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München - Die Trennung von Dirk Schuster kam sicher überraschend. Aber der FC Augsburg hat auch einige stichfeste Gründe für die Entlassung seines Trainerteams.

Nur 166 Tage hat sich Dirk Schuster beim FC Augsburg im Amt gehalten. Seit der Rückkehr in den bezahlten Fußball vor 14 Jahren bedeutet das die kürzeste Amtszeit eines FCA-Trainers überhaupt.

Die Entscheidung am Mittwoch, sich zwei Spieltage vor Ende des Kalenderjahres vom Trainer und dessen Team zu trennen mag überraschend erscheinen. Zudem kursieren Gerüchte um einen Trennungsgrund abseits sportlicher Grundlagen. Aber das sind bisher lediglich Spekulationen.

Was verbrieft ist, sind die Erklärungen von Stefan Reuter. Und der führte ausschließlich sportliche Gründe für die Demission Schusters an. "Die Art und Weise, wie wir spielen, hat nichts mehr mit dem FC Augsburg zu tun, wie wir ihn sehen wollen", sagte der Geschäftsführer, der "keinen Konsens" über die zukünftige Ausrichtung mehr erkennen konnte.

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Aber sind Reuters Aussagen auch zu belegen? Eine Bestandsaufnahme.

- Die Fakten

Augsburg steht mit 14 Punkten aus 14 Spielen auf Rang 13, der Abstand auf den Relegationsrang beträgt vier Punkte. Das ist nicht besonders prickelnd, aber für Augsburger Verhältnisse auch noch kein Grund, in Panik zu verfallen. Schon gar nicht in Augsburg, wo zuletzt im April 2009 ein Trainer entlassen wurde.

Mit nur 16 Gegentoren hat Augsburg die mit weitem Abstand beste Defensive aller Kellerkinder. Auf der anderen Seite hat auch keine Mannschaft weniger als magere elf Tore selbst erzielt.

Augsburg hat die wenigsten Stürmertore erzielt (drei), die wenigsten Torschüsse durch seine Angreifer abgegeben (30) und überhaupt erst sieben Großchancen erspielt. Halil Altintop, Dong-Won Ji und Außenverteidiger Konstantinos Stafylidis sind mit je zwei Toren die "gefährlichsten" Augsburger Spieler bisher.

- Der Trend

Die Spiele zu Beginn der Saison waren in Ordnung. Bei den Siegen in Bremen und in Ansätzen auch gegen Darmstadt, sogar bei der Niederlage in Leipzig zeigte Augsburg nicht nur soliden Defensivfußball, sondern auch ein vernünftiges Spiel mit dem Ball.

Dieser kurze Trend wandelte sich in den letzten Wochen aber bedenklich. Seit dem Sieg gegen ein völlig indisponiertes Ingolstadt Anfang November gingen die Offensivabläufe komplett verschütt. Augsburg spielte tatsächlich Schuster-Fußball aus dessen Darmstädter Zeit.

Das war auch der Verletzungsmisere im Angriff geschuldet, mit Finnbogason, Raul Bobadilla und Caiuby fehlen sehr wichtige Spieler, Koo war ebenso verletzt wie Landsmann Ji.

- Der Umbruch

In Augsburg sind die Strukturen immer noch im Aufbau. Der Klub leistet sich zum Beispiel keine aufgeblähte Scoutingabteilung, die Arbeit hängt an Chefscout Stephan Schwarz und zwei Mitarbeitern. In diesem sehr kleinen Kreis wird die Kaderplanung vorbereitet, werden Gegner- und Spielanalysen angefertigt.

Anders als Weinzierl, der in diesem noch jungen Metier gerne noch deutlich mehr Mitarbeiter gehabt hätte und sich voll auf die Scoutingabteilung verlassen hatte, nahm Schuster zusammen mit seinem Trainerteam die Gegneranalyse und Spielvorbereitung zu großen Teilen auf sich. Zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben als Trainer.

Die Ansprache ans Team habe sich verändert. Weinzierl vertrauten die Spieler trotz dessen katastrophalen Start. Bei Schuster sei der Glaube an eine positive Wendung und fußballerische Entwicklung innerhalb der Mannschaft immer mehr gewichen. "Ich bin so dicht an der Mannschaft dran, und man entwickelt ein Gefühl. Und das Gefühl war, dass auch die Überzeugung innerhalb der Mannschaft fehlt", sagte Reuter.

Kapitän Paul Verhaegh legte auf der Pressekonferenz am Donnerstag nach: "In der Mannschaft war nicht die hundertprozentige Überzeugung da."

- Die Ausrichtung

Die am häufigsten gestellte These nach dem Rauswurf lautete: Augsburg hätte wissen müssen, welchen Trainertyp und welche Spielausrichtung sich der Klub mit Schuster ins Haus holt.

Aber: Schuster ist noch relativ frisch im Trainergeschäft. Mit Darmstadt war er sowohl in der 2. Liga als auch in der Bundesliga stets der Außenseiter, der aus Mannschaften ohne individuelle Klasse das Maximum herausholen musste. Darin war er offenbar ein Meister, wie zwei Aufstiege in Folge und der Klassenerhalt mit Darmstadt belegen.

In Augsburg findet man grundsätzlich eine andere Kaderstruktur vor. Mit fußballerisch stärkeren Spielern wie Martin Hinteregger, Daniel Baier, Ja-Cheol Koo, Jonathan Schmid oder Alfred Finnbogason.

Dementsprechend dürften sich die Gespräche zwischen Klub und Trainer in der Findungsphase auch weniger um Schusters "Darmstadt-Fußball" gedreht haben, sondern darum, wie der Trainer selbst mit dieser Mannschaft den nächsten Schritt in seiner eigenen Entwicklung machen könnte. Wie er an die Muster von Markus Weinzierl anknüpfen und diese verfeinern könnte.

Der oft geäußerte Vorwurf, Augsburg hätte sich mit Schuster schließlich auch Schuster-Fußball ins Haus geholt, ist zu einfach konstruiert.

- Das Gerücht

Der kicker berichtet von einem Gerücht über einen Vorgang, der - sollte er sich so zugetragen haben - Schusters Aus wenn nicht verursacht, so doch beschleunigt haben könnte.

Demnach soll Schuster nach dem Spiel in Hamburg am Sonntagvormittag nicht beim Training gewesen sein. Er soll sein Fehlen gegenüber der Mannschaft mit Magen-Darm-Problemen entschuldigt haben. Einige Spieler, so heißt es im Umfeld der Mannschaft, hätten jedoch mitbekommen, dass Schuster am Morgen vom Mannschaftsarzt wegen einer Verletzung am Kopf behandelt worden sei.

Am Dienstag war Schuster mit einem blauen Auge beim Training erschienen sein.

Reuter sagte dazu am Donnerstag: "Von einer Schlägerei weiß ich nichts. Dirk Schuster hat einen Cut, der am Sonntagmorgen genäht wurde. Es hat nichts mit der Beurlaubung zu tun. Er hat gesagt, dass er gestürzt ist und ich habe keinen Grund ihm das nicht zu glauben."

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