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Im SPORT1-Interview spricht Duisburg-Coach Torsten Lieberknecht über den Restart der 3. Liga und äußert Verständnis für die Proteste.

Die dritte Liga ist zurück!

Nach der Coronapause geht es am Samstag mit dem 28. Spieltag weiter, nachdem es zuvor teils große Diskussionen gab, über die Saison in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. An der Spitze thront dabei der MSV Duisburg, der am Sonntag zum Restart-Auftakt bei 1860 München gefordert ist (3. Liga: 1860 München - MSV Duisburg ab 13 Uhr im LIVETICKER).

Im SPORT1-Interview spricht MSV-Coach Torsten Lieberknecht über das Training in der Coronakrise, den Zustand der "Zebras" und den Protest einiger Drittliga-Klubs.

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SPORT1: Herr Lieberknecht, wie sind Sie durch die Coronakrise gekommen?

Torsten Lieberknecht: Erstaunlich gut bis jetzt. Es ist eine Situation, die für alle schwierig war, und für viele immer noch ist, nicht nur für uns Fußballer und Leute aus den Vereinen. Ich habe Familie, Frau und drei Kinder, da wird man täglich mit den Problemen konfrontiert, egal ob es Schule oder das allgemeine familiäre Miteinander betrifft. Ich habe eine gewisse Demut entwickelt, für mich ist das der beste Weg.

Es nutzt nichts sich zu ärgern, oder aufzuregen. Gelassenheit bringt einen viel weiter, denn man kann sowieso nichts an der Situation ändern. Es ist wie mit dem guten Wolf und dem bösen Wolf aus der Indianer-Sage. Gewinnen tut am Ende der, den Du fütterst, so heißt es da. Und so habe ich für mich entschieden: Ich geb´ alles für den guten Wolf, den mit der Hoffnung und der Zuversicht auf bessere Zeiten.

Lieberknecht: "Eine Art Notfallplan entwickelt"

SPORT1: Wie hat der MSV während der Krise trainiert und war das überhaupt möglich?

Lieberknecht: Wir haben eine Art Notfallplan entwickelt, die Spieler haben viel Einzeltraining mit Laufeinheiten gemacht, aber hier in Nordrhein-Westfalen waren ja auch durch das Go der Landesregierung früh Zweiergruppen möglich und das haben wir dann auch durchgezogen. Seit Montag sind unter Einhaltung aller Vorgaben im Trainingslager hier in Duisburg, und wir können wieder Mannschaftstraining durchführen. Ich selbst hab mich durch Läufe fit gehalten.

SPORT1: Konnte Sie überhaupt auf die Mannschaft irgendwie einwirken während der harten Beschränkungen?

Lieberknecht: Wir haben, wie viele andere Unternehmen auch, moderne Kommunikationsmittel genutzt. Mannschaftssitzungen haben wir über Zoom Meetings abgehalten, es gab WhatsApp Gruppen über die Trainingsziele definiert und kommuniziert wurden. Ich habe natürlich die Spieler immer wieder telefonisch kontaktiert und das persönliche Gespräch gesucht – das braucht viel Fingerspitzengefühl, denn manche telefonieren gerne, andere nicht.

Man darf den Jungs einerseits nicht auf den Nerv gehen, andererseits ist es für mich als Trainer wichtig zu wissen, wo jeder steht, wie die Gemütsverfassung ist. Ich bin bekannt dafür stets nah an der Mannschaft zu sein, und ganz ehrlich: Zu normalen Zeiten ist das viel leichter als während der Krise, da war die Schwierigkeit, daß man viel mehr abwägen musste um den richtigen Ton und die richtige Zeit für Gespräche zu finden. Als das Gruppentraining dann wieder erlaubt war, standen wir als Trainer vor der Herausforderung uns neue Gedanken zu den Inhalten zu machen.

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SPORT1: Wie sieht es mit der Fitness ihrer Mannschaft aus? Besteht da hoher Nachholbedarf?

Lieberknecht: Überhaupt nicht. Die Jungs haben hart und vorbildlich an sich gearbeitet. Durch unsere Intervallläufe und Sprinteinheiten, gepaart mit der nötigen Regeneration, war die Trainingsintensität insgesamt sehr hoch. Aber man muss klar sagen: Wettkampf ist immer was anderes, nach dem ersten Spiel über zwei mal 45 Minuten sind wir alle schlauer.

SPORT1: Die Bundesliga und die Zweite Liga spielen schon wieder, haben Sie Spiele im TV geschaut, wie ist Ihr Eindruck? War die Zwangspause ein Leistungsdämpfer?

Lieberknecht: Klar habe ich geguckt, und meiner Meinung nach: Ganz klar nein, kein Leistungsdämpfer. Alle Spieler wirkten sehr gut vorbereitet und wissen worauf es ankommt. Ich konnte in Sachen Zweikampfverhalten, Antrittsschnelligkeit oder Gesamtkondition über 90 Minuten keine Schwächen feststellen, bei keinem. Auch das Niveau der Spiele empfand ich qualitativ als sehr hoch.

"Meine Trainerkollegen haben es da jetzt nicht leichter"

SPORT1: Es gibt ja immer noch Proteste der Vereine aus ostdeutschen Verbänden, wie zum Beispiel Halle, Jena oder Magdeburg, gegen den Neustart der 3. Liga. Man macht Wettbewerbsnachteile geltend, weil in Sachsen-Anhalt beispielsweise rigidere Kontaktbeschränkungen gelten als in NRW. Können Sie das nachvollziehen?

Lieberknecht: Natürlich. Es geht nichts über das Mannschaftstraining, wo Zweikämpfe geübt werden, Laufwege einstudiert oder Standards neu gesetzt werden. Darüber hinaus gibt es selbstverständlich die soziale Komponente, Fußball ist und bleibt ein Mannschaftssport, und ein mannschaftlicher Geist von Zusammenhalt und Willen kann sich nur einstellen, wenn die Mannschaft zusammen kommt. Da feuert man sich gegenseitig an, da kommt man auch schon mal über den Flachs, den Spaß am Sport, am Spiel. So prägt sich unter anderem natürlich auch Motivation. Und klar, meine Trainerkollegen in anderen Bundesländern haben es da sicherlich jetzt nicht leichter.

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SPORT1: Wenn Sie vorausschauen: Der MSV ist Spitzenreiter und gilt als Aufstiegsfavorit. Einverstanden?

Lieberknecht (lacht): Ich sag's mal so: Unser Ziel vor der Saison war oben mitzuspielen. Wie jeder weiß, sind unsere finanziellen Mittel aber beschränkt gewesen, wir haben nur einen kleinen Kader. Wir müssen auch hier mit unseren Emotionen haushalten und demütig bleiben, auch vor dem Hintergrund möglicher Verletzungen. Am liebsten hätten wir diese Herausforderung mit unseren tollen Fans gestemmt.

Wir sind jetzt Erster, und natürlich geben wir alles damit es am Ende der Saison so bleibt. Die Mannschaft ist hungrig, spielt attraktiv, und als Trainer bereitet es Freude die Mannschaft dabei zu unterstützen. Wir müssen jetzt diszipliniert bleiben. Und die Situation, so wie sie uns vom Verband und der Politik vorgegeben wird, annehmen. Da heißt es auch Haltung zu zeigen und die Fähigkeit mitzubringen Veränderungen hinzunehmen. Das können wir, und das machen wir. Und dann hoffen wir, dass sich unser Traum erfüllt.

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