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Am häufigsten tritt eine Verstauchung am Sprunggelenk auf © Getty Images
Lesedauer: 9 Minuten
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München - Eine Verstauchung ist schnell passiert - im Sport und im Alltag. Aber man kann nur bedingt vorbeugen. SPORT1 erklärt Ursachen, Symptome und Therapien.

Die Verstauchung gehört zu den häufigsten Sportverletzungen. Aber auch im Alltag kann es durch eine ungünstige Bewegung schnell zur dieser Verletzung kommen.

Die Chancen auf eine schnelle Heilung stehen gut. Allerdings ist eine korrekte Behandlung wichtig, um eine dauerhafte Gelenkinstabilität zu verhindern.

SPORT1 erklärt die Verstauchung mit ihren Symptomen und Ursachen. Dazu gibt SPORT1-Experte Dr. med. Florian Dreyer Tipps zur Behandlung und Vermeidung.

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Für den schnellen Leser

  • Was steckt hinter der Verstauchung? Schädigung des Kapsel-Band-Apparats
  • Was sind die Symptome? starke Schmerzen, Schwellung, Bluterguss, Bewegungseinschränkung
  • Was sind die Ursachen? Überdehnung des Bandes durch eine unnatürliche Bewegung oder äußere Gewalteinwirkung
  • Wie läuft die Diagnose? funktionelle Tests, Ultraschall, MRT
  • Wie läuft die Behandlung? Schonung und Stabilisierung des Gelenks
  • Wer ist der Ansprechpartner? Orthopäde
  • Wie ist die Prognose? Genesungszeit einige Tage bis mehrere Wochen

Symptome

Bei einer Verstauchung - in der Medizin auch Distorsion genannt - handelt es sich um eine Verletzung der Bänder und der Gelenkkapsel. Bänder bestehen aus Bindegewebe und verbinden die Knochen eines Gelenks miteinander. Wird der Zug auf ein Band zu groß, kann es überdehnt und das Gewebe geschädigt werden.  

Bänder dienen der Stabilisierung des Gelenks und sind an der Bewegungsführung beteiligt. Außerdem schränken sie Bewegungen ein, um eine Überstreckung des Gelenks zu verhindern. Kommt es zu einer Verstauchung, können diese Funktionen nicht mehr richtig erfüllt werden.

Zu den typischen Symptomen gehören Schmerzen an der betroffenen Stelle, eine Gelenkschwellung und eine eingeschränkte Beweglichkeit des Gelenks. Ein Bluterguss ist ebenfalls möglich, ist bei einer Verstauchung jedoch wesentlich seltener als bei einem Bänderriss.

Eine Verstauchung kann an allen Gelenken auftreten. Besonders häufig sind jedoch das Sprunggelenk, das Knie und das Handgelenk betroffen. Sportarten mit schnellen Richtungswechseln und häufigem Beschleunigen und Abbremsen sind besonders gefährdet. Laut einem Bericht der Universität Ulm stellt sie beim Fußball mit 20 Prozent nach der Prellung die zweithäufigste Verletzung dar.

Verheilt eine Distorsion nicht richtig, kann es zu einer langfristigen Instabilität im betroffenen Gelenk kommen. Daher ist eine korrekte Behandlung sehr wichtig.

Symptome im Überblick

  • plötzlicher, stechender Schmerz
  • Schwellung
  • Bewegungseinschränkung
  • Bluterguss

Ursachen

Einer Verstauchung liegt in der Regel eine Bewegung des Gelenks zugrunde, die über das natürliche Maß hinausgeht. Das ist beispielsweise beim Umknicken oder Verdrehen eines Gelenks der Fall, wodurch der Kapsel- und Bandapparat geschädigt werden. Auch eine äußere Gewalteinwirkung wie ein Schlag kann Ursache für eine Distorsion sein.

Es handelt sich um eine typische Sportverletzung, aber nicht nur während einer sportlichen Aktivität kann es zu einer Verstauchung kommen. Auch in alltäglichen Situationen besteht ein Risiko. Einen verstauchten Fuß kann man sich beispielsweise schnell zuziehen, wenn man an einem Bordstein abrutscht oder in hohen Schuhen mit dem Fuß umknickt. 

