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München - Der WM-Titel 1990 jährt sich zum 30. Mal. Ein Blick hinter die Kulissen eines einzigartigen Sommers in Italien - mit zahlreichen kuriosen Anekdoten.

Alle sind eingeweiht, nur der Hase nicht. Kaltern in Südtirol, im Juni 1990: Bundestorwarttrainer Sepp Maier, ehrenamtlich auch als Bundesspaßvogel im Dauereinsatz, hat wieder mal was ausgeheckt - und alle machen sie mit.

Hauptsache, der Sepp hat einen nicht selbst im Visier, denken sich die deutschen Nationalspieler, die sich in jenen Tagen anschicken, zum dritten Mal Weltmeister zu werden. Und diesmal trifft es den allseits beliebten Adi Katzenmaier, DFB-Physiotherapeut und ehrenamtlicher Seelenmasseur.

Der Schlachtplan an diesem 7. Juni lautet wie folgt: Wir tauschen Adis Koffer aus, setzen in den falschen einen echten Hasen und simulieren eine schwere Verletzung im Training. Wenn der Adi dann besorgt herangeeilt kommt, springt ihm nicht das Kühlspray entgegen, sondern der Hase.

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Den Schurken in dieser Komödie gibt Andy Brehme, der plötzlich wie vom Blitz getroffen umknickt. Andy krümmt sich und jammert erbärmlich, aber kein Adi kommt. Der Physiotherapeut merkt nämlich gerade, dass es sich eigentlich nicht um seinen Koffer handeln kann, bei dem, was da vor seinen Füßen steht.

Aber als ihn Kaiser Franz von höchster Warte zum Unglücksort befiehlt ("Mensch Adi komm, der Andy braucht dringend Eis!"), da gehorcht er doch. Flotten Schrittes trifft er ein und öffnet den Koffer. So weit, so lustig. Doch der Hauptdarsteller verpatzt seinen Einsatz. Niemand hat dem Hasen gesagt, dass er gefälligst effektvoll aus dem Koffer springen soll und so bleibt er, der Bedeutung des Augenblicks gänzlich unangemessen, seelenruhig sitzen.

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Trotzdem versichert uns Thomas Berthold: "Alle grölten und lachten sich halbtot." Und der Adi? Lacht nicht mit und will, das hören alle, sofort abreisen. Er lässt sich dann doch noch beruhigen und wird vier Wochen später Weltmeister.

Es war eine schöne Zeit, damals in Italien. 30 Jahre ist es mittlerweile her, aber wer dabei war, wird nichts vergessen. Ein Rückblick auf herrlich-aufregende Tage des deutschen Fußballs, die letzten der Kaiser-Zeit.

Einen Tag nach dem Scherz mit dem falschen Hasen bricht der Tross nach Italien auf und erreicht nach dreistündiger Busfahrt das WM-Quartier "Castello di Casiglio" in Erba. Ein mittelalterliches Schloss, in dem schon Kaiser Barbarossa Hof gehalten hatte, wird nun für knapp vier Wochen das Domizil für Kaiser Franz und seine 22 Knappen in kurzen Hosen - und einen noch überschaubaren Stab aus Betreuern und Funktionären.

Der Titel ist das Ziel

Für das weitläufige Gelände, witzelte Thomas Berthold, "benötigt man einen Kompass um den Weg aus den Zimmern zum Essen zu finden". Die sportliche Orientierung fällt leichter. Kaiser Franz hat dem Kader schon zur Begrüßung in Malente gesagt: "Dass eins klar ist: Wir kommen unter die ersten Vier und das Ziel ist der Titel!"

Bundeskanzler Helmut Kohl hat es anders ausgedrückt. Er würde die Mannschaft ja gern mal in Italien besuchen, aber sein Terminkalender habe nur eine Lücke - am 8. Juli, dem Tag des Finales in Rom. Fortan arbeiten 22 Nationalspieler angestrengt darauf hin, die höchsten Autoritäten im Land nicht zu enttäuschen.

Auf dem Weg dahin werden alle Hürden genommen. Die erste ist der Platzregen, der bei der Ankunft über Erba herniedergeht. Der Trainingsplatz ist unbespielbar und so weichen die kommenden Weltmeister auf einen Dorfplatz aus. Der AS Oggiono wittert das größte Geschäft aller Zeiten und nimmt 3000 Lire Eintritt von den Kiebitzen, umgerechnet damals 4,25 DM.

