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München - Im ersten Interview nach seinem HSV-Wechsel spricht Sven Ulreich über die Gründe seines Bayern-Abschieds, seine Ziele im Norden und verrät, was er über Nübels Transfer denkt.

Gut gelaunt nimmt Sven Ulreich vor der großen HSV-Raute Platz und grüßt mit "Moin". Das für ihn jahrelang gewohnte "Servus" aus dem Süden passt nicht mehr in den Norden. Dort, wo er jetzt dafür sorgen soll, dass nach zwei Jahren Abstinenz der Aufstieg in die Bundesliga klappt: Beim Hamburger SV.  

Der 32-Jährige wechselte erst am vergangenen Wochenende zum Traditionsverein. Zuvor erwies sich Ulreich fünf Jahre lang als zuverlässiger und im Verein beliebter Vertreter von Manuel Neuer.  

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der Neu-Hamburger erstmals über die echten Gründe seines Wechsels, seine Ambitionen beim HSV, über seine Lehrjahre hinter Neuer und dessen neuen Stellvertreter Alexander Nübel. 

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SPORT1: Herr Ulreich, haben Sie sich schon an das "Moin" gewöhnt?

Sven Ulreich: Ja, aber manchmal rutscht mir noch das ‚Servus‘ raus. Dafür habe ich von dem ein oder anderen schon eine Ohrfeige kassiert (lacht).

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SPORT1: 4:3-Sieg bei Ihrem ersten Einsatz im Testspiel gegen den FC Fredericia am Donnerstag. Sind Sie zufrieden? 

Ulreich: An den Gegentoren können wir noch arbeiten, aber es hat Spaß gemacht, auf dem Platz zu stehen. Die Jungs haben ein fußballerisch sehr hohes Niveau. Wir haben den Ball nicht nur nach vorne gekloppt, sondern laufen lassen. Das gefällt mir. Es war ein guter Einstand. 

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HSV? "Für mich ist es kein Rückschritt"

SPORT1: Aber noch kein sehr guter? 

Ulreich: Wenn ich jetzt noch ein Haus oder eine Wohnung finde, ist alles absolut positiv. Momentan wohne ich noch im Hotel. Ich möchte, dass meine Familie schnellstmöglich zu mir nachkommen kann. Ich bin ein absoluter Familienmensch. 

SPORT1: Warum der Wechsel zum Hamburger SV? 

Ulreich: Mich hat die Aufgabe gereizt. Ich hatte schon seit ein paar Wochen mit dem HSV Kontakt. Hamburg war für mich schon immer ein Hingucker. Ich freue mich, jetzt hier zu sein. 

SPORT1: Ist der Wechsel in die zweite Liga ein Rückschritt für Sie? 

Ulreich: Nein, für mich ist es kein Rückschritt. Ich kann mich hier weiterentwickeln und will helfen, unsere Ziele zu erreichen. Hier herrscht ein gutes Klima und die Spieler wissen, um was es geht. Trotzdem müssen wir hart arbeiten. Das werde ich den jungen Spielern auch vermitteln. In der zweiten Liga bekommen wir nichts geschenkt. 

SPORT1: Sind Sie ab sofort die HSV-Eins? 

Ulreich: Ich bin hierhergekommen, um mehr Spielzeit zu bekommen. Ich hoffe, dass das der Fall sein wird. 

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SPORT1: Wer hat Sie geködert?  

Ulreich: Die Gespräche mit Michael Mutzel (Sportdirektor, d. Red.) und Jonas Boldt (Vorstand Sport, d. Red.) waren super. Ich war sofort von dem Projekt überzeugt. Davon möchte ich ein Teil sein. 

"Ich bin sehr zurückhaltend"

SPORT1: War für Sie auch die Besetzung des Torwarttrainers von Bedeutung? 

Ulreich: Ich schaue mir alles an. Die Spielidee von unserem Cheftrainer Daniel Thioune hat mich überzeugt. Ich habe mich aber auch umgehört, wie unser Torwarttrainer Kai Rabe arbeitet und was er für ein Typ ist. Wir verstehen uns gut und werden uns gut ergänzen. 

