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SPORT1-Experte Stefan Effenberg glaubt nicht an eine Krise beim FC Bayern. Jerome Boateng verteidigt er. Doch ein Aspekt bewertet Effenberg kritisch.

Liebe Fußball-Freunde,

nach der ersten Saison-Niederlage des FC Bayern bei Hertha BSC gehen die Diskussionen darüber los, warum es bei den Bayern in den letzten beiden Spielen nicht so läuft.

Wenn man die Spiele sieht und gegen den FC Augsburg und in Berlin nur einen Punkt holt, ist das natürlich zu wenig für die Bayern. Sie spielen zu viel klein, klein, wollen den Ball ins Tor tragen. Aber man sollte jetzt auch nicht übertreiben. Die Trikotfarbe stört mich viel mehr. Mit Verlaub bitte: Sowas hast Du im Urlaub an, aber nicht auf dem Fußballplatz.

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Doch im Ernst: Ich mache mir keine Sorgen, die werden ins Rollen kommen. Der nächste Bundesliga-Gegner Gladbach tut mir fast schon ein bisschen leid. Denn wenn du die Bayern reizt, werden sie antworten. Sie mussten einen Schlag vor den Bug bekommen, damit sie merken, dass sie mehr investieren müssen. Das werden sie jetzt tun. Es ist ja auch nicht so, dass die Spielweise und Philosophie des FC Bayern durchschaut wurden und alle jetzt sagen: Genau so müssen wir spielen.

In der 1:1-Situation kannst du sie aufgrund ihres Potenzials nicht stoppen. So eine Niederlage wie gegen Berlin ist genau die Situation, in der sie merken, dass 80 Prozent nicht genug sind. Jetzt wissen sie, dass sie an die Grenze gehen müssen und wenn sie da hingehen, sind sie nicht zu schlagen. Diese Erkenntnis kommt erst, wenn du so eine Niederlage kassierst wie in Berlin.

Was ich allerdings kritisch sehe, ist die starke Rotation so früh in der Saison. Es war zum Beispiel kein guter Schachzug von Niko Kovac, Leon Goretzka gegen Augsburg auf links zu stellen, der gehört ins Zentrum des Spiels oder muss zumindest offensiver spielen.

Auch wenn man so viel Qualität auf der Bank hat wie der FC Bayern, bin ich kein Freund einer großen Rotation. Rotation ok, aber dann nur punktuell. Es gibt Phasen innerhalb einer Saison - und in einer solchen befinden sich die Bayern gerade, wo Du das rotieren einstellen und mit deiner ersten Mannschaft auflaufen musst.

Die Rotation kann man einführen, wenn es Richtung Weihnachten geht und die Spieler von den Länderspielen kommen, viel reisen mussten. Dann habe ich Verständnis dafür. Die Situation beim FC Bayern gibt es aber gerade nicht her, fünf, sechs, sieben Spieler rauszunehmen und sieben andere zu bringen.

Dass die Niederlage in Berlin auf die Leistung von Jerome Boateng reduziert wird, ist mir zu einfach. Er hatte am Freitag einfach einen schlechten Tag, ein schlechtes Spiel. Er ist nicht auf dem Niveau, auf dem er mal war, keine Frage. Dafür muss er jetzt hart arbeiten.

Aber ihn jetzt abzustempeln ist nicht ok. Er muss sich auf den Fußball fokussieren und ist aufgrund seiner Erfahrung ein enorm wichtiger Mann. Wenn er wieder bei hundert Prozent ist, ist er für mich gesetzt.

Dass viele Nicht-Bayern-Fans hoffen, dass der BVB den Kampf um die Meisterschaft offen gestalten kann, ist völlig verständlich. Jetzt gerade läuft in Dortmund auch alles gut, die Euphorie ist da. Das alles Entscheidende wird sein, wie sie mit dem ersten Rückschlag umgehen werden. Denn der kommt sicher irgendwann.

Ich wünsche mir natürlich auch, dass es spannender wird im Kampf um die Meisterschaft. Aber Bayern wird Deutscher Meister. Vielleicht nicht mit dem Vorsprung wie die letzten Jahre, aber sie haben die stärkste Mannschaft.

Bis zum nächsten Mal

Euer
Stefan Effenberg

Stefan Effenberg hat 2001 mit dem FC Bayern die Champions League gewonnen. Mit den Bayern und Borussia Mönchengladbach wurde er zudem mehrmals Deutscher Meister und Pokalsieger. Ab der neuen Spielzeit bildet der 50-Jährige mit Marcel Reif und Reinhold Beckmann das feste Experten-Team des CHECK24 Doppelpass.

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