Unbestätigten Meldungen zufolge soll der Klub während des deutschen WM-Aufenthaltes rund 100.000 D-Mark eingenommen haben - aber wir helfen ja gerne.

Halbe Mannschaft spielt in Italien

Schließlich sind die Italiener gute Gastgeber, was auch daran liegen mag, dass fünf Spieler bereits vor der WM nach Italien gezogen sind: die Mailänder Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann (alle bei Inter) und die Römer Rudi Völler und Thomas Berthold (AS Rom). Sie alle sind ebenso beliebt wie erfolgreich.

Die Roma-Fans wählten Völler zum besten Spieler der Saison 89/90. Inter wurde mit seinen Deutschen 1989 Meister und 1990 Supercup-Sieger Italiens und Brehme wählten sie 1989 zum besten Ausländer der Liga.

Es waren quasi sieben Heimspiele für die Deutschen. Und so, erinnert sich Guido Buchwald noch heute mit Freuden an die Busfahrten durchs Gastland, "hing an jedem zweiten Haus eine Deutschland-Fahne. Man hat gesehen, wie deutsch-freundlich die alle waren."

Vorne im Bus liegt immer ein Glücksschwein, das die Chefin des deutschen Glücksschwein-Museums Bad Wimpfen am 2. Juni eigens zum Frankfurter Flughafen gebracht hat. Das Stofftierchen hat auch einen Wunsch, wie auf seinem Bauch zu lesen ist: "Für die WM 90 recht viel Schwein, schießt viele Tore - und lasst keines rein."

Die Deutschen geben sich alle Mühe.

Auftakt nach Maß

Zum Auftakt in Mailand wartet Jugoslawien und nachdem Koch Fritz Westermann seine Spaghetti kredenzt hat, werden am Abend auch die Balkan-Zauberer verputzt - ein 4:1 leuchtet am 10. Juni von der Anzeigetafel. Der Kapitän und Doppel-Torschütze Lothar Matthäus wird zum Man of the Match gewählt, sein Solo zum 3:1 etwas später zum Tor des Jahres. Mit Recht.

Die Welt ist beeindruckt. In einer jugoslawischen Zeitung ist von "Fußball aus dem 21. Jahrhundert" die Rede und am Wegesrand stehen die applaudierenden Fans kilometerlang Spalier. Kaiser Franz gesteht seinem Spezi Sepp Maier, das habe er zuletzt bei der WM 1974 erlebt.

Nun sind sie wieder auf bestem Wege zum Titel. Das spüren auch die Ehrenspielführer Uwe Seeler und Fritz Walter bei ihrer Stippvisite in Erba. Der alte Fritz lobt: "So stark hat die Nationalmannschaft seit Jahren nicht gespielt." Er muss es ja wissen.

Die Wüsten-Kicker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten eignen sich jedenfalls nicht zum Stolperstein. Obwohl die DFB-Spieler 19 Stunden Ausgang bekommen haben und fast alle auswärtig übernachten, wobei die Italien-Legionäre sogar in ihren eigenen Betten schlafen können, lässt die Konzentration nicht nach.

Aktivurlaub mit der Großfamilie

5:1 heißt es nach einem schwülen Sommerabend in San Siro, wo die VIP-Gäste die Flucht vor einem Sommergewitter ergreifen müssen. Das Achtelfinale ist schon erreicht. Nach einem Weißwurstessen gibt der Kaiser ein paar Stunden frei und wieder nutzen die Spieler die Gelegenheit, die Gegend am Comer See zu erkunden. Einige fahren sogar Wasserski.

Lothar Matthäus spielt den Fremdenführer für Andy Möller, Olaf Thon belegt bei den Bayern-Kollegen einen Crash-Kurs im Schafkopfen, und Pierre Littbarski zieht mit Frank Mill los, um mal ein paar andere Gesichter zu sehen. Klappt nicht ganz, das Restaurant, das sie sich erwählen, ist das Stammlokal von Andy Brehme - und den treffen sie dort prompt nebst Gemahlin wieder. Italia 90 hatte etwas von Aktivurlaub mit Großfamilie.

