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In Hessen wurde ein Schiedsrichter brutal niedergeschlagen. Jetzt legte sich der Verband auf eine Strafe fest
In Hessen wurde ein Schiedsrichter brutal niedergeschlagen © Twitter/TheRoyalShovel
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Die zunehmende Gewalt gegen Unparteiische bereitet Fußball-Deutschland Sorgen. BFV-Schiedsrichter-Lehrwart Manfred Kranzeder spricht bei SPORT1 Klartext.

Das Maß ist voll. Unmittelbar nach dem Wochenende, an dem die Schiedsrichter der Berliner Amateurligen mit ihrem Streik einen kompletten Spieltag lahmlegten, um auf die wachsende Gewalt gegen Unparteiische aufmerksam zu machen, macht ein erschreckendes Video aus dem hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg die Runde.

Auf ihm ist zu erkennen, wie ein Spieler des dortigen C-Kreisligisten FSV Münster in der Partie gegen den TV Semd Schiedsrichter Niels Czekala unmittelbar nach seinem Platzverweis einen Fausthieb verpasst und dann ungerührt den Platz verlässt. Der 22 Jahre alte Unparteiische war daraufhin mehrere Minuten bewusstlos und wurde mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht. 

Berliner Schiedsrichtersprecher wird deutlich

"Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter in Deutschland geben", mahnte der Berliner Schiedsrichtersprecher Ralf Kisting in drastischen Worten. Das Problem sei ein bundesweites. SPORT1 sprach darüber mit Manfred Kranzfelder, dem Schiedsrichter-Lehrtwart des Bayerischen Fußballverbandes.

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SPORT1: Herr Kranzfelder, die Faustschlagattacke gegen einen Schiedsrichter in Hessen geht gerade durch die Medien. Wie ist das bei Ihnen angekommen?

Manfred Kranzfelder: Jeder tätliche Angriff auf einen Schiedsrichter ist ein No Go. Dass der Schiri beleidigt wird, ist ja heutzutage schon an der Tagesordnung. Man streitet sich um einen Einwurf an der Mittellinie, da ist der Schiedsrichter dann der große Blinde oder weiß der Teufel was. Und wenn der Stürmer dreimal das Tor nicht trifft, heißt es "Kalle, der nächste geht schon".

SPORT1: Der Fall Dieburg geht aber schon deutlich darüber hinaus…

Kranzfelder: So etwas ist natürlich schon sehr abschreckend. Deshalb tun wir uns ja auch sehr schwer, Nachwuchs zu rekrutieren. Denn du liest ja fast nichts anderes mehr als dass hier ein Schiedsrichter angegangen worden ist, dann da und dann dort. Das gibt uns schon Rätsel auf.

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SPORT1: Inwiefern?

Kranzfelder: Du kannst jungen Menschen das Schiedsrichterhobby gar nicht so schmackhaft machen, wenn solche Szenen dagegen sprechen. Das Schlimme ist ja, dass wir nur von einem Bruchteil sprechen, von ein paar Chaoten. Der überwiegende Anteil der Spiele läuft ja zufriedenstellend und ganz normal ab. Aber solche Dinge hauen dann natürlich rein, das ist klar.

SPORT1: Der Berliner Schiedsrichtersprecher Ralf Kisting hat ein sofortiges Umdenken auf den Amateurplätzen gefordert, "bevor es den ersten toten Schiri gibt". Ist das übertrieben?

Kranzfelder: Nein, man muss schon mit so klaren Aussagen kommen. Alles andere ist Wischiwaschi und bringt nichts. Man muss hier auf die höchste Stufe gehen, um das Problem so publik zu machen, dass es wirklich auch verstanden wird. Auch den Streik in Berlin halte ich nicht für falsch. Das regt zum Nachdenken an. Aber es ist eine Momentaufnahme. In zwei, drei Wochen interessiert das schon niemanden mehr.

Kranzfelder: Nur im Fußball werden Schiedsrichter so massiv angegangen 

SPORT1: Ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem oder aus Ihrer Sicht auf den Fußball beschränkt?

Kranzfelder: Ich kenne keine andere Sportart, wo der Schiedsrichter derart massiv angegangen wird wie im Fußball. Ich weiß auch nicht warum. Die Handballer haben es drin. Wenn abgepfiffen ist, wird der Ball hingelegt, sonst bekommt der Spieler zwei Minuten. Da wird nicht der Ball weggeschlagen. Beim Eishockey dürfen nur der Spielführer und der Assistent mit dem Schiedsrichter reden. Für alle anderen ist das tabu. Und daran halten die sich, das haben die alle drin. Nur im Fußball nicht. Das ist die große Sportart hierzulande und jeder meint, er ist da der Beste.

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SPORT1: Wenn junge Schiedsrichter anfangs in den untersten Klassen pfeifen, wo mitunter die Aggression der vorherigen Woche auf dem Platz ausgelebt wird, erleichtert das den Einstieg auch nicht zwingend...

Kranzfelder: Es ist ganz klar: Je höher die Liga ist, in der der Schiedsrichter pfeift, desto einfacher wird es. Da ticken die Spieler einfach anders. Aber unsere Schiedsrichter fangen ja mit Jugendmannschaften an. Am Anfang geht da ein Betreuer mit. Da ist immer jemand dabei, der auf sie aufpasst, ihnen Tipps gibt und der im Umfeld für Ruhe sorgt.

Eltern sorgen für Hektik beim Jugendfußball

SPORT1: Ist Letzteres tatsächlich schon im Jugendfußball nötig?

Kranzfelder: Im Jugendbereich haben wir nicht das Problem mit den Spielern, sondern da kommt die ganze Hektik von außen. Denn jedes Elternteil, jede Oma und jeder Opa meint ja schon, ihr Sprössling sei der nächste Nationalspieler. Darum müssen wir da einen Betreuer mitschicken, der da ein bisschen für Ordnung sorgt. Sonst macht der Schiedsrichter zwei Spiele und sagt dann: Das tue ich mir nicht mehr an, da schmeiße ich meine Pfeife wieder weg. Dann bildest du 30 aus und 20 hören wieder auf. Das ist ja nicht Sinn und Zweck der ganzen Sache. Wenn einer das erste halbe bis Dreivierteljahr überstanden hat und ihm die Schiedsrichterei taugt, dann bleibt er dabei.

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