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Mönchengladbach - Max Eberl ist seit nunmehr 20 Jahren für Borussia Mönchengladbach tätig. Als Sportdirektor gilt er als Baumeister des Erfolgs in diesem Jahrzehnt.

Max Eberl war naiv. Und auch etwas blauäugig. Man könnte seine Entscheidung auch als unvorsichtig bezeichnen.

Denn am 1. Januar 1999 konnte niemand wirklich seriös beurteilen, wie es mit Borussia Mönchengladbach weitergehen würde. Die Lage: chaotisch. Die Zukunft: ungewiss. Sportlich und finanziell stand der Klub am Abgrund.

Unterschrieben hat Eberl trotzdem. Man muss ihm zugute halten: Er hat erst später erfahren, wie schlimm es um die Borussia wirklich stand.

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Max Eberl im Jahr 1999 - kurz nach seiner Unterschrift bei Borussia Mönchengladbach
Max Eberl im Jahr 1999 - kurz nach seiner Unterschrift bei Borussia Mönchengladbach © Imago

Klar war im Grunde nur, dass es nach einer desaströsen Hinrunde in die 2. Bundesliga gehen würde. Doch seinen Kontrakt hatten zwei Mitarbeiter unterschrieben, die drei Wochen später gar nicht mehr da waren. Er fragte sicherheitshalber nach, ob sein Arbeitspapier überhaupt noch gültig war.

"20 Jahre? Auf keinen Fall"

War es. Eberls erste Vertragslaufzeit betrug stolze zweieinhalb Jahre. Dass daraus mal 20 werden würden, hätte sich der damals 25-Jährige selbst in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. "Ich hätte gesagt: auf keinen Fall. Im Fußball über so lange Zeiträume nachzudenken, ist völlig utopisch", sagt Eberl.

Utopisch war es am Ende zum Glück für beide Seiten nicht.

Denn bereits der Spieler Eberl war ein Glücksgriff. Ja, er war technisch limitiert. Aber dafür eine echte Kampfsau. Vorbildlich, was Einsatz und Zuverlässigkeit betrifft. "Vom Charakter und der Einstellung her, und in der Art, wie er mitgedacht hat, hat er mir damals schon angedeutet, dass er durchaus auch für andere Bereiche im Fußball fähig sein könnte", sagt sein damaliger Trainer Hans Meyer, heute im Präsidium der Borussia.

Bei Eberl waren es mehrere Faktoren, die dazu führten, dass er sich früh Gedanken über seine zweite Karriere machte. Die Mama, die ihn antrieb, sein Abitur zu machen, denn nur dann durfte er auch Fußball spielen. Hinzu kamen Knieprobleme und Operationen. Den Sportfachwirt hatte er deshalb auch früh in der Tasche.

Auch Glück gehört dazu

Mit gerade einmal 31 Jahren wurde Eberl 2005 Nachwuchsdirektor bei der Borussia. Eine perfekte Planung? Nicht nur. "Glück gehört auch dazu", weiß Eberl. Er konnte die Nachwuchsarbeit voranbringen, seine Ideen umsetzen, sich verwirklichen, austoben. Und sich so gesehen perfekt auf den nächsten Schritt seiner Karriere vorbereiten, der schneller kommen sollte als gedacht. Denn im Herbst 2008 wurde er Sportdirektor.

Ohne Frage eine andere Hausnummer. Andere Zahlen. Ein anderer Druck, eine andere Aufmerksamkeit, ein strahlenderes Rampenlicht. Die große Bundesliga-Bühne eben.

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Eberl hatte nach dem Angebot dann auch eine schlaflose Nacht. "Meine Arbeit mache ich ehrlich und gerade. Aber reicht das für die Aufgabe, die man dir aufträgt? Das ist ja auch nicht irgendein Klub", meint Eberl, der erst kurz zuvor mit der Borussia zum zweiten Mal aufgestiegen war und die Euphorie und Begeisterungsfähigkeit der Fans erlebte, als 100.000 die erneute Rückkehr in die Bundesliga feierten.

Mut zur Veränderung

Doch Eberl hatte den Mut. Wollte etwas verändern, in Gladbach etwas aufbauen. Er wollte die Chance nutzen.

Und er nutzte sie. Wenn auch mit einem etwas längeren Anlauf. Denn Eberl ist einer, der nicht auf den schnellen Erfolg setzt, sondern etwas aufbauen will, mit einem Konzept, einer Strategie. Konstanz, Kontinuität, dazu eine große Portion Realismus, das zeichnet ihn aus. Sein Ziel: Dem Klub eine Philosophie verpassen, die zur DNA des fünfmaligen Meisters passt. Doch es dauert, das zu erreichen. Sicher und unvermeidbar sind bei dem Kampf eines Klubs wie der Borussia gegen die Großen vor allem die Rückschläge.