Ursachen im Überblick

  • Umknicken oder Verdrehen eines Gelenks
  • äußere Gewalteinwirkung

Diagnose

Schon bei der Anamnese durch einen Arzt kann sich durch die Beschreibung des Unfallhergangs der Verdacht auf eine Distorsion ergeben. Auch eine Schwellung und ein Bluterguss deuten auf eine Bandverletzung hin. Zusätzlich wird der Arzt eine körperliche Untersuchung durchführen und das Gelenk dabei auf Druckschmerzen abtasten, welche ebenfalls Symptome für eine Verstauchung darstellen.

Ob es sich um eine Zerrung oder Überdehnung im Band- und Kapselapparat handelt, kann nur anhand der Symptome nicht festgestellt werden. Da es für die nachfolgende Behandlung aber auch keine Rolle spielt, ist eine genauere Diagnose nicht notwendig.

Bei der körperlichen Untersuchung finden meist Funktionstests wie der Schubladentest Anwendung. Dabei fixiert der Doktor mit einer Hand den Unterschenkel und drückt mit der anderen Hand den Fuß Richtung Zehenspitzen und Ferse. Lässt sich der Fuß zum Unterschenkel übermäßig leicht verschieben, deutet das auf einen verstauchten Knöchel oder einen Bänderriss hin.

Eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Ultraschalluntersuchung schaffen Klarheit, ob es sich lediglich um eine Überdehnung oder um einen Bänderriss handelt. Auf dem Röntgenbild lassen sich zwar keine Bänder erkennen, allerdings dient es dazu, zusätzliche Verletzungen am Knochen zu erkennen.

"Wenn die Schmerzen trotz Behandlung nicht besser werden, ist eine erneute Vorstellung beim Arzt ratsam und es wird mit einer weiteren bildgebenden Diagnostik gearbeitet", so Dr. Dreyer. 

Wie behandelt man eine Verstauchung?

Direkt nach dem Bänderriss sollte das verstauchte Gelenk nach der PECH-Regel mit Erste-Hilfe-Maßnahmen behandelt werden.

Die PECH-Regel

Als Gedächtnisstütze für die Erstversorgung bei einem Bänderriss sorgt die PECH-Regel:

P-ause: direkt nach dem Unfall mit dem Sport aufhören und das verletzte Körperteil ruhigstellen
E-is: Das betroffene Körperteil kühlen, um ein mögliches Hämatom zu verhindern
C-ompression: Die Blutzufuhr in die betroffene Stelle durch Druck verringern, um eine Schwellung zu verhindern
H-ochlagerung: Die betroffene Stelle hochlagern, um eine Einblutung zu verhindern

Direkt nach der Verletzung sollte die betroffene Stelle gekühlt werden und eine Kompression erfolgen. Das Entscheidendste ist laut dem Olympiarzt das Hochlagern. Dr. Dreyer erklärt: "Die Schwellung kann nur der Schwerkraft folgen und sie muss zum Herzen hinfließen. Wenn also das Herz höher liegt, als der große Zeh, fließt die Schwellung erstens nicht weg und zweitens staut sich alles, weil die Abflusswege zusammengedrückt werden." Dadurch würde sich das Abschwellen deutlich verzögern.

Zudem ist es ratsam, entzündungshemmende Medikamente einzunehmen, um die Schmerzen zu lindern und eine Schwellung zu vermeiden.

Bei der konservativen Behandlung werden die betroffenen Bänder mit einem Verband aus elastischen Binden, einem Tape-Verband oder einer Schiene stabilisiert. Eine Belastung sollte vermieden werden. Dann sollte der Heilungsprozess nach wenigen Wochen abgeschlossen sein. "Nach einer Verstauchung dauert es meist nicht lange, bis man sich wieder voll belasten und frei bewegen kann", erklärt Dr. Dreyer. Aber wichtig ist: "Wenn man unter Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit trainiert oder spielt, geht das immer auf eine angrenzende Gelenkstruktur oder eine andere Extremität, also zum Beispiel das andere Bein. So etwas ist ein klassischer Auslöser für eine Kreuzbandruptur."

