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München - Joshua Kimmich hat sich 2018 beim FC Bayern und der Nationalmannschaft zum Führungsspieler entwickelt. SPORT1 blickt auf sein turbulentes Jahr zurück.

Das Wort Stammspieler trifft auf kaum jemanden so treffend zu wie Joshua Kimmich. Der 23-Jährige avancierte im Jahr 2018 zum Dauerbrenner – beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft.

Zwar wurde Kimmich mit den Münchnern in der abgelaufenen Saison Deutscher Meister. Hängen bleibt aber vor allem das Halbfinal-Aus gegen Real Madrid, die Pokalpleite im Finale, das WM-Debakel, der Abstieg aus der Nations League und die Bayern-Krise. Kimmich jedoch hat sich trotz eines sportlich schwierigen Jahres zum Führungsspieler weiterentwickelt.

SPORT1 blickt auf seine beiden turbulenten Halbjahre zurück.

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Das Jahr startet für Kimmich mit gesundheitlichen Problemen. Erstmals machen sich bei ihm die hohen, ungewohnten Belastungen des Vorjahres bemerkbar. Das Immunsystem ist angekratzt, er ist auch im Bayern-Trainingslager in Katar erkältet, muss mit dem Training aussetzen. Die Vielzahl englischer Wochen, so Kimmich, sei er "nicht gewohnt" gewesen. Schnell erholt er sich aber und kann seine Leistung abrufen. 

Tolle Auszeichnung: Von den Fans wird er per Online-Voting mit 45,3 Prozent zum Nationalspieler des Jahres 2017 gewählt und löst damit Mesut Özil ab, der den Titel in den beiden Vorjahren errang.

Bundesliga-Lauf dank Heynckes

Mit Trainer Jupp Heynckes fahren die Bayern in der Rückrunde dann einen Sieg nach dem anderen ein und werden vorzeitig Meister, bereits am 29. Spieltag feiern die Münchner vorzeitig ihren 28. Meistertitel.

Für Kimmich ist es bereits die dritte Meisterschaft in Folge, für ihn ist sie diesmal aber etwas "Besonderes". Grund: Anders als unter Carlo Ancelotti bekommt Kimmich von dessen Nachfolger Heynckes auch das Vertrauen in den wichtigen Spielen, wird unverzichtbarer Stammspieler.

"Sportlich bin ich in der Phase gereift, denn ich war in einer anderen Position. Es war mein Ziel, in den wichtigen Spielen auf dem Platz zu stehen. Das habe ich erreicht", sagt Kimmich im Gespräch mit SPORT1.

Kimmich
Kimmich © SPORT1/Plettenberg

Im März wird zudem das Katastrophen-Jahr in der Nationalmannschaft eingeleitet. Für Kimmich sind die Länderspiele gegen Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) bereits keine "tollen Spiele". Noch ahnt aber niemand, was die DFB-Auswahl bei der WM in Russland zeigen wird.

Die Saison endet mit Pleiten

Mit den Bayern erlebt Kimmich einen frustrierenden April. Trotz zweier guter Spiele gegen Real Madrid (1:2 und 2:2) im Halbfinale der Champions League scheiden die Münchner aus. Kimmich zeigt in beiden Spielen eine starke Leistung, trifft jeweils zur 1:0-Führung. Das Ausscheiden kann aber auch er nicht verhindern. Die Madrilenen machen weniger Fehler, sind reifer. Die Münchner verstehen die Welt nicht mehr - und erholen sich vom Aus in der Königsklasse nicht.

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Am 34. Spieltag Mitte Mai verlieren sie zu Hause 1:4 gegen den VfB Stuttgart. Eine Woche später folgt die bittere 1:3-Finalpleite im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt. Kimmich liefert in diesem Spiel einen Assist.