Jürgen Kohler schrieb in seinen Memoiren: "Es war die beste Stimmung, die ich mit der Nationalmannschaft je erlebt habe. Der Franz hatte uns gewähren lassen und ist nicht wie ein Schießhund hinter uns hergerannt, um uns zu kontrollieren. Es war ihm egal, ob einer fünf Minuten früher oder später ins Bett ging oder mal ein, zwei Bierchen trank. Er hatte die nötige Lässigkeit, über den Dingen zu stehen."

Das große Ziel verlieren sie aber nicht aus den Augen. Das 1:1 gegen Kolumbien ist zwar das schwächste Spiel und doch kein Zeichen von Schwäche - man ist ja längst im Achtelfinale und lässt es lockerer angehen.

Das geht nun nicht mehr.

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Siegen für Rudi

Am 24. Juni wartet wieder in Mailand der alte Rivale aus den Niederlanden, schon in der Qualifikation der Gegner (1:1 und 0:0). Diesmal gibt es einen Sieger, das Ergebnis von 2:1 geht in die DFB-Annalen ein als große Genugtuung, das Schicksal des Rudi Völler zu Herzen. Der Stürmer erhält den am wenigsten berechtigten Platzverweis der WM-Historie.

Von Widerpart Frank Rijkaard unerlässlich provoziert und drei Mal angespuckt, schickt der Argentinier Lousteau Opfer und Täter wegen Nichts vom Platz. Im Kabinengang klären Völler und Rijkaard ihren Disput unter Männern, ehe sie von FIFA-Leuten getrennt werden. Sechs Jahre später erst kommt es zur Versöhnung.

Die Deutschen haben nun eine Zusatzmotivation: Siegen für Rudi. Sturmpartner Jürgen Klinsmann macht sein wohl bestes Länderspiel, verausgabt sich nach Kräften, trifft den Pfosten und nach "Diego" Buchwalds legendärer Linksflanke - mit zweimaligem Übersteiger - ins Tor.

Weitere Chancen einer entfesselt stürmenden deutschen Mannschaft bleiben ungenutzt, aber hinten brennt nichts an. Erstmals steht bei dieser WM Kohler in der Elf und neben ihm noch fünf Defensive, was Beckenbauer selbst als "etwas konservativere Einstellung" einschätzt - ausgeheckt in einsamen Stunden im Turmzimmer von Erba, wo sich die Videokassetten stapeln. DVD ist morgen.

Alles war richtig, als Andreas Brehme von der linken Strafraumecke ins lange Eck zum 2:0 schlenzt - zur Freude von diesmal rund 40.000 deutschen Fans. Das Gegentor durch Koemans Elfmeter stört keinen mehr. Nach der Rückkehr befiehlt der Kaiser das gesamte Team noch an die Hausbar auf ein Bier, "aber um drei Uhr ist Bettruhe". Sepp Maier wird trotzdem noch um halb sieben gesehen.

Kein Freispruch für Völler

Zu der Zeit fliegen Völler und Matthäus schon nach Rom, wo der DFB seine einzige Niederlage bei dieser WM erleidet: Vergeblich kämpft er bei der FIFA um einen Freispruch für Völler und das Streichen der Verwarnung gegen Matthäus. Man hört sie nicht mal an. Nachmittags macht der Tross eine Bootstour auf dem Comer See, ehe ein Unwetter den Familienausflug beendet.

Es war angeblich nichts gegen das Donnerwetter, das am 1. Juli in der Kabine über die Spieler niedergeht, die gerade das Halbfinale erreicht haben. Kaiser Franz aber ist das 1:0 gegen dezimierte Tschechen durch einen Matthäus-Elfmeter zu wenig. Er fragt in seinem Zorn sogar einen Balljungen, ob er nicht mitspielen wolle und gibt Brehme die Order, Klinsmann keinen Ball mehr zu geben.

In der Kabine dann fliegt ein Eiskübel - und wer kann, rettet sich ins Entmüdungsbecken. "Ich habe immer gedacht, ich hätte eine intelligente Mannschaft. Aber die habe ich nicht", grollt der Kaiser.