Der Olympiaarzt hat solche Fälle schon oft gesehen. "Das liegt daran, dass man unbewusst anders belastet. Es gibt einen veränderten Bewegungsablauf. Wenn die Muskulatur nicht an diesen Bewegungsmechanismus gewöhnt ist, kann die Fehlbelastung nicht gut stabilisiert werden und es entsteht eine Überlastung."

Eine Operation ist in der Regel nur notwendig, wenn eine Verletzung der knöchernen Gelenkanteile vorliegt.

Prävention im Sport

Da eine Verstauchung zu den häufigsten Verletzungen gehört, ist die Prävention sehr wichtig. Man kann mit Koordinations- und Stabilisationsübungen vorbeugen. Mit solchen Übungen kann gezielt die Fähigkeit der Muskeln, die Gelenke in ihrer Stabilität zu unterstützen, gefördert werden.

Gleichgewichtstraining beispielsweise auf einem Wackelbrett trainiert die Muskulatur im Bein und kann sowohl das untere und obere Sprunggelenk als auch das Knie vor Verletzungen schützen, indem die kräftigen Muskeln unnatürlichen Gelenkbewegungen entgegenwirken. Dr. Dreyer kennt einen zusätzlichen Vorteil des sogenannten propriozeptiven Trainings: "Man kann dabei ein Drittel der Kraftentfaltung noch zusätzlich gewinnen, ohne dass man wahnsinnig viel Muskulatur aufbauen muss."

Schienen können nicht nur zur Therapie, sondern auch zur Prävention von Bänderverletzungen dienen. Eine Studie der Universität Münster hat gezeigt, dass die Häufigkeit von Sprungelenksverletzungen durch die Anwendung von Fuß-Orthesen und Stabilisationstraining um 40 Prozent vermindert werden kann. Als Alternative für eine Schiene kann auch ein Tapeverband zur Stabilisation des verstauchten Knöchels bzw. des verletzten Gelenks dienen.

Sportarten wie Basketball, Handball oder Fußball weisen ein hohes Risiko für Verletzungen am Sprunggelenk auf. In der Basketball-Bundesliga handelt es sich mit 20 Prozent aller Verletzungen um die am häufigsten beobachtete Diagnose. Daher lohnt sich ein Blick auf das passende Schuhwerk. Viele Basketballer machen es vor und tragen spezielle Schuhe, die am Schaft über die Knöchel hinweg erhöht sind.

Dallas Mavericks v Phoenix Suns
Basketballschuhe sind oft höher geschnitten und bieten mehr Stabilität © Getty Images

Meistens ziehen sich Basketballer einen Bänderriss am Sprunggelenk zu, wenn sie nach dem Sprung auf dem Fuß eines Gegenspielers landen. Kontaktverletzungen sind hingegen selten.

Aber auch im Alltag gibt es Situationen, die es zu vermeiden gilt, um einer Verstauchung aus dem Weg zu gehen. So erhöhen etwa Schuhe mit hohen Absätzen die Gefahr, mit dem Fuß umzuknicken. Flache Schuhe bieten mehr Stabilisation und verringern das Risiko einer unnatürlichen Bewegung.

Dr. med. Florian Dreyer ist Facharzt für Orthopädie und leitender Oberarzt im Zentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie der Schön Klinik München Harlaching. Neben der Durchführung von über 3500 Operationen an Fuß und Sprunggelenk werden hier in einem der weltweit größten Schwerpunktzentren internationale Sportler aus Breiten-, Leistungs- und Spitzensport mit medizinischen Fragestellungen zu Fuß und Sprunggelenk betreut und versorgt. Seit 2007 betreut er die Bob- und Skeleton-Nationalmannschaft des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland. Dr. Dreyer war 2018 als Olympiaarzt bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang tätig. Seit einigen Jahren leitet er zudem das medizinische Team der Beachhandball-Nationalmannschaften des Deutschen Handballbundes. Neben der Versorgung von internationalen Leistungssportlern fungiert er zudem als Ansprechpartner für leistungsorientierte Mannschaften diverser Sportarten im Großraum München.

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