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Günter Netzer wird am Samstag 75 Jahre alt. Das schönste Geschenk für einen der besten deutschen Mittelfeldspieler: Er ist mit sich im Reinen.

Günter Netzer war so viel Ehre fast schon unangenehm, es fühlte sich ein bisschen unbehaglich an. Was überrascht, schließlich sollte er so etwas aus seiner langen Karriere zur Genüge kennen.

Als Popstar, als Ikone einer ganzen Fußball-Generation.

Doch eine eigene Ausstellung bei seinem Herzensklub Borussia Mönchengladbach ist dann noch einmal etwas anderes. Auf rund 100 Quadratmetern im Vereinsmuseum "FohlenWelt" kann man die Karriere des ersten Stars im deutschen Fußball nacherleben.

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"Es ist überwältigend, aber ich bin auch ein wenig beschämt, weil ich mich schwer tue, derart gelobt zu werden", sagte Netzer bei der Eröffnung von "Aus der Tiefe des Raumes".

Ein Satz, der alles sagt

Ein Satz, der ihn als Fußballer umschreibt, umschmeichelt. Fünf Worte, die eine ganze Karriere erzählen, seine Art zu spielen, zu zaubern, das Spiel zu zelebrieren. Ein Satz, der im Grunde alles sagt, der sich in Verbindung mit dem dazugehörigen Foto vollends entfaltet.

Netzer: "Es ist ein toller Satz von FAZ-Reporter Karl-Heinz Bohrer, der mir damit einen großen Dienst erwiesen hat. Es ist die eine Szene aus dem England-Spiel, wo ich vom Strafraum nach vorne laufe in hohem Tempo."
Die Gesamtkomposition der Ausstellung, die ihn nicht nur auf diese Worte, so treffend sie auch sein mögen, reduziert, macht ihn stolz: "Es gab kaum einen Tag, an dem ich so beglückt nach Hause gegangen bin."

Das passt ins Bild. Denn Netzer blickt an seinem 75. Geburtstag auf ein "rundum zufriedenes Leben" zurück. 

Was ebenfalls ins Bild passt und eigentlich nur Absicht der Spielplan-Macher sein kann: Dass seine Borussia an seinem Ehrentag zum Derby beim 1. FC Köln antritt. 

Sofort werden Erinnerungen wach, dafür reichen bei ihm Stichworte. Köln. Gladbach. Hennes Weisweiler. Wolfgang Overath. Die wohl beiden besten deutschen Mittelfeldspieler. Ein Duell, das eine Generation in den Bann zog. Und prägte.

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Das Derby am Ehrentag

Das Derby war immer ein großes Spiel. Wegen der gesunden Rivalität, aber auch wegen der Rivalität zu Wolfgang Overath. Es war nicht der 1. FC Köln gegen Borussia, sondern Overath gegen Netzer.

"Das hat uns auf die Palme gebracht. Wir waren nur zwei Spieler dieser großartigen Mannschaften", sagte Netzer.

Er hat sich in den letzten Jahren allerdings ein wenig zurückgezogen. Nicht nur was die Anwesenheit, sondern auch die Begeisterung betrifft.

"Ich gebe zu, die ganz große Begeisterung für den Fußball ist nicht mehr vorhanden", sagte Netzer, der vor drei Jahren eine Herzoperation mit sechs Bypässen hatte, dem "kicker".

Früher habe er sich nicht vorstellen können, jemals ein Spiel im Fernsehen zu verpassen oder große Spiele nicht zu besuchen: "Ich konnte mir allerdings auch nicht vorstellen, dass ich einen Tag ohne Diskotheken auskomme", sagte er lachend. 

Da ist der Verweis auf den Popstar-Status. Denn so genial-exzentrisch er auf dem Platz war, so extravagant war auch das Leben abseits des Rasens. Dem Geschäftsmann Netzer gehörte in Mönchengladbach nicht nur die Discothek "Lovers‘ Lane", er wusste auch, wie er mit seinem Image spielen musste.

Den Wert gesteigert

"Das habe ich immer genüsslich zur Kenntnis genommen, es hat mir ja nicht geschadet. Deswegen habe ich dagegen nicht opponiert", sagt er.

