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Kommentar von Laura Schlüter zu Lothar Matthäus
Lothar Matthäus (r.) arbeitet als TV-Experte bei "Sky" © SPORT1-Grafik: Getty Images
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München - TV-Experte Lothar Matthäus schlägt mit seiner Kritik an Per Mertesacker klar über die Stränge. Das Machogeschäft Fußball vergibt eine große Chance. Ein Kommentar von Laura Schlüter, der Leiterin New Platforms von SPORT1.

Brechreiz ist eigentlich genau das richtige Stichwort. So wie Per Mertesacker damit vor jedem Fußballspiel als Profi zu kämpfen hatte, verspüre ich einen ähnlichen Impuls, wenn ich über die aktuellen Statements von Lothar Matthäus nachdenke. Ich meine das nicht persönlich, es ist nur so symptomatisch.

Konkret meine ich Matthäus' Reaktion auf die Offenbarung von Per Mertesacker in der aktuellen Ausgabe des Spiegel. Der Ex-Nationalspieler spricht darin über einen nahezu nicht aushaltbaren Leistungsdruck, den er von Beginn seiner Karriere an abzuwehren versuchte. Mit Brechreiz. Fußzittern vorm Einschlafen. Durchfall am Morgen.

"Wie will er nach diesen Aussagen weiter tätig sein im Profifußball? Er hat doch die Idee, im Nachwuchs zu arbeiten. (…) Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist. Das geht nicht."

Für die, die Herrn Matthäus am Samstag nicht live bei Sky gesehen haben und dies so womöglich nicht gleich glauben wollen: Doch, doch, das hat er so gesagt. Genau so.

Verhaltensmuster, die an die Steinzeit erinnern

Da sitzt also ein Vorbild, ein Idol, eine Legende im deutschen TV und verballert einen Elfmeter derartig, dass das Zusehen Schmerzen bereitet. Schuld daran vermutlich: Denkweisen, Ansichten und Verhaltensmuster, die an die Steinzeit erinnern.

Offen wie nie! Mertesacker rechnet mit "System Fußball" ab

Dabei wäre es genau in diesem Moment am Samstag so gut gewesen, die Vorlage von Per Mertesacker zu verwandeln, ihn schlicht reinzumachen. Also: Verständnis zu zeigen und damit den Weg zu bereiten in ein modernes Zeitalter, in dem sogar Profifußballer offen zu dem stehen können, was sie mitunter sind: zweifelnd, schwach, sensibel, schwul.

Man könnte auch sagen: Normal. Oder auch: Mensch.

Es geht nicht um Mertesacker

Schon kurze Zeit nach dem Erscheinen der bewegenden Aussagen des Weltmeisters Mertesacker im Spiegel ist also klar: Hier geht es nicht nur um diesen einen Fußballprofi, sondern um den einen Profifußball. Hier geht es nicht nur um den Spieler, der kurz vor seinem Karriereende seinen persönlichen Befreiungsschlag raushaut. Es geht um eine von Männern dominierte Machowelt, in der auch im Jahr 2018 immer noch niemand seine Schwächen zeigen darf.

Geschweige denn wird von der Mehrheit erkannt, dass genau dieser Mut zur Schwäche eine unheimliche Stärke ist. Dies zu erkennen, wäre am vergangenen Bundesligawochenende eine riesige Chance gewesen, mehr Toleranz in das Geschäft bringen. Diese Chance haben wir alle vertan.

Ziemlich gut erkannt hat das dennoch Mertesackers Ex-Kollege aus Werder-Zeiten, Ivan Klasnic.

"Da gibt es harte Kerle und dann die noch härteren Kerle wie @mertesacker, die sich trauen das zu sagen was mit Sicherheit vielen auf der Seele brennt!"

Akzeptanz von Schwäche muss das Mindeste sein

Das Erschreckende ist also nicht der Umstand, dass ein Nationalspieler bei der WM 2006 froh über das eigene Ausscheiden ist. Froh, dass der kaum auszuhaltende Druck endlich aufhört: "Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien im Halbfinale ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei."

Das eigentlich Besorgniserregende ist doch viel mehr der Umgang damit. Unser Umgang damit, der der Medien und der Gesellschaft.

In meinen Augen muss man Per Mertesacker für seine Aussagen nicht bedingungslos feiern (Ich tue es, aber das ist unerheblich). Eine Akzeptanz aber muss doch das Mindeste sein. Man(n) sollte aufhorchen, zuhören, abwägen, hinnehmen. Stattdessen wird ein reflektierter, intelligenter, sensibler Mann, ein Idol für viele Fußballfans, öffentlich für seine persönlichen Gedanken kritisiert und innerhalb von wenigen Momenten verurteilt. Und nicht nur das. Lothar Matthäus spricht ihm sogar seine Kompetenz für jegliche Jobs im Profifußball ab. Ein Umstand, der für mich schlicht unverschämt ist und mit "Meinung" nicht viel zu tun hat.

Per Mertesacker wird im Mai seine Karriere als Profifußballer beenden und nach einer kurzen Pause die Nachwuchs-Akademie beim FC Arsenal leiten. Was für eine kluge Entscheidung des Vereins!

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