Wie 2011. Ohne Frage die intensivste, schwierigste und wohl auch emotionalste Phase seiner Karriere. Abstiegskampf. Existenzängste. Die Entlassung seines Kumpels Michael Frontzeck. Immer wieder Kritik, auch Anfeindungen gegen seine Person, sogar gegen seine Familie.

Favre als Wendepunkt

Dann am 14. Februar die Verpflichtung von Lucien Favre, die nicht sofort als das gesehen wurde, was sie am Ende war: die wohl beste Entscheidung seiner Amtszeit. Ein Wendepunkt. Parallel gründete sich die "Initiative Borussia", einige Revoluzzer um den Ex-Borussen Stefan Effenberg. Aus dieser Zeit stammt auch die legendäre Kritik von Klubikone Berti Vogts.

Bei SPORT1 wetterte er damals: "Eberl ist kein Borusse. Er weiß ja gar nicht, wie er in diese Position gekommen ist. Er ist wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigekommen. Eberl ist mal von Torpfosten zu Torpfosten gelaufen und mehr nicht. Er ist ein Ja-Sager von seiner Majestät Rolf Königs. Das ist ein Problem für den Klub."

Eberl ließ sich von der Stimmung gegen ihn nicht anstecken: "Je intensiver die Einschläge wurden, desto mehr hatte ich das Gefühl: Denen zeige ich es jetzt. Und das Positive ist, dass ich aus dieser Phase enorm viel gelernt habe." Der Klub schaffte unter Favre sensationell den Klassenerhalt und startete durch. Denn es fügte sich auch sportlich vieles.

Viele Glücksgriffe

Der richtige Trainer (Favre), Transfer-Glücksgriffe wie Marco Reus, Dante, Mike Hanke, später auch Leute wie Granit Xhaka, Christoph Kramer, Max Kruse oder Lars Stindl, dazu Talente aus dem eigenen Stall wie Marc-Andre ter Stegen, Tony Jantschke, Patrick Herrmann oder Mahmoud Dahoud.

Immer wieder gingen die Leistungsträger, hinterließen zwar Millioneneinnahmen und damit auch Gewinne, aber auch große Löcher im Kader. Die Kunst, die Eberl perfektioniert hat: aus der Not eine Tugend machen. Schneller sein, innovativer, anders, eine Nische finden, auf den Nachwuchs setzen und ihn fördern. Über den Tellerrand hinausblicken und auch so agieren. Es ist ein schmaler Grat, fette Fehlgriffe wie Luuk de Jong oder Josip Drmic inklusive. Doch die Philosophie, die Eberl mit der DNA verwoben hat, passt.

Und was am Ende zählt, ist die Bilanz: Vierter 2012, danach Achter, Sechster, Dritter, Vierter und zweimal Neunter. Viermal Europapokal also, davon zweimal Champions League. Aktuell überwintert Gladbach auf Platz drei. Sphären, die vor zehn Jahren komplett undenkbar gewesen wären. Auch finanziell. 23 Millionen Euro für einen Torjäger wie Alassane Plea wären ebenso utopisch gewesen.

Offen und ehrlich

Doch Eberl hat sich in die Arbeit reingefuchst, sein Profil geschärft. Er ist keiner für den roten Teppich, sondern eher für Bier und Bratwurst, hemdsärmelig. Spieler, Wegbegleiter und Kontrahenten schätzen seine Offenheit und Ehrlichkeit, denn es sind selten gewordene Eigenschaften in diesem Millionengeschäft der Eitelkeiten. Eberl vertritt dann auch mal Meinungen, die nicht so populär sind. Eberl redet zwar gerne und viel und ist dabei wortgewandt, jedoch ohne dabei ein Dampfplauderer zu sein.

Gladbachs Sportdirektor kann bei aller Freundlichkeit aber auch aus der Haut fahren. Vor allem, wenn es gegen seinen Klub und die Philosophie geht. Ungeduldigen und pfeifenden Fans schleuderte er dann auch schon mal entgegen, sie sollten doch nach München gehen.

Er selbst sollte das auch, sagte den Bayern vor rund eineinhalb Jahren aber ab. Im Gespräch ist er trotzdem immer mal wieder, wenn es bei den Bayern brennt.

Einmal Borusse, immer Borusse also? "Schwer zu sagen", meint Eberl nur: "Wie lange es tatsächlich noch wird, kann man nie wissen. Ich weiß ja auch nicht, wie lange man mich überhaupt noch will."

Dafür weiß er, dass es im Fußball ohnehin utopisch ist, über lange Zeiträume nachzudenken. Meistens zumindest.

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