Ottmar Hitzfeld: Der Mann, der beide Seiten kennt
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München - Ottmar Hitzfeld avancierte durch seine erfolgreiche Zeit bei Borussia Dortmund und dem FC Bayern zur Trainer-Legende. Im SPORT1-Interview blickt der 69-Jährige auf das brisante Bundesliga-Duell am Samstag.

Es ist das Spiel der Spiele in der Bundesliga. Der BVB, ungeschlagener Tabellenführer, empfängt Rekordmeister Bayern München zum Showdown vor der Gelben Wand (Bundesliga: Borussia Dortmund - FC Bayern, Sa. ab 18.30 Uhr im LIVETICKER).

Ottmar Hitzfeld war für beide Seiten als Trainer aktiv - und erfolgreich. Sowohl mit den Münchnern als auch den Schwarz-Gelben gewann er die Champions League, hinzu kommen sieben deutsche Meistertitel (fünf mit Bayern, zwei mit dem BVB).

Im SPORT1-Interview blickt der 69-Jährige auf den deutschen Klassiker. 

SPORT1: Herr Hitzfeld, Dortmund gegen Bayern, Ihr Tipp?

Ottmar Hitzfeld: 2:2.

SPORT1: Klingt nach Spannung. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Hitzfeld: Es wird eine offene Partie, bei der alles möglich ist, denn es sind zwei Top-Mannschaften. Die aktuelle Form spricht mehr für Dortmund. Aufgrund der Erfahrung der Bayern und des Wissens, dass sie in wichtigen Spielen über sich hinauswachsen können, können sie aber auch gewinnen. Ein Sieg der Münchner kann den Wendepunkt herbeiführen.

SPORT1: Was hat Dortmund, was Bayern derzeit nicht hat?

Hitzfeld: Dortmund spielt auf einem sehr hohen Level. Die jungen Spieler machen sehr viel Freude, weil sie mit sehr viel Tempo in die Offensive gehen. Zudem hat man sich in der Defensive mit Abdou Diallo gut verstärkt. Die Neuzugänge Axel Witsel und Thomas Delaney sind zwei ganz wichtige Schlüsselspieler in der Schaltzentrale. Durch sie funktioniert das ganze Dortmund-Spiel besser und ist besser organisiert. Man hat vor der Saison sinnvolle Transfers getätigt und ein glückliches Händchen bewiesen.

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SPORT1: Glücklich ist in München derzeit kaum jemand.

Hitzfeld: Bayern hat einen guten Start erwischt. Dann gab es halt die Rückschläge. Und wenn Bayern einmal nicht gewinnt, spricht man ja schon von Krise. Das ist eine ganz andere Ausgangslage für diese Mannschaft als für Dortmund. Die Borussia kann verlieren, aber dann löst das in Deutschland kein Erdbeben aus. Wenn Bayern hingegen verliert, meldet sich jeder zu Wort. Der FC Bayern ist ein äußerst sensibles Gebilde, wodurch die Mannschaft sehr schnell Selbstvertrauen verlieren und verunsichert werden kann. Man spürt jetzt auch, dass die deutschen Nationalspieler die anderen noch nicht mitreißen können.

SPORT1: Würde ein Abkehr der Rotation zu mehr Sicherheit führen?

Hitzfeld: Ein Trainer muss sich in die Mannschaft hineinspüren, er muss reinhorchen. Es ist aber wichtig, dass Niko Kovac die Rotation jetzt ein bisschen zurückfährt und man wieder einen Stamm von acht, neun Spielern hat, der erstmal spielt. Ein Stamm, von dem ich weiß, dass ich mich in wichtigen Spielen auf ihn verlassen kann. Rotation ist aber angebracht, weil man dadurch den Vorteil des Konkurrenzkampfes hat. Spielt immer nur eine Stammelf und rotiert man gar nicht mehr, kann man sich vorstellen, was dann bei Bayern los ist.

SPORT1: Warum wirkt das Spiel der Bayern derzeit so ideenlos?

