vergrößernverkleinern
© SPORT1-Grafik/Imago
Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - In seiner Kolumne zum 70. von Franz Beckenbauer erzählt Bundesliga-Aktuell-Chefreporter Christian Ortlepp seine schönsten Erlebnisse mit dem Kaiser.

Es sind die kleinen Gesten, die zeigen, wie groß die Persönlichkeit ist.

Kaum ein anderer lebt dieses Motto so sehr wie Franz Beckenbauer.

Seit über 20 Jahren darf ich als Reporter den "Kaiser" begleiten und immer wieder beeindruckt er mich mit seiner Menschlichkeit. Komplett frei von Allüren. Voll mit Witz und Lebensfreude. Beispiele gefällig? Gerne doch!

Anzeige

Fotoshooting mit dem Kaiser: Franz hält der Fotografin wie selbstverständlich die Türe auf. Beim TV-Dreh fragt er den schwer schleppenden Kameramann, ob er ihm eine Tasche abnehmen kann und darf.

Er gibt dir vor dem Gespräch immer die Hand, schaut dir immer (tief) in die Augen. Und egal, wie oft Fans ihn auch um Autogramme bitten: Er unterschreibt. Und erfreut die Fans meist noch mit einem lockeren Spruch. Selbst im bittersten Moment nach dem Last-Minute-K.-o. in Barcelona erfüllte Beckenbauer beim Mitternachtsbankett Fans und Sponsoren jeden Wunsch.

TSV 1860 Muenchen II v FC Bayern Muenchen II - Regionalliga Bayern
TSV 1860 Muenchen II v FC Bayern Muenchen II - Regionalliga Bayern © Getty Images

Zum ersten Mal - über einen längeren Zeitraum - sind Franz Beckenbauer und ich uns 1998 in Frankreich über den Weg gelaufen. Für den Pay-TV-Sender Premiere, der damals noch in Hamburg stationiert war, durfte ich als jüngstes Mitglied eines zwölfköpfigen Reporterteams zur WM.

Der Kaiser war mit seiner Sendung "Schaun mer mal" der zentrale Bestandteil der Berichterstattung des Senders. Für mich galt schon damals: Der Franz ist ganz oben, er ist das Fußballgesetz. Über ihm kommt in diesem Sport nichts mehr.

Und dann auch noch während der kompletten WM - unter einem Dach. Mehr geht nicht mehr. Mehr kommt nicht mehr. Dachte ich…

Eines Tages hat Herr Beckenbauer dann nach dem Frühstück am Hotelpool den Ball ausgepackt.

"Danteln" war angesagt, also Ball hochhalten. "Jetzt zoang mas den Hamburgern", war des Kaisers Befehl. Gut, ich war damals bei Premiere der einzige Bayer - das war mein Vorteil im Reporter-Team voller Nordlichter. Nervosität pur, ich habe mir fast in die Badehose gemacht.

Und dann warf der Kaiser den Ball zu mir. 1.000 Gedanken - alle falsch. Falsche Annahme, Kugel versprungen, Ball direkt in den Pool versenkt. Mir war das hochpeinlich. Aber der Franz, für mich bis dahin noch ehrfurchtsvoll "Herr Beckenbauer", hat nur lächelnd gemeint:

"Du bist also auch nicht besser als die anderen. Bleib Reporter - und jetzt darfst du Franz zu mir sagen."

Ich habe dann erstmal von Frankreich aus jeden angerufen, den ich erreichen konnte, und die Sensation verbreitet: DER Franz hat mir das Du angeboten! Damals gab es gerade einmal ein Handy - E-Mail-Accounts, Twitter, Facebook, Instagram und Co. waren ferne Zukunft.

Szenenwechsel, Jahre später, und in der Zwischenzeit natürlich durch unendlich viele Interviews den Kaiser "genervt": Ich kam von einem Dreh bei Lothar Matthäus während dessen Zeit im israelischen Netanya. 35 Grad, totale Hitze.

Noch keine Sekunde zurück in München, kam noch am Flughafen der Anruf der SPORT1-Redaktion: Sofort zum Kaiser - Golfturnier irgendwo in Tirol!

Dort angekommen, in einem Poloshirt bei Schneeregen - ein Traum! Ich wartete bibbernd vor einer abgesicherten Hütte, wo er ja vorbeikommen musste. Eintritt nur für VIPs und Spieler.

In Tirol heißt das "Adabei". Als mich der Franz erblickte, kam er schnurstracks auf mich zu. "Ja, Christian, bist du narrisch - wo kimmst du denn her? Hoast nix mehr zum o ziehn?"

Meine Antwort: "Du Franz, ich komme direkt vom Lothar aus Israel." "Komm' mit, wir gehen erst einmal eine Griesnockerlnsuppe essen. Mich friert's, und so wie du ausschaust, dich sicher auch."

Fast hätte ich das Interview vergessen, das Gespräch ging - wieder einmal - über Lothar Matthäus.

Ich hoffe, dass ich bis zu seinem 100. Geburtstag noch desöfteren den Spruch "Christian, na bitte ned, geh' mir net auf´n Zeiger!" hören werde.

Das liest sich schroffer als es ist, denn schon im gleichen Atemzug kommt der Satz: "Was brauchst denn? Is denn scho wieder was bei die Bayern passiert?"

Einen Satz, den ich vom Franz am liebsten noch 70 Jahre hören möchte.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image