Guido Buchwald weiß davon nichts, aber dann fällt ihm ein, warum: "Ich war ja zur Dopingkontrolle." Für die Heimat ist es ein Traumtag, in der DDR wird die D-Mark eingeführt, die Wiedervereinigung ist nur noch Formsache. Und so haben die Nationalspieler bei dieser WM so viele Fans wie nie: 80 Millionen.

Nun galt es Abschied zu nehmen von Mailand, das Halbfinale findet in Turin statt - gegen England.

Halbfinale erstmals in Grün

An diesem 4. Juli tragen sie erstmals grüne Hoffnungs-Hemden. Noch etwas ist anders: Beckenbauer gibt unerwartet Olaf Thon eine Chance im Mittelfeld, obwohl der erst vier Minuten gespielt hat. Rudi Völlers Comeback nach seiner Sperre endet noch vor der Pause, da muss er verletzt gegen Kalle Riedle ausgewechselt werden.

Es entwickelt sich ein großes Spiel. Nach 60 Minuten geht Deutschland durch einen abgefälschten Brehme-Freistoß in Führung. England aber gibt nicht auf und profitiert von einem Missverständnis zwischen Bodo Illgner und Klaus Augenthaler. Gary Lineker erzielt den verdienten Ausgleich.

In der dramatischen Verlängerung treffen beide Teams den Pfosten, aber keiner ins Tor. Es kommt zum Elfmeterschießen. Kaiser Franz hat Mühe, fünf Schützen zu finden. Stefan Reuter und Jürgen Kohler weigern sich standhaft, Riedle und Berthold lassen sich breitschlagen.

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Aber Berthold muss nicht mehr ran. Während Brehme, Matthäus, Riedle und Thon verwandeln, scheitert Stuart Pearce an Bodo Illgner, der erstmals in diesem Turnier beschäftigt wird. Für Chris Waddle ist der Druck vor dem fünften Elfmeter zu groß, er schießt über die Latte und damit Deutschland zum dritten Mal in Folge ins WM-Finale.

Als Thomas Berthold kurz nach Abpfiff in der englischen Kabine aufkreuzt zum Trikottauschen, erlebt er seinen größten Gänsehaut-Moment bei dieser WM: Er erwartet Trauerminen, doch stattdessen singen sie, Zigarren und Getränke machen die Runde. "Das war großartig", schwärmt Berthold.

Engländer verstehen zu verlieren, auch Trainer Bryan Robson gratuliert Beckenbauer aufrichtig, schlägt allerdings vor, das Elfmeterschießen schleunigst wieder abzuschaffen.

Der Kaiser, ganz Gentleman, findet es "bedauerlich, dass ein solches Spiel durch Elfmeterschießen entschieden wird". Auch Argentinien verdankt dieser Regelung sein Finale, so hat es Italien eliminiert.

Finaltag in Rom

Dann kommt der 8. Juli 1990, der Tag, an dem auch Helmut Kohl Zeit für Fußball hat. Der Kanzler der Einheit wird das einseitigste Finale der WM-Geschichte sehen - und das war sogar zu erwarten. Argentinien 1990 ist in einem Zustand, der eines WM-Finales eigentlich nicht würdig ist.

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Eine durch Sperren und Verletzungen dezimierte Mannschaft, die alle Hoffnungen auf Maradonas Anwesenheit reduziert und die regulär nur zwei Spiele gewonnen hat. Beckenbauers Elf ist Favorit im Kampf von Rom.

Schon beim Abschlusstraining geht sie "in Führung", denn sie verjagt die Argentinier im Olympiastadion vom Platz, obwohl die noch eine halbe Stunde Übungszeit haben. Die Deutschen kommen einfach früher. "Schaut’s her Männer, die haben wir jetzt schon mal verdrängt, die werden wir auch im Endspiel verdrängen", sagt Psychologe Beckenbauer.

Da ist es auch egal, dass die Finalelf noch nie exakt so zusammengespielt hat. Der Teamchef entscheidet sich im Mittelfeld für das Kölner Duo Littbarski/Häßler und gegen Olaf Thon. Beckenbauer: "Er war gesetzt. Aber beim Kaffeetrinken sah ich ihm in die Augen und spürte: Es ist nicht sein Tag." Häßler erfährt Dankbarkeit für sein Qualifikations-Tor gegen Wales, wie Kaiser Franz später zugibt.

