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Marcell Jansen hat seine Fußballschuhe nach 242 Bundesliga-Spielen an den Nagel gehängt
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München - Rudi Völlers Kritik am überraschenden Karriereende von Marcell Jansen wirft Fragen nach dem Berufsbild des Fußballprofis auf. Auch zwei SPORT1-Experten diskutieren mit.

Für viele Fans ist Fußballprofi immer noch der Traumberuf schlechthin, der für die breite Masse dennoch schier unerreichbar bleibt. Der Sprung auf die große Bühne Bundesliga gelingt auch im Jahr 2015 nach wie vor nur den Wenigsten.

Auch deshalb erscheint es umso ungewöhnlicher, wenn sich - wie zuletzt Marcell Jansen - einer dieser Auserwählten im Alter von nur 29 Jahren davon verabschiedet.

"Dafür habe ich kein Verständnis. Wer so etwas macht, hat den Fußball nie geliebt", echauffierte sich Rudi Völler am Samstag im ZDF über den frühzeitigen und freiwilligen Rücktritt des ehemaligen Nationalspielers.

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Gerade mit Blick auf Jansens Vorbildfunktion sei sein ungewöhnliches Karriereende ein "Schlag ins Gesicht für jeden Sportinvaliden oder Jugendlichen, der irgendwann mal Fußballprofi werden will", erklärte der Sportdirektor von Bayer Leverkusen seine heftige Kritik.

Schreibtisch statt Stadion

Jansen, der sich nach seinem Vertragsende beim Hamburger SV bewusst gegen die Offerten einiger ausländischer Vereine entschieden hatte, weil er "nicht zwei, drei Jahre noch irgendwo spielen" wollte, wo er "nicht zu 100 Prozent dahinterstehe", möchte sich nun neuen Projekten wie einem eigenen Startup-Unternehmen widmen.

Also Anzug statt Trikot, Meeting statt Training, Schreibtisch statt Stadion. Und das alles nicht aufgrund schlimmer Verletzungen, sondern aus freien Stücken?

Auch für Andreas Möller ist das schwer nachvollziehbar. Völlers Weltmeisterkollege von 1990 hat seine Schuhe selbst erst mit 37 Jahren an den Nagel gehängt und denkt eigentlich immer noch gerne zurück.

"Wenn man Profifußballer ist, dann ist es das Schönste, was es gibt. Man kann sein Hobby zum Beruf machen, etwas Besseres gibt es nicht", sagte der SPORT1-Experte. "Ich hoffe, das war eine Entscheidung, die er nicht irgendwann einmal bereut."

Ausstieg nach über zehn Jahren Profigeschäft

Bereut hat Jansen den Schritt nach eigenem Bekunden zumindest in den ersten vier Wochen nach der Bekanntgabe ganz und gar nicht: "Herr Völler hatte Recht, das Fußball-Geschäft habe ich nie geliebt, aber akzeptiert, denn das Fußball-Geschäft hat mir vieles ermöglicht und dafür bin ich sehr dankbar! Dennoch kann ich sagen, dass mein Leben schon vor meiner Karriere als Profi mindestens genauso lebenswert war!", schrieb der WM-Dritte von 2006 und 2010 am Sonntag auf Facebook.

Jansen weiter: "Der Fußball, den ich so sehr liebe, der wird überall gespielt! Auf den Straßen und in der Kreisliga bis hin zur Bundesliga. Nach zwölf Jahren Berufsfußballer möchte ich nun mein Hobby wieder zurück. Darauf freue ich mich."

Seine differenzierte Sichtweise auf das Profigeschäft dürfte viele Beobachter mindestens genauso überrascht haben wie der Schlussstrich nach 242 Bundesliga-Spielen.

Fußball als Beruf ist ein knallhartes Business, in dem man seine eigenen Bedürfnisse schon von klein auf zurückstellen muss, um überhaupt erfolgreich zu sein. Wer nicht spurt, schafft es im Normalfall eben nicht, so einfach ist das.

"Keiner kann sich ein Urteil erlauben"

Völlers Aussagen über den "Aussteiger" Jansen spiegeln genau diesen extremen Anpassungsdruck wider und wirken dabei wie eine etwas zu ungestüme Attacke gegen einen vermeintlichen Nestbeschmutzer - gegen einen, der da einfach nicht mehr mitmachen will.

Das sieht auch Stefan Schnoor so, der aus Liebe zu seinem Sport noch mit 40 Jahren in der fünften Liga gespielt hat. Ganz weit weg von den Mechanismen des Geschäfts.

Simon Rolfes
Simon Rolfes hat seine Karriere im Sommer beendet © Getty Images

"Ich finde, es sollte jedem selbst überlassen sein, ob und aus welchen Gründen er aufhört. Keiner kann sich da ein Urteil erlauben, weil wir keine Interna kennen", meinte der SPORT1-Experte und schob nach: "Jetzt zu sagen, er habe den Fußball nie geliebt, das ist starker Tobak und passt überhaupt nicht. Vielleicht sollte Herr Völler auch mal Simon Rolfes fragen, warum der aufgehört hat."

Rolfes, der beinahe zehn Jahre Stammspieler und Kapitän bei Völlers Werkself war, hatte bereits während seiner im Sommer beendeten Karriere mit dem Studium des Sport-Managements begonnen.

Frühes Karriereende als neuer Trend?

Der 33-Jährige wird dem Fußball neuer Funktion treu bleiben, wollte den Zeitpunkt seines Wechsels vom Rasen an den Spielfeldrand aber trotzdem - wie Jansen auch - selbst bestimmen. Künftig wird er als Karriereberater anderen Profis zur Seite stehen.

Und anders als sein langjähriger Vorgesetzter Völler wähnt Rolfes sich und seinen einstigen Nationalmannschaftskollegen Jansen damit durchaus in einer Vorreiterrolle.

"Der Trend wird dahin gehen, dass Fußballer eher Anfang 30 ihre aktive Laufbahn beenden. Dann ist man wenigstens noch jung, wenn der zweite Teil des Lebens beginnt", so der Vize-Europameister von 2008.

Für die heutige Spielergeneration ist der Traum vom Fußballprofi anscheinend auch irgendwann mal ausgeträumt.

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