Sven Uleich (r.) nach dem Gewinn der Champions League
Sven Uleich (r.) nach dem Gewinn der Champions League © Imago

SPORT1: Sind Sie von nun an der Star der 2. Bundesliga? 

Ulreich: Nein und Starallüren habe ich ohnehin nicht. Ich möchte hier einfach spielen und erfolgreich sein. Mag sein, dass man anders hinschaut, wenn einer vom FC Bayern kommt. Das will ich aber gar nicht. Ich bin sehr zurückhaltend und stelle mich in den Dienst der Mannschaft. 

SPORT1: Ihr Freund Christian Träsch hat Sie jetzt schon als die beste Nummer eins der zweiten Liga bezeichnet. 

Ulreich: Ich freue mich darüber, wenn er sowas sagt, denn er war ein super Kicker und ist ein guter Kumpel von mir. Ich werde versuchen, das in den nächsten Monaten zu beweisen. 

SPORT1: 2012 grätschte Sie Paolo Guerrero im HSV-Dress rüde an der Eckfahne um. Kamen schon Erinnerungen hoch? 

Ulreich: Die Medienabteilung hier hat zu meinem Start ein lustiges Video produziert. Da war die Szene auch zu sehen. Damals ist zum Glück nichts passiert. Paolo und ich haben danach miteinander gesprochen, daher ist das Thema gegessen. Aber es ist eine Anekdote, die mir immer im Kopf bleiben wird.

SPORT1: Warum haben Sie die Rückennummer 26 gewählt? 

Ulreich: Die eins hat Daniel (Heuer Fernandes, d. Red.) und ich habe nachgefragt, welche Nummer frei ist. Die 26 habe ich beim HSV behalten, weil ich damit gute Momente beim FC Bayern hatte, seitdem ich die 23 an Arturo Vidal abgegeben habe. 

"Jerome hat gesagt: 'Boah, Hamburg kann ich dir nur empfehlen'" 

SPORT1: Sie wurden im Juni 2019 in die Nationalmannschaft berufen. Träumen Sie noch von Ihrem ersten Länderspiel? 

Ulreich: Nein, überhaupt nicht. Ich habe die Nationalmannschaft derzeit nicht auf dem Schirm und möchte mich in Hamburg wieder reinarbeiten. Ich habe mich über die Nominierung damals aber sehr gefreut, weil meine Leistungen honoriert wurden. 

SPORT1: Jérôme Boateng spielte von 2007 bis 2010 beim Hamburger SV. Haben Sie mit ihm über den HSV gesprochen? 

Ulreich: Ja, haben wir. Allerdings zu einem Zeitpunkt, als es danach aussah, dass der Wechsel zum HSV doch nicht klappt. Er hat aber sofort gesagt: 'Boah, Hamburg kann ich dir nur empfehlen.' 

SPORT1: Wollten oder mussten Sie beim FC Bayern gehen? Ihr Vertrag wäre 2021 ausgelaufen.  

Ulreich: Ich wollte gehen. Die Bayern haben mit Alexander Nübel einen Torwart verpflichtet, der für die Zukunft eingeplant ist. Aber unabhängig von seinem Wechsel: Ich hätte mich nicht damit zufriedengegeben, noch ein Jahr auf der Bank zu sitzen und nicht regelmäßig Spiele zu bekommen. 

SPORT1: Sind Sie traurig über den Abschied? 

Ulreich: Einerseits ja, andererseits ist im letzten halben Jahr aber die Idee gereift, dass ich gehen möchte. Ich wollte diese neue Herausforderung und bin froh, dass der Wechsel nach Hamburg noch geklappt hat, denn damit hatte ich nicht mehr gerechnet. 

SPORT1: Haben Sie sich schon von ihren ehemaligen Mitspielern verabschieden können? 