Seine Elf spielt gut an diesem Tag gegen einen Gegner, der nur ins Elfmeterschießen will. Bodo Illgner muss nur einen gefährlichen Ball halten, eine hohe Rückgabe von Brehme. Bei den Deutschen aber stürmen selbst die Verteidiger. Berthold köpft knapp drüber, Libero Augenthaler wird im Strafraum gelegt, der Elfmeter-Pfiff bleibt aber aus.

Buchwald schaltet Maradona aus und verfolgt ihn wirklich noch bis aufs Klo - beide müssen zur Dopingprobe. Da ist er schon Weltmeister, denn nach 85 Minuten holt Rudi Völler einen Elfmeter heraus. Die Argentinier, da schon zu zehnt und am Ende gar zu neunt, protestieren vergeblich.

Lothar Matthäus allerdings verweigert den Einsatz am Kreidepunkt, er trägt rechts einen neuen Schuh und fühlt sich unsicher. Denn nach einer Viertelstunde war ein Stollen gebrochen, später die ganze Sohle. Andy Brehme übernimmt den nationalen Auftrag, Deutschland zum WM-Titel zu schießen. Zentimeter neben dem Pfosten landet der Flachschuss im Tor.

Ein Schuss für die Ewigkeit.

"Helmut, senk den Steuersatz!"

Dann, um 21.50 Uhr, pfeift Senor Méndez ab. Um 22.03 Uhr erhält Lothar Matthäus, der überragende Spieler dieser WM, den Weltpokal aus den Händen des italienischen Staatspräsidenten Cossiga.

Bundeskanzler Kohl, der 1986 in Mexiko noch tröstende Worte finden musste, darf nun in der Kabine Glückwünsche aussprechen und erntet übermütige Reaktionen: "Helmut, senk den Steuersatz!", singen die Weltmeister. Völler spritzt den Kanzler mit Champagner voll, Littbarski duscht in voller Montur.

Nur einer ist in der Lage, sich still zu freuen. Das Bild vom einsam entrückten Franz Beckenbauer, der mit der Goldmedaille um den Hals über den Platz spaziert, über ihm ein strahlender Vollmond und ein aufsteigendes Flugzeug, geht um die Welt. Lichtgestalt nennt man ihn heute, vielleicht auch wegen dieses Moments der Besinnung im Mondlicht.

Kurz danach bietet der Kaiser allen Spielern das Du "und auch meine Freundschaft" an. Rudi Völler stößt Andy Möller, damals 22, an und sagt: "Nun sag doch mal 'Du' zu Franz" und alle lachen. Es folgt eine lange Nacht im Familienkreis in der Villa La Borghesiana zu Rom, in der keiner schläft.

Jedenfalls nicht im Bett. Buchwald nickt auf der Wiese ein, ein paar Meter weiter schließen Matthäus und Brehme bei einer Flasche Bier vor der aufgehenden Sonne ewige Freundschaft. Uwe Bein fällt in den Pool, weil er denkt, es sei eine Plane drüber, und Sepp Maier wirft sich auf einen Rasensprenger.

Und Adi Katzenmaier? Setzt sich ans Klavier und ist im Mittelpunkt der Ovationen. Denn die Spieler grölen lauthals mit. "Er kannte nur ein Lied, das hat er bestimmt eine Stunde lang gespielt. Aber wir haben um ihn rumgestanden und die ganze Zeit rhythmisch geklatscht", erinnert sich Jürgen Kohler. Spätestens jetzt hatte er seine Lausbuben, die ihm den faschen Hasen untergejubelt hatten, wieder lieb.

Am nächsten Morgen geht es heim. Nach durchfeierter Nacht sind nicht mehr alle bei Stimme, aber bester Laune, als ihnen Tausende auf dem Römer in Frankfurt huldigen. Dass einige Weltmeister ihren Namen nicht mehr ins Goldene Buch schreiben konnten, ist aber nicht mehr als ein böses Gerücht und wäre auch egal.

Schließlich haben sie Geschichte geschrieben, damals in Bella Italia.

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