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Cristiano Ronaldo lässt sich für den guten Zweck die Haare schneiden
Cristiano Ronaldo lässt sich für den guten Zweck die Haare schneiden © Getty Images
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Andre Schubert ist nicht Harry Potter, Jupp Heynckes ist dafür Johnny Cash und Campino Uli Hoeneß. Hoffmanns Erzählungen über die Freuden einer Sprachfigur.

Es gibt bei Pressekonferenzen bestimmte Fragen, die müssen kommen.

Fragen, die zum Teil auch mit genau diesen Worten eingeleitet werden: Herr Soundso, die Frage muss kommen...

Man selbst, so die Botschaft, also persönlich, man würde die nette Runde ja jetzt nicht mit dieser Frage belasten wollen, aber die Leute da draußen, der Leser, der Zuschauer und die alle, was wolle man machen, man tue ja auch seine Pflicht, nicht wahr. Man müsse folglich auch mit den Fragen kommen, die kommen müssen.

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Was das für Fragen sind? Blicken wir an dieser Stelle auf eine, die in dieser Fußballwoche wohl mehr als alle anderen kommen musste - die an den Trainer Andre Schubert gerichtete Frage: "Herr Schubert, sind Sie der Harry Potter von Mönchengladbach?"

Martin Hoffmann
Martin Hoffmann © SPORT1

So eindeutig diese Frage kommen musste: Der Reporter, der sie formulierte, ist nichtsdestoweniger für seine bemerkenswerte journalistische Sauberkeit zu würdigen. Viel zu oft nämlich werden derartige Zuschreibungen einfach nur so, leichtfertig und im nicht ausrecherchierten Zustand in den digitalen Raum hineingestellt.

"Die Angela Merkel des Showgeschäfts" (Helene Fischer), "der Gandhi des Internet" (Edward Snowden), "der Justin Bieber der Wirtschaftswissenschaften" (Thomas Piketty), "der Jürgen Drews der philosophischen Colloquien" (Richard David Precht): Wird alles gern einfach mal hinbehauptet, ohne dem Objekt der Berichterstattung die Gelegenheit für eine Bestätigung oder ein Dementi des Sachverhalts zu geben.

Vossianische Antonomasie nennt sich das Stilmittel: Um Person 1 anschaulich zu beschreiben, wird eine andere, allgemein bekannte Person 2 in den Text eingeführt, deren Charakteristika dem Leser ein fassbares Bild von Person 1 vermitteln.

Klingt kompliziert, ist aber ein recht einfacher und im besten Fall auch pfiffiger Trick, der folglich auch sehr populär ist - man kann, grob gesagt, vom Harry Potter unter den Sprachfiguren sprechen.

FC Bayern Muenchen v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga
FC Bayern Muenchen v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga © Getty Images

Der Blog Der Umblätterer (die Quellenangabe muss kommen) hat zahlreiche besonders prachtvolle und tatsächlich exakt so veröffentlichte Exemplare auf seiner Seite gesammelt, ein Kompendium, aus dem sich auch über den Fußball einiges lernen lässt.

Man lernt, wer der Johnny Cash des deutschen Fußballs ist (Jupp Heynckes), der Ludwig Erhard des FC Bayern (Karl Hopfner), die New York Yankees der 2. Bundesliga (Hertha BSC, anno 2010), der Michael Jordan des Frauenfußballs (Mia Hamm).

Umgekehrt birgt das eigene Fußballfachwissen auch einiges an Erkenntnispotenzial für andere Kulturkreise: Es lässt sich nachvollziehen, wer der FC Bayern der TV-Unterhaltung ist (Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf), der Uli Hoeneß der deutschen Rockszene (Campino), der Michael Ballack der Politik (Guido Westerwelle), der Lionel Messi der Feuerwerkskunst (Joachim Berner), der Cristiano Ronaldo der österreichischen Innenpolitik (Karl-Heinz Grasser), der Jürgen Klopp der Situation (Enrico Lübbe).

VfL Borussia Monchengladbach v Juventus FC - UEFA Champions League
VfL Borussia Monchengladbach v Juventus FC - UEFA Champions League © Getty Images

Als Harry Potter von Mönchengladbach hätte sich Andre Schubert an dieser Stelle wunderbar einreihen können - zwischen dem Harald Schmidt der Facebook-Generation (Jan Böhmermann) und dem Heino der deutschen Literatur (Maxim Biller).

Er hätte die Chance nur beim Schopfe packen müssen, hätte nur die Antwort geben müssen: Ja, ich bin der Harry Potter von Mönchengladbach - so wie einst auch Toni Polster auf die Frage, ob er die Heidi Klum des österreichischen Fußballs sei, mit "Ja, ich bin die Heidi Klum des österreichischen Fußballs" antwortete.

Andre Schubert antwortete auf die Frage, ob er der Harry Potter von Mönchengladbach sei, aber leider sinngemäß mit: nein.

Schade eigentlich. Aber man muss auch mit so etwas rechnen. Nicht jeder, dem man die Gelegenheit bietet, sich in einer Vossianischen Antonomasie zu verewigen, kann ein Jürgen Klopp der Situation sein.

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