Ulreich: Leider noch nicht persönlich, weil alles sehr schnell ging. Das hole ich aber nach, wenn ich mal wieder in München sein sollte. Durch die Bank weg haben mir aber alle geschrieben, dass sie mich vermissen werden, mir alles Gute wünschen und den Schritt nachvollziehen können. 

"Manchmal war es zu viel, aber ich bin sehr loyal"

SPORT1: Sie waren auch bei den Bayern-Fans sehr beliebt.  

Ulreich: Das bedeutet mir sehr viel und natürlich habe ich das mitbekommen. Vor allem über Social Media oder Fanbriefe. Es ist wichtig, dass man authentisch ist und mit Herzblut dabei. Die Fans merken, wenn man alles gibt.  

SPORT1: Haben Sie sich deshalb immer wieder lautstark von der Ersatzbank eingeschaltet und sich sogar Gelbe Karten eingefangen?  

Ulreich: Egal welche Aufgabe ich in meinem Leben angegangen bin, ich habe immer sehr viel Herzblut reingesteckt. Die letzten Jahre als Nummer zwei wollte ich mit Leben füllen und mit vollem Herzen dabei sein. Manchmal war es zu viel, aber ich bin sehr loyal. Wenn ich schon nicht auf dem Platz stand, wollte ich von außen Inputs geben. Aber ich erwarte das von niemandem. Nur, dass man sich in den Dienst der Mannschaft stellt. 

SPORT1: Sie haben in den fünf Jahren 14 Titel mit den Bayern gewonnen. Welcher war der emotionalste? 

Ulreich: Die Deutsche Meisterschaft in der Saison 2017/18. Ich habe ein ganzes Jahr lang gespielt, deswegen war das für mich ein sehr ehrlicher Titel. Der Champions-League-Triumph war für die Mannschaft das Nonplusultra. Daran werde ich mich immer gerne zurückerinnern. 

SPORT1: Fiel es Ihnen manchmal schwer, als Nummer zwei mitzujubeln? 

Ulreich: Ja, es gab Tage, an denen es schwer war. Man ist ein Teil des Teams und trägt viel dazu bei, dass man Erfolg hat und die Stimmung in der Mannschaft gut ist. Wenn man die Spiele gewinnt und man nicht selbst auf dem Platz steht, ist aber schon ein weinendes Auge dabei. Man ist traurig. Die letzten Monate haben mir gezeigt, dass ich wieder mehr miterleben und genießen möchte. Auf dem Platz zu stehen hat mir gefehlt. Das ist der Grund, warum ich gewechselt bin. 

SPORT1: Was haben Sie von Manuel Neuer gelernt? 

Ulreich: Ich habe mir einiges abschauen können. Wie er sich bewegt ist klasse. Auch von Toni Tapalovic habe ich einiges gelernt. Ich bin durch meine Jahre in München ein anderer Torwart geworden. Mit Manuel hatte ich ein super Verhältnis. Das werden wir über die Distanz sicher aufrechterhalten. Er ist ein toller Mensch mit einem tollen Charakter und ein überragender Torhüter. 

"Taktisch gesehen war Guardiola bisher das Nonplusultra"

SPORT1: Tat es gut, als er Sie in den vergangenen Monaten regelmäßig öffentlich gelobt hat? 

Ulreich: Es ist eine Ehre und Auszeichnung, wenn der beste Torhüter der Welt so über mich spricht und meine Stärken anerkennt. Wir hatten untereinander immer ein gutes Verhältnis in unserem Torwart-Team. So will ich das hier in Hamburg mit Daniel und Tom (Mickel, d. Red.) auch haben. 

SPORT1: Wie schafft man das? 

Ulreich: Indem sich jeder zu eigener Bestleistung pusht. Wenn man auch Spaß hat im Training und zusammen lacht. Auch mal außerhalb des Platzes etwas zusammen zu machen, tut einem Torwartteam gut.

SPORT1: Welcher Bayern-Trainer bleibt Ihnen in besonderer Erinnerung? 

