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München - Domenico Tedesco tauscht Kapitän Ralf Fährmann gegen den ehrgeizigen Alexander Nübel aus. Eine heikle Rochade, bei der ihm selbst nicht ganz wohl zu sein scheint.

Es ist kein Positionswechsel wie jeder andere - und Domenico Tedesco weiß es.

Einen Torwart auszutauschen, die Nummer 2 zur Nummer 1 zu machen und umgekehrt: Es gibt keine Personalentscheidung, mit der ein Trainer mehr Widerhall erzeugen kann.

Und der Coach des FC Schalke 04 wirkt so, als wäre ihm selbst nicht ganz wohl dabei, sie getroffen zu haben.

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Getan hat er es dennoch. Alexander Nübel stand am Samstag beim 2:1 gegen den VfL Wolfsburg zwischen den Pfosten, nicht mehr Ralf Fährmann, der Kapitän. Es ist ein scharfer Einschnitt - auch wenn Tedesco aus nachvollziehbaren Gründen alles tat, um ihm die Schärfe zu nehmen.

Torwart-Tausch bereitet Tedesco schlaflose Nächte

Der Trainer des Tabellen-Zwölften sprach von einer "Momentaufnahme", dass seine Entscheidung "keine endgültige" sei. Und sie ihm dennoch schon schlaflose Nächte bereitet hätte.

Es scheint, als wolle sich Tedesco doppelt und dreifach gegen den Eindruck absichern, dass er eineinhalb Jahre nach der umstrittenen Absetzung von Benedikt Höwedes leichtfertig den nächsten Schalker Kapitän abserviert.

Tatsächlich wäre dieser Vorwurf unfair: Tedesco stand lange zu Fährmann, ließ auch im vergangenen Herbst, als Fährmann sich schon einmal verletzungsbedingt von Nübel vertreten lassen musste, keinen Zweifel an seiner Loyalität zu ihm aufkommen. Fährmann bleibe Nummer 1, erklärte Tedesco damals und erstickte damit jede Diskussion im Keim.

Der zunehmend unsichere Eindruck, den Fährmann danach hinterließ, sorgte aber dafür, dass sie den Trainer wieder einholte.

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Ehrgeiziger Nübel will Nummer 1 sein

Der 30 Jahre alte Fährmann spielte in seinen vergangenen sechs Liga-Auftritten nicht mehr zu Null, holte sich auch im Vorbereitungsspiel gegen Genk (2:2) kein Selbstvertrauen. Tedesco sah Anlass zu reagieren, der acht Jahre jüngere Nübel bekam seine Chance - und der ehrgeizige Keeper wird alles tun, sie zu nutzen.

Der in Paderborn geborene Nübel spielt seit 2015 auf Schalke und hat den Anspruch, dort mittelfristig auch zur unumstrittenen Nummer 1 aufzusteigen. Oder zu gehen und sich diesen Job bei einem anderen Klub zu erarbeiten.

Nübel (wie Fährmann beraten von der Agentur Siebert & Backs) hat bei Schalke einen Vertrag bis 2020, aber er hat zuletzt durchblicken lassen, dass er sich in der kommenden Saison nicht mehr mit einem Platz auf der Bank zufriedengeben will. Er will spielen und sich zu diesem Zweck entweder verleihen lassen, wenn das bei Schalke nicht klappt. Oder den Klub auch ganz verlassen. "Es ist nichts ausgeschlossen", sagte er im November im kicker.

Ein abgeklärter, moderner Torhüter

Die Ansprüche der neuen Nummer 1 rühren nicht nur daher, dass er in seinen bisherigen Einsätzen für Schalke (darunter zwei Zu-Null-Spiele in der Champions League gegen Galatasaray) wenig Anlass zur Kritik gab. Auch gegen Wolfsburg überzeugte er, war am Gegentreffer von Elvis Rexhbecaj schuldlos.

Alexander Nübel ist Stammtorhüter der deutschen U21-Nationalmannschaft
Alexander Nübel ist Stammtorhüter der deutschen U21-Nationalmannschaft © Getty Images

Der 1,93-Meter-Mann Nübel ist Stammtorhüter in der U21-Nationalmannschaft, gilt als einer der Besten seiner Generation. Er ist technisch beschlagen, strahlt eine für sein Alter nicht selbstverständliche Ruhe und Abgeklärtheit aus. Seine Eröffnung gilt als besser, sein Spiel moderner als das von Fährmann, der vor allem im Strafraum seine Stärken hat.

Fährmann kämpft um seine Zukunft

Gerade auch vor diesem Hintergrund ist die T-Frage bei Schalke heikel. Der Tausch Fährmann - Nübel wirkt wie ein Generationswechsel, wie Alt gegen Neu. Genau der Eindruck, den Tedesco vermeiden will.

Umso erfreuter wird er sein, dass Fährmann seine vorläufige Degradierung zu akzeptieren scheint, keinen Stunk macht und sich in den Dienst der Sache stellt.

Tedesco tut er damit einen großen Gefallen, nicht nur weil diesem noch der Fall Höwedes in den Knochen steckt. Auch der Abgang von Naldo - zu Saisonbeginn erst zum Vize-Kapitän ernannt, dann aber von der Konkurrenz überholt - lief nicht ohne Nebengeräusche. Benjamin Stambouli hatte eben erst Naldos Vize-Posten übernommen, gegen Wolfsburg rückte er dann gleich zum Spielführer auf. Wenngleich Tedesco umgehend klarstellte, dass Fährmann Kapitän bleibt. Diese Baustelle wollte er nicht auch noch aufreißen.

Nach insgesamt über 13 Jahren im Schalker Trikot ist Fährmann eine Institution bei S04. Er ist bis 2022 gebunden, also eigentlich noch eine Weile als Nummer 1 und Führungsspieler vorgesehen. Wenn Nübel nun aber dauerhaft an ihm vorbeizieht, ändert sich auch für ihn die Geschäftsgrundlage.

Rost rät zum Wechsel

Frank Rost, einer der Vorgänger von Fährmann auf Schalke, legt dem zum Ersatzkeeper degradierten Kapitän einen Wechsel nahe. "Ich glaube nicht, dass es noch großartig Sinn für ihn macht, auf Schalke zu bleiben", sagte der Ex-Schalker skysport.de

Rost weiter: "Es ist schon skurril, aber er muss hoffen, dass Alexander Nübel mal ein schlechtes Spiel macht oder ein neuer Trainer kommt. Die Profi-Laufbahn ist zu kurz, um auf der Bank zu sitzen."

Für Rost besteht kein Zweifel daran, "dass Ralf einen Bundesliga-Verein findet, wo er spielen kann. Und dann hieße es im Sommer: 'Neues Spiel, neues Glück - aber in anderen Farben'."

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