiele nicht so gut gespielt, wie wir können", sagte Coach Henrik Rödl nach der Pleite gegen die Dominikanische Republik - was trotz guter Zahlen auch für Schröder galt. Trotzdem hatte Schröder neben Daniel Theis noch als einziger Starter eine positive Plus/Minus-Bilanz. Das oft vorgebrachte Argument, ohne Schröder wäre alles besser, zielt ins Leere.

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PAUL ZIPSER

Auch mit NBA-Erfahrung, als Starter gesetzt, nach langer Verletzungspause aber noch mit Sand im Getriebe. Traf gegen die DomRep keinen seiner drei Würfe aus dem Feld, gegen Frankreich einen von sechs für zwei Punkte.

Dabei hatte die Vorbereitung noch Hoffnung gemacht. "Dass Paul seinen Rhythmus offensichtlich verloren hat, tut super weh", analysierte auch Ex-Nationalspieler Pascal Roller bei Magenta Sport.

Weil mit Ismet Akpinar (zwei bzw. drei Punkte) auch der Starter auf Shooting Guard offensiv wenig beisteuern konnte, wurden die Flügelpositionen im DBB-Team zur großen Baustelle. Das konnte auch Maodo Lo von der Bank nicht auffangen, gegen die Dominikanische Republik schwang er sich mit perfekter Wurfquote (vier von vier) zum drittbesten Scorer auf (zehn Punkte) und lag als einziger Spieler neben Theis und Schröder noch im Plus.

SHOOTING

Neben Schröder wird genug Shooting aus der Distanz gebraucht, damit die Gegner für den pfeilschnellen Point Guard nicht die Zone zustellen können - so die einhellige Meinung vor Turnierstart. Gegen Frankreich saß der Dreier nach dem Grusel-Start mit 45,65 Prozent noch sehr gut - bei der Blamage gegen die Dominikanische Republik waren die Backsteine aus der Distanz dagegen ein Hauptgrund für das Aus. (Tabelle der Basketball-WM)

Ganze drei von 19 Versuchen aus Downtown gingen in den Korb: gruselige 16 Prozent. Gerade die Hoffnung auf Deutschlands werfende Big Men erfüllte sich zu selten. Daniel Theis verfehlte gegen die DomRep alle vier Dreierversuche, Robin Benzing und Danilo Barthel je zwei. Maxi Kleber nahm im ganzen Spiel keinen einzigen Wurf.

"Wir haben die Brechstange ja probiert, haben den Ball nach unten gebracht und waren da ja auch ganz erfolgreich", erklärte Rödl nach der Niederlage am Dienstag: "Sie haben dann innen aber viel zugemacht, die Würfe von außen sind überhaupt nicht gefallen."

EINSTELLUNG

"Unsere Körpersprache war nicht so, wie sie ein sollte", räumte Lo nach dem K.o. gegen die Dominikanische Republik ein und suchte erfolglos nach Erklärungen: "Keine Ahnung, es ist ein richtiges Desaster."

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In beiden WM-Partien wurde Deutschland direkt zu Beginn überrollt, grub sich selbst gegen den Underdog ein 0:8-Loch, wirkte nicht bereit.

"Ich bin wahnsinnig enttäuscht. Wir sind mit anderen Erwartungen hierhin gefahren. Wir haben nicht abgeliefert. Das ist großer Mist", resümierte DBB-Präsident Ingo Weiss. Vielleicht hätte die Mentalität von NBA-Neuling Moritz Wagner gut getan, am College lieferte er im Endturnier "March Madness" mit unbändigem Kampf große Leistungen ab. Seine Unbekümmertheit hätte vielleicht einen Push geben können.

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BIG MEN

Gerade gegen die kleineren Akteure der Dominikanischen Republik konnte das DBB-Team zu selten seine vermeintliche Stärke auf den großen Positionen ausspielen.

"Erstaunlich, wie viele Probleme die deutsche Mannschaft mit den Big Men hatte. Das ist sehr enttäuschend", meinte Roller.

Das Rebound-Duell ging gegen den Underdog mit 35:37 verloren, obwohl Deutschland im Schnitt vier Zentimeter größer ist - und einzig Eloy Vargas (2,10 Meter) deutlich über zwei Meter misst. Körperlich wären Theis, Kleber und Co. deutlich überlegen gewesen.

BALANCE

Offensiv kam insgesamt zu wenig von der langen Garde, gerade die Konstanz und Balance waren ein Problem.

Der gegen Frankreich überragende Johannes Voigtmann (25 Punkte) fand im 2. Gruppenspiel kaum statt (zwei Würfe, zwei Punkte, katastrophaler Fehlpass in der Schlussphase), Kleber blieb komplett ohne Wurfversuch. Theis dagegen war im ersten Gruppenspiel auch von Foulproblemen ausgebremst (drei Punkte), dafür gegen die DomRep voll im Fokus.

Schröder und Theis verbuchten beim Debakel zusammen 34 Würfe - der nächste in Sachen Wurfchancen war Barthel mit fünf Versuchen.

Zwar riss das NBA-Duo die Entscheidungen vor allem in den Endphasen beider Spiele an sich, in ihren Teams spielen sie diese Rolle jedoch nicht. Im gesamten Kader wird es schwer, jemanden zu finden, der es gewohnt ist, in der Crunchtime voranzugehen und (richtige) Entscheidungen zu treffen.

DRUCK

Zwar könne das Team "auf Topniveau mitreden", es sei aber "von anderen hoch eingeschätzt worden", fand DBB-Boss Weiss harte Worte für die Nationalmannschaft. Im entscheidenden Moment brachte das hochtalentierte Team seine PS nicht auf die Straße.

"Der Druck war ein bisschen zu groß", vermutete Roller: "Man hat die Erwartungen hochgeschraubt, auch innerhalb des Teams. Das waren selbstbewusste Worte, die waren ja auch richtig - aber man hat dabei die Realität ein bisschen verkannt."

Das und die verpatzten Einstiege in die Spiele seien ausschlaggebend dafür gewesen, "dass die Mannschaft nie das Selbstvertrauen gezeigt hat, das man zum Beispiel beim Supercup noch gesehen hat, diese Leichtigkeit. Das Selbstvertrauen konnte man nicht ins Turnier nehmen. Das hat sich bitterlich gerächt."

Dennoch überrascht es, dass ein zwar junges, aber hochtalentiertes Team mit NBA-erfahrenen Akteuren rund um Schröder, Theis und Kleber sowie Leistungsträgern aus Europa wie Voigtmann (wechselt zu ZSKA Moskau) und Barthel Probleme in Sachen Druck bekommt.

DEFENSE

Gegen die furios aufspielenden Außenseiter aus der Dominikanischen Republik hatte Deutschland vor allem defensiv Probleme.

Defensive Rotationen wurde immer wieder zu spät ausgeführt, die Hilfe kam zu oft nicht, das Resultat: leichte Punkte am Korb, vor allem durch Vargas, der in 16 Minuten 16 Zähler verzeichnete.

Auch im Umschaltspiel offenbarte Deutschland Schwächen, die DomRep drückte nach den eigenen Rebounds wiederholt schnell aufs Gas und überrumpelte die DBB-Spieler immer wieder.

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