Für ihn endet damit seine erste Bayern-Saison als Vollzeit-Rechtsverteidiger. In 47 Pflichtspielen steuert er sechs Tore und 17 Assists bei, wird zum offensivstärksten Abwehrspieler in Europa. Kimmich avanciert zudem auch neben dem Platz immer mehr zu einer Leitfigur, bezieht Stellung, äußert sich kritisch - auch sich selbst gegenüber.

"Für mich persönlich war es wichtig zu sehen, dass ich auf dem Weltklasse-Niveau mithalten kann. Meine Tore gegen Real waren besondere Momente, die ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Wenn ich heute die Bilder sehe, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Auch, wenn es am Ende nicht gereicht hat", sagt Kimmich über diese Phase der Saison.

Kimmich erlebt eine WM-Blamage

Viel Zeit zum Nachtrauern ob der verpassten Möglichkeiten im DFB-Pokal und in der Königsklasse hat Kimmich nicht. Die WM steht vor der Tür. Die Löw-Auswahl zeigt in den Testspielen gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) Anfang Juni aber zwei schwache Leistungen. Im Trainingslager in Südtirol kommt zudem kein richtiges WM-Fieber beim Weltmeister von 2014 auf. Das beherrschende Thema ist vielmehr die Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, sowie die Nichtnominierung von Leroy Sane.

Kimmich spricht heute davon, dass sich während des Trainingslagers bereits etwas "angebahnt" habe. Viel zu sehr verlässt man sich in Reihen des DFB aber darauf, dass die Deutschen in der jüngeren Vergangenheit doch stets bewiesen hätten, eine Turniermannschaft zu seien, und dies auch in Russland unter Beweis stellen werden.

Dieser Glaube ist ein Trugschluss, denn nahezu kein Spieler kann in Russland kontinuierlich seine Top-Leistung abrufen. Auch Kimmich nicht. Erstmals in seiner Karriere erfährt auch der gebürtige Rottweiler öffentlich massive Kritik, denn das Abschneiden in Russland ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten.

Für Kimmich geht mit seiner ersten WM-Teilnahme dennoch ein "Kindheitstraum" in Erfüllung. Er ist gesetzt bei Bundestrainer Joachim Löw. Als im ersten Gruppenspiel gegen Mexiko (0:1) die Hymne erklingt, ist es für ihn ein "besonderer Moment" seines Lebens.

Die Deutschen werden in einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea jedoch Letzter – und scheiden bereits am 27. Juni sang- und klanglos aus. Er selbst verpasst keine Minute als Rechtsverteidiger, bleibt aber torlos und liefert auch keinen Assist.  

Kimmich hinterfragt sich

Für ihn ist das Aus in der Gruppenphase ein "Maximum an Enttäuschung", weil man "versagt" habe.

Die ersten Tage nach dem blamablen Ausscheiden kann er das WM-Debakel "nicht abstreifen". Kimmich hinterfragt seine eigene Leistung und geht direkt in die Selbst-Analyse über. In seinem Urlaub versucht er, "nicht mehr viel über Fußball nachzudenken". Das gelingt nicht immer, denn auch in der Ferne wird Kimmich immer wieder auf das WM-Aus angesprochen. Selbst, wenn er nicht als Fußballer, sondern lediglich als deutscher Urlauber erkannt wird.

"Für mich persönlich war es eine Zeit, aus der ich dennoch viel gelernt habe", sagt der 23-Jährige rückblickend. "Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, woran es lag und was ich selbst hätte tun können, um das zu verhindern."

Kimmich leitet mit diesen Gedanken einen ganz entscheidenden Schritt seiner noch jungen Laufbahn ein. Er will noch mehr Verantwortung übernehmen und zum Führungsspieler reifen.

Lesen Sie morgen: Wie Kimmich den Saison-Start mit den Bayern erlebt und er die Krise in München und den DFB-Umbruch wahrnimmt. Zudem äußert er sich über seine neue Rolle als Sechser und über sein neues Aussehen.

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