Hitzfeld: Dass sie momentan nicht so überzeugen, hängt damit zusammen, dass Bayern etwas angeschlagen wirkt und die Situation mit den vier Punkten Rückstand auf Dortmund Unruhe bringt. Das zeigt sich dann auch im Spiel. Bayern hat zurzeit nicht das nötige Selbstbewusstsein. Dann spielt man statt eines Passes in die Spitze den Ball quer. Das hängt aber nicht mit dem Konzept von Kovac zusammen.

SPORT1: Bitte erklären Sie das.

Hitzfeld: Die Mannschaft ist einfach verunsichert, und dann spielt man eben mehr auf Sicherheit. Aber das kommt ja von den Spielern. Kovac hat seinen Plan. Aber die Umsetzung ist derzeit nicht optimal, weil jeder Spieler mit sich selbst zu kämpfen hat. Kovac hat aber ein klares Konzept und trainiert sicher auch die Spielzüge und das Umschaltspiel sehr akribisch. Aber die Spieler können es nicht optimal umsetzen, weil sie nicht in Form sind. In Form kommt man nur, wenn Bayern auf Platz eins steht (lacht).

SPORT1: Uli Hoeneß stellte am Mittwochabend klar, dass er zu Kovac stehe. Der Trainer also nicht wackelt, obwohl die Auftritte zuletzt nur selten überzeugend waren und auch die Ergebnisse oftmals ausblieben.

Hitzfeld: Dass Kovac wackelt, war für mich gar kein Thema. Ich bin davon überzeugt, dass es auch bei den Bayern tatsächlich keines ist. Uli hat das ja auch schon mal klargestellt, also muss man darüber auch nicht diskutieren.

SPORT1: Können Sie die Diskussion darüber nachvollziehen, ob Kovac aufgrund der scheinbar vorherrschenden Unzufriedenheit vieler Spieler, die Kabine verloren hat?

Hitzfeld: Er hat die Kabine nicht verloren. Dass Kovac die Spieler nicht mehr erreicht, ist aus meiner Sicht eine unsinnige Behauptung. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Kovac seine Spieler erreicht. Er diskutiert viel, kommuniziert sehr gut, hat einen engen Draht zur Mannschaft, und das Vertrauen ist da.

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SPORT1: Derzeit gelangen viele Bayern-Interna an die Öffentlichkeit. Zu Ihrer Zeit in München geschah das auch schon.

Hitzfeld: Das kann man halt nicht immer verhindern, denn wir leben ja in keinem Überwachungsstaat. Es dringt immer etwas nach außen. Wenn man bei Bayern München ist, muss man eben davon ausgehen, dass die Hälfte der Spieler unzufrieden ist. Das ist normal. Wenn es dann schlecht läuft, dann ist es auch für einen Journalisten einfach, zu einem unzufriedenen Spieler zu gehen. Warum sollte der Spieler dann sagen, dass er glücklich ist, wenn er auf der Bank oder auf der Tribüne sitzt? Das geht auch nicht. Zurzeit wird halt alles überbewertet.

SPORT1: Wie bewerten Sie die Arbeit und den Auftritt von Sportdirektor Hasan Salihamidzic auf der legendären Pressekonferenz?

Hitzfeld: Seine Zurückhaltung war ein gutes Verhalten. Was hätte es gebracht, wenn er auch noch reingehauen hätte? Dafür ist er auch nicht der Typ, hochpolitische Aussagen zu machen. Das Beste wäre aber gewesen, wenn er gar nicht auf der Pressekonferenz dabei gewesen wäre. Aber er wusste ja nicht, was kommt.

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SPORT1: Abschließend zurück zu Dortmund. Wie bewerten Sie den Saisonverlauf des BVB?

Hitzfeld: Dortmund hatte in dieser Saison ein ganz wichtiges Schlüsselerlebnis gegen Augsburg. Das Spiel hätte man genauso gut verlieren können, aber man gewann nach Rückstand noch 4:3. Das sind Erlebnisse, die unglaublich viel Kraft freisetzen. Danach ist Dortmund explodiert. So ein Schlüsselerlebnis fehlt den Bayern, das ist der Unterschied.

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