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Sinsheim und München - Ungewohnt deutlich legt Bayern-Trainer Niko Kovac die Hierarchie in der Innenverteidigung fest. Niklas Süle ist die Nummer 1, ausruhen wird er sich darauf nicht.

Das Prädikat "Stammspieler" kommt im Sprachgebrauch von Niko Kovac zwar vor, verliehen oder gar ausgesprochen wird es von ihm jedoch nur selten. Sehr selten. Umso überraschender war daher, dass der Cheftrainer des FC Bayern seinen Innenverteidiger Niklas Süle am Freitagabend am Eurosport-Mikrofon dazu erklärte.

Der 23-Jährige sei derjenige, der sich seines Stammplatzes in der Innenverteidigung der Münchner zumindest vorerst sicher sein könne. Die Weltmeister von 2014, Mats Hummels und Jerome Boateng, seien hingegen diejenigen, die sich um den Platz neben Süle duellieren müssen.

"Der Trainer möchte den Spielern ja auch Vertrauen schenken", versuchte Manuel Neuer auf SPORT1-Nachfrage die Auszeichnung für Süle zu erklären. "Für ihn als jungen Spieler ist das natürlich sehr gut", sagte der Kapitän und versicherte, dass Süle keiner sei, der sich darauf ausruhe. Trotzdem gebe es ihm "natürlich Selbstvertrauen und vielleicht auch ein bisschen Ruhe, um mit breiter Brust aufzulaufen".

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Laut eigener Aussage bekam Süle von der deutlichen Botschaft seines Cheftrainers am Rande des Rückrunden-Auftakts erst mal nichts mit. Süle mimte den Überraschten, dabei dürfte er längst gespürt haben, dass Kovac auf ihn setzt, obwohl dieser auch durchaus kritisch mit seinem Schützling umgeht - auch öffentlich, wenn es sein muss.

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Dies dient aber vor allem dem Ansporn Süles. Nicht zurückzufahren, professionell zu bleiben. Denn dass er es mit der Professionalität nicht immer so genau nehme, vor allem in Sachen Ernährung, dieser Ruf eilte ihm in den vergangenen Jahren immer wieder voraus. In München jedoch gibt sich Süle keine Blöße, wirkt drahtiger und fitter denn je.

Süle: "Bin mit meiner Rolle zufrieden"

Der Lohn: In 16 der bislang absolvierten 18 Spiele der laufenden Bundesliga-Saison spielte er über die volle Distanz. Auch in den vergangenen beiden Champions-League-Partien verpasste er keine Minute.

Von allen Innenverteidigern hat er in dieser Saison bislang die meiste Einsatzzeit bekommen. "Ich habe viele Spiele machen dürfen und bin mit meiner Rolle sehr zufrieden", sagte Süle nach Abpfiff in Sinsheim. Mit beiden Händen hielt er dabei die Schlaufen seines Rucksacks fest. Eine für ihn typische Geste, wenn er nach Spielen spricht. Er zurrt die Träger dann leicht zusammen, kümmert sich scheinbar unbewusst um innere Stabilität und Sicherheit.

Ganz bewusst kümmert er sich darum in der Bayern-Defensive. Nahezu fehlerfrei und unbekümmert agiert der gebürtige Frankfurter dann in seinem Spiel. Er ist trotz seines bulligen Körpers (1,95 Meter, 97 kg) enorm schnell und stark im Zweikampf. Er besitzt die Fähigkeit, zur richtigen Zeit auch mal die Grätsche auszupacken. Im modernen Fußball eigentlich ein verpöntes Stilmittel. "Bleib oben", heißt es im modernen Trainerjargon.

Süle aber beherrscht das Boden-Tackling zur richtigen Zeit. Von Unsicherheit keine Spur. "Ich denke, dass ich mir das Vertrauen auch erarbeitet habe und der Verein auch sehen kann, dass sie mir vertrauen können", sagte Süle selbstbewusst.

Doch auch er weiß: Nur weil ihm Kovac derzeit einen Stammplatz versichert hat, ist das gewiss kein Freifahrtschein. "Bei Bayern muss man in jedem Spiel abliefern, wir sind auf jeder Position doppelt besetzt und haben nur Topspieler. Spielt man ein, zwei Spiele mal nicht so, bist du ganz schnell wieder raus. Richtige Stammspieler außer Manuel (Neuer, Anm. d. Red.) gibt es nicht. Deswegen versuche ich, jedes Spiel meine Leistung zu bringen."

Hummels und Boateng versuchen das auch. In dieser Saison gelingt dies beiden mal besser, mal weniger gut. Geprägt vom peinlichen WM-Aus, bei dem Süle nur eine Nebenrolle spielte, fanden die Abwehr-Routiniers aber schwer in die Saison. Beide plagten sich zudem immer wieder mit kleineren Verletzungen herum oder waren mal krank. Süle jedoch kam beschwerdefrei davon.

Sein Nebenmann beim 3:1-Sieg in Hoffenheim jedenfalls war Hummels. Die Abstimmung stimmte. Süle erledigte viel Grobes, Hummels half ihm dabei, aber beteiligte sich deutlich öfter am Spielaufbau. Mal war es ein flacher Pass durch die Mitte oder ein für Hummels typischer Ball mit dem Außenrist.

Boatengs Stärke hingegen sind die Diagonalbälle. Auch Süle spielt sie, wenn auch nur arg dosiert.

Boateng hatte eine "Krawatte"

Boateng aber musste in Hoffenheim überraschend auf die Bank, wurde erst kurz vor Schluss eingewechselt. Seine Mimik konnte man lange Zeit nicht entschlüsseln, denn Schlauchschal und Mütze verdeckten sein Gesicht. Er fiel aber mit verschränkten Armen tief in seinen Sitz. Für Eurosport-Experte Matthias Sammer Grund genug, Boateng zu attestieren, eine richtige "Krawatte" zu haben. Die hatte er gewiss, denn nach Spielende war der 30-Jährige einer der Ersten im Mannschaftsbus.

Süle genoss derweil noch die Heimkehr an alte Wirkungsstätte. Dort, wo er sich mit starken Leistungen für die Bayern empfahl, im Sommer 2017 sollte er dann für 20 Millionen Euro Ablöse nach München wechseln. Sein Marktwert ist laut transfermarkt.de mittlerweile auf 50 Millionen Euro angewachsen - wie auch sein ohnehin gutes Standing innerhalb des Star-Ensembles gestiegen ist.

Bestätigt fühlen dürfte sich übrigens auch Jupp Heynckes, der Süle in der Vorsaison prophezeite, mal ein "Weltklassespieler" werden zu können. Süle ist auf dem besten Weg dahin.

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