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London - Vor dem Champions-League-Rückspiel zwischen Ajax und Tottenham traf SPORT1 DAZN-Experte Per Mertesacker zum Interview. Ein Gespräch über Mentoren, Bildung, Tabuthemen und anfällige Spielertypen.

Um Per Mertesacker an seinem Arbeitsplatz anzutreffen, fährt man nicht mit dem Zug nach Hannover oder Bremen.

Man muss nach London reisen, denn der Weltmeister von 2014 hat sich, ganz bewusst, den FC Arsenal als ersten Arbeitgeber für die Zeit nach seiner langjährigen Profi-Karriere ausgesucht. Seit 2018 ist er bei den Gunners Leiter der Akademie und nebenbei als Champions-League-Experte bei DAZN (Champions League: Ajax Amsterdam - Tottenham Hotspur, Mittwoch um 21 Uhr live auf DAZN) zu sehen.

Zum Interviewtermin mit SPORT1 erscheint der 34-Jährige in unauffälliger, blauer Jeans und T-Shirt. Kein Bling-Bling, kein teurer Maßanzug. So, wie man ihn kennt.

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Was aber auffällt: Riese Mertesacker (1,99 cm) wirkt trotz seiner erfolgreichen Vita inmitten der vielen Arsenal-Talente nahbar. Sein lautes Lachen, wenn ihm eine Frage besonders gut gefällt, sticht heraus. Ebenso wie seine klare Haltung zu jedem Thema. Teil 1 des Interviews.

SPORT1: Herr Mertesacker, wir treffen uns an Ihrem Arbeitsplatz im Norden Londons und nicht in Deutschland. Warum Arsenal?

Per Mertesacker: "Ich habe mich auf nichts anderes eingelassen und mich bereits ein Jahr vor dem Ende meiner aktiven Spielerkarriere für diesen Job entschieden. Der eigentliche Plan war zwar, nach Deutschland zurückzukehren, aber meine Familie fühlt sich hier sehr wohl und wollte gern bleiben. Für mich ist das eine gute Gelegenheit, Praxiserfahrung im Ausland zu sammeln, die ich irgendwann in Deutschland nutzen möchte. Ich habe großen Respekt vor einer Funktionärs-Position in Deutschland. Dafür braucht man Ausbildung und Erfahrung. Arsenal gibt mir die Möglichkeit dazu. Das ist eine große Ehre."

SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg (l.) traf Per Mertesacker auf dem Gelände der Jugend-Akademie im Norden Londons.
SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg (l.) traf Per Mertesacker auf dem Gelände der Jugend-Akademie im Norden Londons. © SPORT1

Als Kapitän in ihren Mannschaften waren Sie bereits eine Führungspersönlichkeit. In der Arsenal-Akademie sind Sie jetzt Führungskraft. Haben Sie Vorbilder für diese Rolle?

"Nein. Im Verein hat aber unser CEO Raul Sanllehi einen riesigen Erfahrungsschatz. Er ist mein Mentor, mit dem ich zusammenarbeite, oft zusammensitze und von dem ich extrem viel für die Zukunft lernen kann. Er ist ein Vorbild, das mich in den nächsten Jahren prägen wird."

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Beschäftigen Sie sich auch privat mit dem Thema Führung oder bilden sich dahingehend weiter?

"Ich habe schon immer versucht, Verantwortung zu übernehmen und zu führen. Ich lese auch das ein oder andere Buch und beschäftige mich viel mit Basketball. Gregg Popovich (amerikanische Trainer-Legende, d. Red.) hat eine Ära bei den San Antonio Spurs geprägt. Das sind Persönlichkeiten, die mich wirklich interessieren. In seinem Fall frage ich mich: Warum ist er so erfolgreich? Warum kann er auch noch mit der neuen Generation so gut? Die Antwort: Indem man Prinzipien hat und den Jungs klare Aufgaben gibt. Dann läuft das immer, mit jeder Generation. Ich mache auch meine Trainerausbildung und die Premier League bietet Fortbildungen für Akademie-Leiter an."

Warum ist Ihnen der Bildungs-Aspekt in der Ausbildung von jungen Spielern derart wichtig?

"Nur die Wenigsten schaffen es, in den Top-Fußballbereich zu kommen und davon zu leben. Viele Spieler verdienen mit 17 eine gute Mark, aber bekommen wenig später keine Verträge mehr. Dann fallen sie ins Nichts. Meine Frage ist dann immer: Hast du einen Plan B parat und einen Bildungsstand, diesen auch umsetzen zu können? Das ist eine große Herausforderung. Man kann Spieler auch abseits des Platzes ausbilden und das sind Schritte, die ich hier gehen will. Ich will als gutes Beispiel vorangehen. In England und in unserer Akademie ist dahingehend aber noch viel zu tun."

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Sie sagten neulich in einem Bild-Podcast, dass Ihre Mission erst dann erfüllt sei, wenn Sie ihre eigenen Kinder auf die Akademie von Arsenal London schicken würden. Momentan wäre das aber noch nicht der Fall.

