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München - Fritz Keller steht vor dem Aus als Präsident des DFB. Schon jetzt stellt sich eine Grundsatzfrage bezüglich seiner Nachfolge. Wer kann den Verband retten?

Wenige Tage nach der Konferenz der Regional- und Landesverbände des DFB zeigt sich recht gut, warum der größte Einzelsportverband der Welt reformbedürftig ist. 

Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius wurde bei der Tagung das Vertrauen entzogen. Curtius reagierte am Montag darauf, indem er indirekt seinen Rücktritt anbot. Gleiches legte er Keller nahe - doch der scheint stur zu bleiben. 

Wegen seines Skandals rund um die Freisler-Äußerung will Keller sich nun vor dem Sportgericht erklären. Als zuständiger Richter käme in solchen Fällen ausgerechnet der Mann in Frage, den Keller mit dem NS-Richter Roland Freisler verglichen hat: Vizepräsident Rainer Koch. 

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Zu diesem Szenario wird es freilich nicht kommen, doch es zeigt ganz gut - ebenso wie die jüngste öffentliche Auseinandersetzung mit DFL-Boss Seifert -, wie verworren die Pfade beim DFB sind. 

Egal wer als Richter in Frage kommt, dass Keller seinen Posten nach der Übergabe des Falls an das DFB-Sportgericht noch halten kann, ist ungewiss respektive eher unwahrscheinlich. 

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Es stellt sich die Frage: Wie könnte es im Falle von Kellers Aus beim DFB weitergehen? 

Option 1: Frischer Wind  - durch Lahm?

Wenn Keller nicht mehr zu halten ist, dann könnte ein ähnliches Szenario erfolgen wie bei Ernennung Kellers zum Präsidenten im September 2019. Damals stellte der Gastronom, Winzer und Fußballfunktionär einen Kandidaten von außen dar - also keine Person, die Karriere beim DFB gemacht hat. 

Bei diesem Gedanken kommt man schnell auf den Namen Philipp Lahm. Der ehemalige Nationalspieler hat zwar bereits als Chef des Organisationskomitees der EM 2024 einen Job beim DFB, fällt aber trotzdem in die Kategorie frischer Wind. 

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Das hat zum einen mit dem jungen Alter des 37-Jährigen zu tun, aber auch mit seinem Ruf. Lahm könnte als Reformer auftreten, der grundlegende Veränderungen in den Verband bringen will. Er ist eine Legende im deutschen Fußball und außerordentlich beliebt. Außerdem hat er als Unternehmer gezeigt, dass ihm auch die Funktionärsseite liegt. 

Die Angst einiger hochrangiger Mitglieder im DFB könnte sein, dass ein neuer Präsident ohne - oder mit kurzer - DFB-Vergangenheit dahin guckt, wo aus ihrer Sicht nicht hingeguckt werden soll. Für diese Aufgabe wurde Keller in den Verband geholt, aber diese Tätigkeit scheint ihm nun zum Verhängnis geworden sein.

Der Streit rund um den unpassenden Vergleich Kellers ist erst dadurch entstanden, dass der 64-Jährige bei so manchen Akten ganz genau hinsieht. Daher ist fraglich, ob der DFB für Kellers Nachfolger einen womöglich unbequemen Reformer vorsieht. 

Eine verwandte Variante ist, dass ein Nachfolger aus der deutschen Politik kommt. Als ein solcher kommt der derzeitige Präsident des deutschen Bundestags Wolfgang Schäuble in Frage.

Option 2: Etablierung eines Vorstandsvorsitzenden 

Derzeit ist der DFB in einen e.V. - der Verband an sich - und eine GmbH rund um die Nationalmannschaft geteilt. 

Der Verband könnte sich ein Beispiel an der DFL nehmen, die von einem Vorstandsvorsitzenden geleitet wird, der als operativer Manager auftritt. Der DFB könnte ebenfalls auf einen Vorstandsvorsitzenden setzen, der den Verband dann führen würde, wie es bei einem Unternehmen der Fall ist. 

Das würde zur Professionalisierung und Modernisierung des DFB beitragen, was dem Verband mit Sicherheit guttun würde. Es würden beispielsweise umstrittene Gremien abgeschafft werden, an deren Teilnahme einige DFB-Funktionäre verdienen, deren Nutzen zuletzt allerdings überschaubar blieb.   

Eine solche Lösung hätte aber auch einen Nachteil. Dieser liegt darin, dass die gemeinnützige Arbeit rund um den Amateurfußball und den Frauenfußball zu kurz kommen könnte. Amateurvereine würden diesen Schritt also wohl nicht gutheißen.

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Option 3: Ein Nachfolger aus den eigenen Reihen

So etwas wie der Klassiker beim DFB.  

Vor Keller wurde Reinhard Grindel zum Präsidenten gewählt, der zuvor Schatzmeister des DFB war. Gleiches Phänomen zeigte sich bei Theo Zwanziger und Egidius Braun. Nur drei Beispiele von vielen. 

Wenn es erneut auf eine interne Lösung hinauslaufen sollte, dann würde Koch hoch in der Verlosung stehen. Im Profifußball genießt er allerdings nicht den besten Ruf. Er steht nicht für Aufbruch, sondern eher für den alten DFB, der zuletzt immer mehr in die Kritik geraten ist. 

Koch kann sich auf die Fahnen schreiben, dass er den bayerischen Fußballverband modernisiert hat. Ähnliches ist mit dem DFB aber kaum zu erwarten. Gegen Koch lief außerdem bereits ein Verfahren wegen Untreue, das allerdings mangels Tatverdacht fallengelassen wurde. 

Der Schattenmann in dem Gebilde ist Stephan Osnabrügge, der auch gute Chancen auf die Nachfolge von Keller zu haben schien - allein schon, weil er Schatzmeister ist. Der 50-Jährige kann gut mit Zahlen umgehen und ist bekannt dafür, dass er ein Macher ist, der durchgreift. Wie Koch steht er für den Amateursport. 

Osnabrügge verkündete bei der Konferenz der Regional- und Landesverbände allerdings, dass er sich beim nächsten DFB-Parteitag nicht zur Wiederwahl stellen will. Es kann also sein, dass er genug vom Konstrukt DFB hat. Es könnte sich aber um taktisches Kalkül handeln, denn Osnabrügge werden eigentlich große Ambitionen nachgesagt. 

Wer ist Favorit auf die Keller-Nachfolge? 

Die Rückzugs-Ankündigung von Osnabrügge könnte auch mit einem ehemaligen Geschäftsführer des FC Schalke 04 zu tun haben: Peter Peters. 

Der 58-Jährige könnte der heimliche Favorit sein, falls Keller aus dem Amt ausscheidet. Peters ist als Vizepräsident des Ligaverbandes gleichzeitig Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender beim DFB. 

Peters kommt aus dem Profifußball und ist sowohl in diesem Bereich als auch im DFB beliebt. Das könnte dazu führen, dass er sich in einem "Wahlkampf" gegen Koch durchsetzt. Oder es kommt doch zu einem großen Knall rund um Lahm. 

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