Geliebt hat er die Öffentlichkeit nicht, auch wenn es danach aussah. Der Ruf hat aber den Wert gesteigert und die Kasse vollgemacht. Netzer fand nicht nur im Sportteil statt, sondern auch im Feuilleton oder in Mode-Magazinen und Auto-Zeitschriften.

Netzer: "Es war eben alles etwas ungewöhnlich, allein wie ich umher gelaufen bin. Das fand nicht immer meine Zustimmung, das habe ich auch getan, um die Freundinnen zufrieden zu stellen."

Er war nicht nur auf dem Platz ein Ästhet. "Ich habe schöne Autos immer geliebt, so wie ich schöne Dinge immer geliebt habe. Die Ästhetik hat immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt."

Heute sei er kein vielbeschäftigter Mann mehr, "ich bin ein konsequenter Mann. Das gehört zu meinen Lebensprinzipien. Ich habe alles, was ich gemacht habe, mit einem Schlag aufgegeben. Das ist mir nicht schwer gefallen. Ich habe immer aufgehört, wenn ich das Gefühl hatte, dass es genug ist. Das war als Fußballspieler so, das war als Manager beim Hamburger SV und beim Fernsehen so."

Oft wirkte es zu früh. Für ihn war es aber genau richtig, weil er Wiederholungen hasst. Er wollte immer selbst entscheiden, wenn die Zeit reif war für Veränderungen.

"Da ich selbst mein größter Kritiker bin, habe ich immer den idealen Zeitpunkt gesucht, aufzuhören." Das hat er zweifellos geschafft. Peinliche Abgänge oder einen überschrittenen Zenit kann man ihm nicht vorwerfen.

Netzer war als Gladbacher Junge einer der Hauptdarsteller der legendären Fohlen der 70er Jahre, wurde mit den Borussen 1970 und 1971 deutscher Meister und 1973 Pokalsieger, eher er zu Real Madrid wechselte und dort zweimal spanischer Meister sowie Pokalsieger wurde.

37 Länderspiele absolvierte er, wurde 1972 Europa- und 1974 Weltmeister.

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Facettenreiche Karriere

Seine Karriere war facettenreich, er war nicht nur Fußballstar, sondern auch Erfolgsmanager, Stil-Ikone, Lebemann, Unternehmer, Autoliebhaber, Fernsehkommentator und Grimme-Preis-Träger.

Die blonde Mähne war Kult, sein Markenzeichen, Ferrari und Jaguar seine Autos. Ein Rebell. Vorbild. Regisseur. Die klassische 10.

Aber auch einer, der nicht immer nur Erfolg hatte, dem nicht immer alles easy von der Hand ging.

"Es gab viele Aufs und Abs, Gott sei Dank, immer wieder Phasen, in denen ich auf die Schnauze gefallen bin. Daraus habe ich gelernt und den nächsten Entwicklungsschritt gemacht", so Deutschlands Fußballer des Jahres 1972 und 1973.

Dazu war er auch gerne Dickkopf. Diva.

Doch was zähle, sei der Charakter, sagt Wolfgang Overath: "Egal, wie er sich gekleidet, welche Autos er gefahren oder was er alles erreicht hat: Er ist immer ein ganz feiner Mensch geblieben." 

Auch wenn er mit Trainer-Legende Weisweiler immer wieder aneinandergeriet. Er genoss viele Freiheiten, wusste aber auch: Funktioniert es nicht, fliegt er. "Bei allen Streitereien mit Weisweiler: Er hat mich gemacht und Borussia Mönchengladbach", sagt Netzer.

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Die legendäre Selbsteinwechslung

Legendär der Höhepunkt des Zwists der beiden Alphatiere: Netzers Tor zum 2:1 im DFB-Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln.

Netzer wechselte sich beim Stand von 1:1 selbst ein und erzielte wenigen Minuten später das Siegtor. Ein sensationelles in den Winkel natürlich. Wenn schon, denn schon.

Netzer: "Vieles in meinem Leben war Bestimmung. Wenn man einen Film dreht mit der Geschichte, sagen die Leute: So ein Kitsch. Das Faszinierende ist, dass es wirklich passiert ist."

Wie der Rest auch. Auch wenn ihm so viel Ehre ein bisschen unangenehm ist.

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