Ulreich: Das muss man differenziert sehen, denn ich habe einige erlebt. Taktisch gesehen war Pep Guardiola bisher das Nonplusultra. Von der Menschenführung her waren es Jupp Heynckes und Hansi Flick. Sie sind mit der Mannschaft super umgegangen. Zudem hatten und haben sie auch gute taktische Erkenntnisse. 

SPORT1: Wie war ihr Verhältnis zu Hansi Flick? 

Ulreich: Sehr gut. Er hat viel mit mir gesprochen und mich auch mal zur Seite genommen. Er hat mich gefragt, wie ich aufgrund meines Alters gewisse Dinge sehe und was ich in Zukunft machen möchte. Wir waren immer offen und ehrlich zueinander. Es freut mich, dass er anerkannt hat, was ich alles für die Mannschaft leiste, obwohl ich nicht gespielt habe. Das ist ein schönes Zeichen. 

"Alex ist ein talentierter Torhüter"

SPORT1: Vom Wechsel von Alexander Nübel erfuhren Sie und die anderen Torhüter erst, als Sie Anfang dieses Jahres im Flugzeug auf dem Weg nach Doha waren. Hasan Salihamidzic informierte Sie. Was ging in Ihnen in diesem Moment vor? 

Ulreich: Wir haben schon vorab immer mal wieder Infos bekommen, dass an den Gerüchten was dran ist und dieser Wechsel kommen könnte. Und es stimmt, ich wurde darüber erst im Flieger informiert, während der Transfer fast zeitgleich offiziell bekannt wurde. Das hätte man anders lösen können. Natürlich war ich in dem Moment enttäuscht, aber ab diesem Zeitpunkt war mir bewusst, dass ich umsetzen will, was ich schon lange im Kopf hatte: Endlich wieder spielen zu wollen. 

Ulreich im Trikot des Hamburger SV
Ulreich wechselte nach fünf Jahren Bayern zum Hamburger SV © Imago

SPORT1: Trauen Sie Nübel zu, eines Tages die Eins beim FC Bayern zu werden? 

Ulreich: Alex ist ein talentierter Torhüter. Natürlich muss er sich noch weiterentwickeln und konnte in den letzten Jahren nicht so viel Bundesligaerfahrung sammeln. Mit Toni Tapalovic hat er aber einen Fachmann an seiner Seite, durch den er einen Schritt nach vorne machen kann. Wie ich auch. Ob es dann schlussendlich reicht, dass mag ich nicht zu beurteilen. 

SPORT1: Sie wechselten 2015 als Nummer eins vom VfB Stuttgart zum Bayern. Gibt es Ähnlichkeiten zum Nübel-Wechsel?  

Ulreich: Es gibt Ähnlichkeiten, aber als ich zum FC Bayern gewechselt bin hatte ich 150 Bundesligaspiele auf dem Buckel, war etwas älter und hatte schon einige Partien in der Europa League absolviert. Es war eine super Zeit in Stuttgart und ich wollte den nächsten Schritt machen. Dass ich so lange die Nummer zwei beim FC Bayern war, damit habe ich ehrlicherweise nicht gerechnet. Mein Gedankenspiel war, nur ein oder zwei Jahre die Zwei zu sein. Dann hatte ich die Saison 2017/18, in welcher ich viel gespielt habe, da Manuel wegen eines Mittelfußbruches lange ausfiel. Ich habe daher entschieden, dass ich bleibe. Für mich war es eine  schöne Zeit mit vielen Erfahrungen. Ich würde wieder zum FC Bayern wechseln.  

SPORT1: Hätten Sie Ihren Platz hinter Neuer verteidigt, wenn Sie geblieben wären? 

Ulreich: Die Frage stellt sich nicht mehr – ich bin froh, dass ich jetzt beim HSV bin. Ich habe regelmäßig meine Leistung in München gebracht und kann mir nichts vorwerfen. Ich war ja auch in den ersten Spielen im Kader. Den FC Bayern werde ich immer in positiver Erinnerung behalten.

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