"Stimmt. Für mich wäre es ein Erfolg, wenn ich soweit bin, dies zu tun. In diesem Fall wüsste ich, dass sie und die anderen Kinder und Jugendlichen hier die beste Ausbildung bekommen würden, für die ich auch einstehen kann. Ansonsten bekäme ich Probleme mit meiner Gesundheit, wenn ich Eltern von etwas überzeugen müsste, was ich selbst nicht vertreten könnte. Mein Einfluss wird sich aber erst in fünf bis zehn Jahren messen lassen können."

Sie sagten auch, dass es Ihnen wichtig ist, ein Umfeld zu schaffen, in welchem sich junge Menschen öffnen und auch über Tabuthemen sprechen können. Zählt auch das Thema Homosexualität dazu?

"Es ist – neben vielen anderen – ein schwieriges Thema. Die Frage ist, wann der Fußball endlich bereit für solche Themen ist. Das ist die Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Ich habe mich nach der Karriere geöffnet (er verriet in einem Spiegel-Interview aufgrund von Druck und Ängsten jahrelang an Übelkeit gelitten zu haben, d. Red.), Thomas Hitzlsperger (outete sich, d. Red.) auch. Damit wollten wir auch zeigen, dass es für uns vorher ein großes Problem war, darüber zu sprechen und das beiseite zu schieben. Uns war es ein Bedürfnis, es den Menschen in der Zukunft einfacher zu machen. Wir wollten positive Beispiele sein und klarmachen, dass es wichtig für die Persönlichkeit ist, sich frei ausleben zu können. Ich weiß aber auch, dass das ein schwieriges Thema ist und könnte auch unterschreiben, dass der Fußball für das Thema Homosexualität noch nicht bereit ist."

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Bleiben wir beim Fußball: Würden Sie Profis dennoch zu einem Outing während Ihrer aktiven Laufbahn raten? Vielleicht wäre die Reaktion weitaus positiver, als man es sich vielleicht vorstellen kann.

"Es wäre auf jeden Fall ein Versuch wert – auch, um zu sensibilisieren. Für mich würde es auch keinen Unterschied machen. Sei man zusammen unter der Dusche, oder in der Kabine. Was hätte das für ein Ausmaß? Wird man ausgepfiffen oder im Stadion beleidigt? Trotzdem sind das auch sehr private Dinge. Also muss man respektieren, wenn ein Mensch darüber nicht sprechen möchte und nicht alles rauslassen will, was man fühlt oder denkt."

Haben Sie, außer mit Thomas Hitzlsperger, mit einem homosexuellen Spieler zusammengespielt?

"Das weiß ich nicht."

René Adler verkündete im Stern mit 34 Jahren sein Karriereende zum Saisonende und gab offen zu, dass ihn Ängste und Zweifel daran gehindert hätten, das Maximale herauszuholen. Dass seine Karriere ein mentaler Kraftakt gewesen sei. Werden Spieler zukünftig immer früher ihre Karrieren beenden?

"Das kann ich mir gut vorstellen. Auch, weil die Belastung schon früher losgeht. Man wird mit 18, 19 Jahren Nationalspieler. Früher war das auch mit 27 mal der Fall. Die Spiele werden nicht weniger, die Intensität und das Interesse von außen auch nicht. Ich kann mir daher schon vorstellen, dass man nach einer zehnjährigen, intensiven Karriere auch müde ist und etwas Neues machen möchte."

Können Sie Adlers Schritt nachvollziehen?

"Ich kenne ihn. René ist jemand, der viel nachdenkt und seine Schritte genau aussucht. Solche Spieler sind anfällig dafür, über Dinge nachzudenken, sich damit extrem viel zu beschäftigen und nicht alles beiseite zu drücken. Deswegen habe ich sehr großen Respekt vor ihm, weil wir auch eine gewisse Zeit zusammengespielt haben und oft in der Sauna, zu ruhiger Stunde, Gespräche über Themen hatten, die einen auch belasten. Ich freue mich jedenfalls für ihn, dass er jetzt was Neues machen kann."

Themawechsel zum Schluss. Bitte ergänzen Sie. Mesut Özil ist…

"...ein besonderes Talent. Ich hoffe, dass wir (der FC Arsenal, d.Red.) das Beste aus ihm noch herausbekommen."

Per Mertesacker und Mesut Özil waren sowohl beim FC Arsenal als auch in der Nationalmannschaft Teamkollegen
Per Mertesacker und Mesut Özil waren sowohl beim FC Arsenal als auch in der Nationalmannschaft Teamkollegen © Getty Images

Arsène Wenger hat…

"...eine ganz tolle Aura. Von diesem Menschen habe ich extrem viel gelernt."

Jogi Löw soll…

"...die junge neue Generation anführen und ihr wieder zum Erfolg verhelfen."

Serge Gnabry wird…

"...einer der besten Fußballer Europas."

Messi macht…

"...das entscheidende Tor im Champions-League-Finale."

Florian Kohfeldt wirkt…

Mertesacker versteht 'wird' und antwortet direkt: "Nationaltrainer."

Claudio Pizarro erinnert…

"...mich jeden Tag daran, dass ich jünger bin als er, aber es nicht geschafft habe, noch auf diesem Top-Niveau zu spielen."

Per Mertesacker kann…

"...viel mehr als er denkt."

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